WISO-Tipp: Eltern-Kind-Kur

Wie Sie Ihre Kraftreserven wieder aufladen

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Familie, Haushalt, Beruf, Krankheit, persönliche Schicksale – es gibt viele Gründe, warum Mütter und Väter überlastet sind. Oft bleibt ihnen kaum Zeit, im Alltag neue Kraft zu tanken. Das kann auf Dauer krank machen. Wie Sie eine Mutter- bzw. …

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5 min
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Video verfügbar bis 07.11.2017, 19:25

Ob in einer Partnerschaft lebend oder alleinerziehend: In vielen Fällen wollen Mütter und Väter den Spagat zwischen Familien- und Berufsleben schaffen – und damit der Familie, den Kindern und dem Arbeitgeber gerecht werden. Wenn viele kleine und große Belastungen im Alltag zum Dauerstress werden und die Kraftreserven aufgebraucht sind, können gesundheitliche Probleme die Folge sein – und ernstzunehmende Erkrankungen entstehen.

Dagegen können Mutter-Kinder- oder Vater-Kind-Kuren helfen. In den meist dreiwöchigen Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen sollen sich Eltern von körperlichen und seelischen Belastungen erholen und lernen, ihren Alltag langfristig gesünder zu gestalten. Entsprechende medizinische und psychosoziale Maßnahmen werden deutschlandweit in über 130 Einrichtungen angeboten.

Wann eine Kur notwendig ist

„Wann ist eine Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Kurmaßnahme erforderlich? In der Regel können Sie sich das selbst beantworten – indem Sie sich fragen: Wann habe ich meine Grenze erreicht?“, erklärt Anne Schilling. Sie ist Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. „Oft kommen zu uns auch Mütter oder Väter, die einen Angehörigen pflegen oder ein chronisch krankes oder behindertes Kind haben.“

Bestimmte Faktoren können ein Hinweis darauf sein, dass Mütter oder Väter die Grenzen der eigenen Belastbarkeit erreicht haben – etwa Schlafstörungen, Erschöpfungszustände, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Störungen, Kopf- oder Rückenschmerzen.

Mutter-Vater-Kind-Kuren im Jahr 2015

  • In Deutschland begeben sich pro Jahr durchschnittlich 110.000 Mütter und Väter wegen seelischer oder körperlicher Probleme in stationäre Vorsorge- oder Rehakuren.
  • 49.000 Mütter, 1.500 Väter und 72.000 Kinder haben 2015 allein an Kurmaßnahmen des Müttergenesungswerks zur Vorsorge oder Rehabilitation teilgenommen. Davon erhielten 2.300 Mütter und ihre 3.900 Kinder Zuschüsse aus Spendengeldern, um die Kurmaßnahme antreten zu können.

Quelle: Elly Heuss-Knapp-Stiftung, Müttergenesungswerk

Warum eine Kur wichtig ist

Für alle Betroffenen gibt es eine gute Nachricht: Die Krankenkassen stimmen einer Kur immer häufiger zu. 2015 haben die Kassen fast 90 Prozent der beantragten Kuren bewilligt. Das entspricht rund 135.000 Mutter-/Vater-Kind-Kuren. In Kosten sieht das so aus: Gab die gesetzliche Krankenversicherung 2012 rund 325 Millionen Euro für Mutter-/Vater-Kind-Kuren aus, waren es 2015 bereits 390 Millionen Euro – also knapp 20 Prozent mehr.

„Das ist gut und richtig so“, sagt Anne Schilling: „Denn: Mutter-Kind-Kuren, Vater-Kind-Kuren, aber auch reine Mütterkuren bzw. Väterkuren sind seit 1. April 2007 Pflichtleistungen“ und damit ist die Grundlage zur Sicherung dieses Gesundheitsangebotes für Mütter und Väter geregelt. Heißt: Jeder gesetzlich Versicherte, der Kinder erzieht und die medizinischen Voraussetzungen für eine solche Maßnahme erfüllt, hat Anspruch auf drei Wochen medizinische Vorsorge oder Rehabilitation in einer entsprechenden Klinik.

Zur Vorsorge und Rehabilitation für Elternteile

Mutter-/Vater-Kind-Kuren – das sind medizinische Maßnahmen zur Vorsorge und Rehabilitation für Elternteile bei Erschöpfungszuständen bis zum Burnout, Ängsten, depressiven Verstimmungen, psychosozialen Drucksituationen im familiären Umfeld (zum Beispiel Trennung, Trauerverarbeitung, Gewalterfahrungen), körperlichen Beschwerden (zum Beispiel Atemwegserkrankungen, Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen, Allergien, Adipositas). Es gibt auch Spezialisierungen oder Schwerpunktmaßnahmen zur Vorsorge oder Reha u. a. für:

  • Mütter oder Väter mit behinderten Kindern
  • Mütter oder Väter mit frühgeborenen Kindern
  • Mütter oder Väter mit pflegebedürftigen Angehörigen

„In mütter- oder väterspezifischen Kurmaßnahmen können Betroffene den Akku aufladen. Sie können Krankheiten besser in den Griff bekommen und – ganz wichtig! – die Beziehung zu den Kindern stärken“, erklärt Anne Schilling.

WISO-Tipp: Alle Fragen rund um die Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme klären Sie zunächst einmal in einem umfassenden Beratungsgespräch. Beratungsstellen unterstützen Sie beim Kurantrag. Sie erfahren außerdem alles Wissenswerte über Tagesablauf und Therapien und Sie erhalten weiterführende Infos über die stationäre Unterbringung in einer Kurklinik.

Beratungsstellen in Ihrer Nähe finden Sie zum Beispiel auf den Internetseiten des Müttergenesungswerks, Arbeiterwohlfahrt, Caritas oder Deutsches Rotes Kreuz. Die Beratung ist kostenfrei.

Einen Kur-Antrag stellen

Wie Sie eine Mutter-Kind oder Vater-Kind-Kur beantragen – das liegt ganz in Ihrer Hand. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten.

Anne Schilling vom Müttergenesungswerk rät, „zuerst eine Beratungsstelle aufzusuchen. Denn hier haben Sie die Chance, sich ausführlich informieren zu lassen.“ Zudem finden Sie hier Beratung zu möglichen Therapien und entsprechenden Kliniken. Im Fall einer Ablehnung eines Antrags kann eine Beratungsstelle außerdem helfen Widerspruch einzulegen. Allerdings ersetzt eine Beratungsstelle nicht den Arztbesuch. Ob eine Mutter-Kind-Kur bewilligt wird, hängt zuerst von der Diagnose des Arztes und letztendlich von Ihrer Krankenkasse ab.

Daher können Sie einen Antrag für eine Mutter-oder Vater-Kind-Kur auch direkt über einen (Fach)Arzt abwickeln. Die Antragsformulare erhalten Sie bei Ihrer Krankenkasse. In diesem Antrag muss der Arzt attestieren, dass eine Mutter-Kind-Kur für Sie notwendig ist. Sollte Sie Ihr Kind zur Kur begleiten, benötigt es – sofern es auch krank ist -  ein Attest vom Kinderarzt. Dabei spielt es keine Rolle, ob Ihr Kind behandelt werden muss. Der ausgefüllte Antrag auf Kostenübernahme wird mit dem Attest an die Krankenkasse geschickt. Dort wird dann geprüft, ob Sie eine Kurmaßnahme benötigen.

Stationäre Kuren

Bei stationären Kuren können Sie bei Antragsstellung eine Wunsch-Klinik angeben. Die Krankenkasse entscheidet letztendlich über die  Klinik, muss aber Ihre Wünsche „angemessen“ berücksichtigen. Dieses „Wunsch- und Wahlrecht“ wurde 2015 ausdrücklich auf diese Kurmaßnahmen ausgeweitet. D.h. Sie können auch Widerspruch dagegen einlegen.

Rund zehn Prozent aller Anträge werden abgelehnt

Achtung: Rund zehn Prozent aller Anträge werden abgelehnt. „Beim Attest raten wir immer dazu, den Arzt zu bitten, dieses so detailliert wie möglich auszufüllen. Wenn der Arzt schreibt schwere Erschöpfung und sonst nichts, dann ist das zu wenig. Wenn er aber schreibt schwere Erschöpfung mit Schlafstörungen, Gereiztheit mit Unruhe, dann ist das was anderes“, rät Anne Schilling vom Müttergenesungswerk. Wichtig ist auch im Attest, auf die familiäre Situation hinzuweisen, zum Beispiel auf vorhandene Mehrfachbelastungen, Trennungs- und Trauersituationen, fehlende Unterstützung.

Wichtig: Urlaubstage müssen für den Kuraufenthalt nicht beantragt werden. Der Arbeitsgeber ist verpflichtet, Sie für die Dauer der Vorsorge- bzw. Rehamaßnahme freizustellen. Er muss Ihnen in dieser Zeit auch weiter das volle Gehalt zahlen.

WISO-Tipp: Sie sind verpflichtet, Ihren Arbeitgeber über  Antrittstermin sowie Dauer der Kurmaßnahme zu informieren. Legen Sie ihm dazu die Bewilligungsbescheinigung der Krankenkasse vor.

Wie Privatversicherte eine Kur beantragen

Der Weg, um als Privatversicherte eine Vorsorge- oder Rehamaßnahme zu beantragen, ist im Prinzip der gleiche. Allerdings: „Wenn Sie privat versichert sind, dann haben Sie privat einen Vertrag mit dieser Versicherung abgeschlossen. Und damit, ob Kur-Maßnahmen mit zur Leistung gehören, oder nicht oder in welchem Umfang. Das kommt auf den individuellen Vertrag an“, weiß Anne Schilling vom Müttergenesungswerk.

Heißt: Bei den privaten Krankenkassen gibt es in der Regel einen Basistarif. Dieser Basistarif deckt im Wesentlichen den Umfang der gesetzlichen Krankenkassenversicherung ab – und damit auch Kur-Maßnahmen. Allerdings: Haben Sie einen anderen Tarif abgeschlossen, dann ist das eine vertragliche Situation zwischen Ihnen und der Privatversicherung.

WISO-Tipp: Schauen Sie vor Antragsmeldung in Ihren Vertrag und prüfen, welche Leistungen in welchem Anteil abgedeckt sind oder ob Sie eine Zusatzversicherung benötigen.

Ob privat oder gesetzlich versichert: Sobald der Antrag bei der Krankenkasse eingegangen ist, wird geprüft, ob alle erforderlichen medizinischen Unterlagen beigefügt und aussagekräftig sind. Ist das der Fall, prüft gegebenenfalls der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) den Antrag.

Der Aufenthalt in einer Kurklinik

„Eine Mutter- oder Vater-Kind-Kur hat überhaupt nichts mit einem Krankenhausaufenthalt zu tun“, sagt Anne Schilling vom Müttergenesungswerk. Denn: „Ein Krankenhausaufenthalt ist eine Akutversorgung – eine Kur-Maßnahme ist das nicht“.

Kur-Kliniken bieten vielfältige Angebote zur körperlichen und seelischen Genesung. Ausgehend von der gesundheitlichen und persönlichen Lebenssituation wird für Mütter oder Väter ein individueller Behandlungsplan mit Ärzten und Therapeuten erstellt. Ziele werden laut Anne Schilling gemeinsam mit Ihnen definiert: „Was steht für Sie im Zentrum? Was wollen Sie erreichen?“ Der individuelle Behandlungsplan umfasst u. a.:

  • medizinische Diagnostik und Behandlungen
  • psychosoziale Therapien
  • Physiotherapie
  • Sport- und Bewegungstherapie
  • Entspannungsangebote
  • Kreativtherapien
  • Ernährungsberatung
  • Beratung weiterführender Maßnahmen
  • Mutter- oder Vater-Kind-Interaktionsangebote

Wichtig: Voraussetzung für eine Mutter- oder Vater-Kind-Maßnahme ist immer, dass die Mutter oder der Vater krank ist. „Ein Kind kann krank sein, muss es aber nicht. Beispiel: Ein Vater kann auch mit drei gesunden Kindern zu einer Vater-Kind-Maßnahme fahren.“

WISO-Tipp: Holen Sie auch für die Kinder beim Kinderarzt ein Attest. Wenn das Kind gesund ist, ist das kein Problem. Wenn das Kind aber selbst krank und behandlungsbedürftig ist, dann wird die Krankenkasse auch über dieses Attest entscheiden. Im besten Fall fahren Sie mit ihrem Kind, welches auch behandlungsbedürftig ist, in eine Klinik und ihr Kind bekommt dort ebenfalls einen Therapieplan.

Distanz zum Alltag

Für den langfristigen Erfolg der Kur ist die Distanz zum Alltag entscheidend: „Mütter oder Väter haben die Chance, in einer Kurklinik mit Unterstützung von Experten und Expertinnen auf ihren Alltag zuhause zu schauen und Belastungen und ihre Sicht darauf zu verändern. Oft sind sie Zuhause oder im Beruf so eingebunden, dass sie nicht den nötigen Abstand haben, um stressauslösende Faktoren zu erkennen“, sagt Schilling.

Wahl der Klinik

Die Wahl der Klinik ist wichtig für einen Therapieerfolg. Allerdings: Versicherte haben keinen Rechtsanspruch auf eine Klinik ihrer Wahl. Den Zeitpunkt der Kur können sie mitbestimmen. Viele Krankenkassen entscheiden „nach pflichtgemäßem Ermessen“. Das heißt, dass sie den Wunsch des Versicherten berücksichtigen sollen. WISO-Tipp: Um die Chancen auf die Wunschklinik zu erhöhen, ist es wichtig, dass im Antrag schon die Wahl der Klinik begründet wird. Oft gelingt es Beratern dabei zu vermitteln.

Wenn der Antrag abgelehnt wird

Doch was, wenn der Antrag von den Krankenkassen erst gar nicht genehmigt wird? Anne Schilling rät: „Legen Sie einen Widerspruch ein, in der Regel haben Sie dafür 4 Wochen Zeit. Je nach Fall können Sie zur Beratungsstelle gehen, die hilft Ihnen beim Widerspruch.“

Fehlt im Schreiben der Hinweis auf diese Möglichkeit, bleibt Ihnen sogar ein Jahr Zeit. Wichtig: Im Widerspruch muss begründet sein, warum die Kur nötig ist.

„Je nachdem, was Ihre Krankenkasse Ihnen schreibt, können Sie aber auch einfach nochmal  Ihre familiäre und gesundheitliche Situation darlegen. Sie können nochmal deutlich machen, warum für Sie diese Maßnahme so wichtig ist. Wenn Sie beispielsweise keine detaillierte Informationen über die Gesundheitssituation oder die familiäre Belastung an den Sachbearbeiter ihrer Krankenkasse preisgeben möchten, besteht auch die Möglichkeit, solche Informationen in einem verschlossenen Brief mitzuschicken und diesen an den Medizinischen Dienst der Krankenkasse zu adressieren. Dann darf die Krankenkasse diesen nicht aufmachen. Und dann können Sie in Ihrem Anschreiben auf die Informationen an den Medizinischen Dienst verweisen“, so Schilling.

Prüfen, erläutern, Widerspruch einlegen

  • Prüfen Sie mit Hilfe einer Beratungsstelle für Mutter- oder Vater-Kind-Kuren den Ablehnungsbescheid der Krankenkasse. Denn: Unterlagen und Attest wurden möglicherweise nicht detailliert genug ausgefüllt.
  • Erläutern Sie Ihrem Arzt noch einmal ausführlich Ihre gesundheitlichen Probleme und familiären Belastungen – und lassen sich ggf. ein zusätzliches Attest ausstellen.
  • Legen Sie schriftlich Widerspruch bei Ihrer Krankenkasse ein – innerhalb von vier Wochen. Achtung: Die erneute Überprüfung kann bis zu einem halben Jahr dauern. Immerhin: Zweidrittel aller Widersprüche haben Erfolg!

Gesetzlicher Eigenanteil

Der gesetzliche Eigenanteil für eine dreiwöchige Vorsorge- oder Rehamaßnahme für Mütter, Väter, Mutter-Kind oder Vater-Kind beträgt einheitlich 220 Euro (zehn Euro pro Tag). Die Kosten für Therapien, Unterkunft und Verpflegung übernimmt die Krankenkasse. Für einkommensschwache Eltern, die eine Kurmaßnahme benötigen, gibt es die Möglichkeit einer Reduzierung dieses gesetzlichen Eigenanteils.

„Schwierige finanzielle Verhältnisse dürfen Mütter oder Väter nicht von einer Vorsorge- oder Rehamaßnahme abhalten“, betont Anne Schilling. „Zuzahlungen zur Inanspruchnahme von Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung sind für Menschen mit geringerem Einkommen in der Höhe begrenzt. Sie können sogar durch die Zahlung eines Pauschalbetrages am Jahresanfang für das ganze Jahr abgegolten werden.“

Spendenmittel für geringe Einkommen

Das Müttergenesungswerk empfiehlt Müttern und Vätern deshalb, bei der Krankenkasse einen Antrag zu stellen, damit eine Pauschalzahlung möglich ist. Beratungsstellen können dabei helfen: Berater prüfen, ob eine finanzielle Unterstützung aus Spendenmitteln des Müttergenesungswerkes für diese Mütter möglich ist.

„Mütter und Väter mit geringem Einkommen, die nicht zur Kur fahren können, weil ihnen das nötige Geld für den gesetzlichen Eigenanteil oder das Taschengeld fehlt, können unter bestimmten Voraussetzungen durch Spendenmittel des Deutschen Müttergenesungswerks unterstützt werden“, so Anne Schilling.

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