"Alles Glück will Ewigkeit!"

Interview mit Professor Karlheinz A. Geißler

Warum man mit Multitasking keine Zeit spart, wieso unser Leben immer schneller wird und welchen Zusammenhang die Evolution mit unserem Zeitempfinden hat, verrät uns Professor Dr. Karlheinz A. Geißler im Interview.

Karlheinz Geißler
Professor Dr. Karlheinz Geißler Quelle: Martin Hartmann

Nach dem Studium der Ökonomie, Philosophie und Wirtschaftspädagogik lehrte Karlheinz Geißler an verschiedenen Universitäten in Karlsruhe, Augsburg und München. Geißler ist Mitinitiator und Leiter des Projekts "Ökologie der Zeit", Autor zahlreicher Bücher, Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Beiräte und hatte Gastprofessuren im In- und Ausland. Im Jahr 2006 wurde Geißler emeritiert, ist aber nach wie vor als Experte und Redner aktiv.


ZDF: Mal kommen uns fünf Minuten wie eine Ewigkeit vor, mal vergeht ein Tag wie im Flug. Wieso haben wir eigentlich so ein unterschiedliches Zeitempfinden? Hat das vielleicht einen Vorteil, der in der Evolution zu suchen ist?


Karlheinz Geißler: Da die Evolution bekanntermaßen nichts grundlos tut, war sie auch bei der Entwicklung des menschlichen Zeitempfindens nicht absichtslos am Werke. Ereignisse, die man als unangenehm erlebt, dauern - Masochisten mal ausgenommen - immer zu lang. Daher bemüht man sich, sie in der Zukunft zu vermeiden, zumindest zeitlich zu verkürzen. Erfreuliche, angenehme, lustvolle Erfahrungen hingegen empfindet der Mensch gewöhnlich als zu rasch vorbeigehend. Er wünscht, hofft und ersehnt sich, dass sie länger anhalten, oder gar nicht erst aufhören. "Alles Glück will Ewigkeit!" Ein schöner Beleg, dass die Evolution möchte, dass wir glücklich werden und dies solange wie möglich, auch bleiben.


ZDF: Kann man seinen Zeit-Rhythmus ändern? Das heißt von der Lerche zur Eule werden oder umgekehrt?



Geißler: Warum sollte man das? Warum sollen sich die Menschen eigentlich immer den Umständen, Vorgaben, Erwartungen und Regeln anpassen? Wäre es nicht humaner, gesünder und auch zufriedenstellender, wenn die Umstände so organisiert, geregelt und festgelegt würden, dass die Menschen bleiben können was sie sind, "Frühaufsteher" oder "Nachteulen"? Warum wird Schule eigentlich nicht so organisiert, dass die Lerchen früher lernen können, die Eulen später? Warum gibt es in den Wirtschaftsbetrieben Gleitzeitregelungen, die auf die Eigenzeiten der dort Tätigen Rücksicht nehmen, in der Schule aber nicht? Die Schüler könnten dann zu jenen Zeiten lernen, in denen sie am ehesten lernfähig wären. Und ganz nebenbei würde auch die Zahl derer abnehmen, die morgens zu spät in die Schule kommen. Es ist nun mal einfacher, billiger und menschlicher, die Umstände zu ändern, als die Subjekte.


ZDF: Es gibt ja zahlreiche Seminare zu Multitasking. Spart man wirklich Zeit, wenn man mehrere Dinge gleichzeitig macht?



Geißler: Mit Multitasking spart man keine Zeit, man tut mehr in der gleichen Zeit, arbeitet mehr. Das spart Geld, und deshalb ist diese Form der Zeitverdichtung dort wo Zeit in Geld verrechnet wird, in der Welt der Wirtschaft, so verbreitet und so beliebt. Wer sich fürs "Multitasken" entscheidet, entscheidet sich, nicht ausschließlich tätig, sondern dabei immer auch noch nebentätig zu sein. Das liegt heutzutage im Trend. Ob man durch Parallel-Arbeit zu mehr kommt, wie die Werbung für die Multitaskinggeräte das gerne verspricht, ob es sich wirklich rentiert, ist, zumindest gilt das für manche Anwendungsfelder, eher anzuzweifeln. So erhöht sich beispielsweise das Unfallrisiko beim Telefonieren am Steuer um den Faktor vier und es reduziert sich die Reaktionsgeschwindigkeit auf das Niveau eines Angetrunkenen mit 0,8 Promille.


ZDF: Nachdem die Welt in den letzten Jahrhunderten immer schneller wurde, soll die Gesellschaft ja nun einer Entschleunigung zusteuern. Können Sie sich vorstellen wie das funktionieren soll?



Geißler: Die Welt wird nicht langsamer werden. Zumindest so lange nicht, wie wir Fortschritt mit einem Wachstum des Güter- und Geldwohlstandes gleichsetzen. Nur durch mehr Beschleunigung nämlich ist ein solches Wachstum zu erzielen. Zugenommen hingegen haben die Möglichkeiten, zumindest gilt das für Europa, von Einzelpersonen und kleinen Gruppen, sich diesem Beschleunigungsdruck (auf Zeit) entziehen zu können. Auszeiten, Sabbaticals, teilfinanzierte Kinderbetreuungszeiten für berufstätige Mütter, mit steigender Tendenz auch von Vätern, sind nichts Ungewöhnliches mehr. Der Ausstieg geht jedoch immer mit einem Verzicht auf eine Mehrung des Güter- und Geldwohlstandes einher. Nicht vergessen werden darf, dass es in unserer Gesellschaft auch viele Menschen gibt, die zwangsentschleunigt werden. Und es ist nicht ganz ohne Ironie, dass das derzeit überproportional Personen trifft, die ehemals für das hohe Tempo in dieser Gesellschaft gesorgt haben, die Autobauer und die Finanzjongleure.


ZDF: Sie sind seit 2006 in Ruhestand. Haben Sie seitdem mehr Zeit?



Geißler: Nein, woher soll die kommen? Was meine Lebenserwartung betrifft, habe ich täglich weniger Zeit. Das ist nun keine neue Erfahrung für mich, da sie mich seit meiner Geburt begleitet. Was meinen Tag betrifft, so hat der nach wie vor 24 Stunden. Auch das hat sich im Laufe meines Lebens nicht geändert, obgleich die Versuche, dem Tag eine 25. Stunde zu verpassen in der Zwischenzeit zugenommen haben. Wenn Sie mich fragen, ob ich heute mehr oder weniger zu tun habe, dann kann ich auch nur mit "nein" antworten. Ich habe nicht mehr, nicht weniger Zeit, ich habe nicht mehr, nicht weniger zu tun, ich habe andere Zeiten und tue anderes. Jeder Tag ist auch für mich gleich lang, aber er ist verschieden breit, täglich. So beispielweise genieße ich heute mehr als früher, der Zeit dabei zuzusehen, wie sie vergeht. Das kann ich nur weiterempfehlen.

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