Albtraum Fliegen

Sind wir in der Luft noch sicher?

Wissen | Leschs Kosmos - Albtraum Fliegen

Harald Lesch mit einem Kommentar zum Thema der Sendung.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.04.2020, 00:00

Fliegen gilt eigentlich als die sicherste Art des Reisens. Statistisch gesehen müsste man 6.500 Jahre am Stück fliegen, bis es zu einem tödlichen Unfall kommt. Dennoch blickt die zivile Luftfahrt 2014 auf das tödlichste Jahr seit einem Jahrzehnt zurück. Die Zahl der Beinahe-Katastrophen ist ebenfalls angestiegen.

Wie wird sich die Luftfahrt in der Zukunft entwickeln? Wie könnte man durch neue Technik beim Ausfall eines Piloten eingreifen und was können die Passagiere im Notfall zu ihrer eigenen Rettung beitragen? Harald Lesch geht den verborgenen Gefahren auf den Grund und deckt die Grenzen von Mensch und Maschine auf.

Was bringt die Zwei-Personen-Regel?

Piloten in Cockpit
Die neu eingeführte Zwei-Personen-Regel ist umstritten. Quelle: reuters

Wenn Piloten ihre Maschine absichtlich zum Absturz bringen, sprechen Psychologen von einem erweiterten Suizid. Im Dezember 1997 ist eine Silk-Air-Maschine auf dem Weg von Jakarta nach Singapur. Der Kapitän Tsu Way Ming ist aufgrund von Börsenspekulationen hochverschuldet. Als er alleine im Cockpit ist, nimmt das Drama seinen Lauf: Die Sicherheitstür wird verschlossen. Die beiden Flugdatenschreiber abgeschaltet. Die Maschine geht in den Sinkflug über. Ermittler stellen später fest: Der Absturz wurde absichtlich herbeigeführt. 104 Menschen reißt der Selbstmörder auf dem Pilotensitz mit in den Tod.

Nach dem Germanwings-Absturz ziehen die Airlines Konsequenzen und führen die Zwei-Personen-Regel ein. Kein Pilot darf sich alleine im Cockpit aufhalten. Doch Flugexperten bezweifeln die Wirksamkeit solcher Maßnahmen. Sie stützen sich dabei unter anderem auf einen Flug von Los Angeles nach Kairo im Oktober 1999: Der Copilot deaktiviert die Triebwerke einer Egypt-Air-Maschine, ebenso den Autopiloten. Die Maschine befindet sich im Sturzflug. Der Kapitän versucht die Kontrolle über den Steuerknüppel zurückzugewinnen. Ohne Erfolg. Ein gezielt herbeigeführter Absturz lässt sich offensichtlich kaum verhindern - auch wenn ein Mensch mit Flugerfahrung danebensitzt.

Mehr Sicherheit durch Fernsteuerung?

Die Flugzeugtechnologie wird immer ausgereifter: Flugzeugrumpf, Tragflächen und  Triebwerke werden immer neuen Belastungstests unterzogen, die Maschinen immer sicherer. Doch derMensch bleibt eine unberechenbare Risikoquelle. Wenn ein Pilotversagt, kommt es mit großer Wahrscheinlichkeit zur Katastrophe. Könnte in Notsituationen der Tower die Fernsteuerung von Flugzeugen übernehmen?

Forschungen dazu gibt es. Mithilfe einer Satellitenverbindung können Drohnen in Tausenden Kilometern Entfernung gesteuert werden. Warum nicht auch Flugzeuge? Für militärische Zwecke wird die Fernsteuerung von Flugzeugen durch eine Bodenstation schon längst genutzt und gilt als Erfolgsmodell. Doch gibt es auch Vorfälle, die zeigen, dass Flugzeuge, die GPS-gesteuert unterwegs sind, wieder ganz anderen Gefahren ausgesetzt sind. Ein gezieltes Störsignal beispielsweise, könnte die Maschine auf einen anderen Kurs lenken.

Ein Rätsel der Luftfahrtgeschichte

Die Havilland Comet, der erste Passagierjet der Welt, war der Stolz der britischen Industrie. Durch Düsen statt Propeller konnten größere Flughöhen erreicht werden, und die Reisezeiten halbierten sich. Eine neuartige Druckkabine aus Aluminium machte es möglich. Doch nach einem Jahr im Einsatz geschah ein unerklärliches Unglück: Ein Flugzeug zerlegte sich im Flug. Die Ermittler untersuchten die Konstruktion der Maschine. Doch alle Materialstärken schienen mit viel Sicherheitsspielraum ausgelegt und auch alle anderen Flugzeuge der Baureihe in einem hervorragenden Zustand zu sein. War vielleicht doch eine Bombe an Bord? Kaum zwei Wochen später passierte das nächste Unglück, und wieder fehlte jede Spur des Wracks.

Die Ermittler entschlossen sich zu einem drastischen Schritt: Sie versenkten ein komplettes Flugzeug in einem Wassertank. So konnten sie in wenigen Wochen die Belastungen eines ganzen Jahres simulieren. Ein zweiter Wassertank entlud sich regelmäßig in die Druckkabine, um Start und Landung nachzustellen. Dabei dehnte sich die Aluminiumhaut des Flugzeugs jedes Mal um ein paar Zentimeter. Nach fünf Monaten endlich ein Ergebnis: Ein Riss in der Aluminiumhaut, der sich zwischen den Fenstern der Kabine gebildet hatte. Offenbar hatte man die Fenster zu groß und zu eckig entworfen. Den Ermittlungen zufolge muss es so passiert sein: Im dauerhaften Einsatz haben sich Haarrisse an den Dachfenstern gebildet, die immer größer wurden. Durch den Riss in der Kabine löste sich auch das Flugzeug auf und zerbrach in mehrere Teile. Die Früchte der Untersuchungen wurden von Boeing geerntet, die Flugzeuge mit kleineren, runden Fenstern auf den Markt brachten. Auch der Rumpf der Flugzeuge wurde so verstärkt, dass er auch ohne Außenhülle weiterfliegen konnte. Die Vernietung sollte Risse in Zukunft an der Ausbreitung hindern.

Wie konnte MH370 verschwinden? 

Grafik: Flgsoute der MH 370
Die Flugroute der MH 370 wirft viele Fragen auf.

Am 8. März 2014 verlässt MH370 gegen 1.20 Uhr morgens den malaysischen Luftraum. Nahezu zeitgleich verstummen alle Kommunikationssysteme der Boeing 777. Und zwar genau an einem Übergabepunkt zwischen der malaysischen und vietnamesischen Flugsicherung. Obwohl längst alle Funk- und Ortungssysteme ausgefallen sind, sendet das Flugzeug stündlich Daten, so genannte Handshakes, an eine Satellitenfirma in London. Nachdem die Maschine vom Radar verschwindet, fliegt sie noch sieben Stunden gen Süden weiter - mit 239 Menschen an Bord. Der Weg führt entlang bestehender Routen und Wegpunkte der zivilen Luftfahrt und offenbar bewusst über Gebiete ohne Flugüberwachung und im Zuständigkeitswirrwarr angrenzender Länder. Vor allem entlang einer Route, die große Radarlücken aufweist.

Warum kann die hochmoderne Aufklärungstechnik die Maschine nicht aufspüren? Es gibt Satelliten, die Häuser, Nummernschilder oder gar Personen erkennen können. Aber die meisten zivil genutzten Satelliten sind für die Aufklärung großer Flächen nicht geeignet. Sie sind für Punktziele gebaut. Warum das Flugzeug abstürzte und die Crew keine Meldung über die Situation an Bord oder einen Hilferuf absetzte, ist unklar. Möglicherweise hat jemand vorsätzlich gehandelt und alles dafür getan, dass die Boeing niemals gefunden wird. Es ist anzunehmen, dass das Flugzeug als äußerlich mehr oder weniger intakte Maschine versank. Als letzte Position von MH 370 ist ein Gebiet von 60.000 Quadratkilometern verortet worden. Dort ist bis heute kein einziges Trümmerteil aufgetaucht. Luftfahrtexperten sind davon überzeugt, dass nur ein Mensch mit enormer Erfahrung das Abschalten der Systeme, sowie Kursänderungen vornehmen konnte. Doch viele Fragen bleiben offen. Um das Rätsel zu lösen, muss vor allem die Blackboxgefunden werden. Erst dann herrscht Gewissheit.

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