Auf den Spuren des "kleinen Unterschieds"

Wenn der Schein trügt

Voraussetzung für faire sportliche Wettkämpfe ist eine eindeutige Zuweisung zu einem Geschlecht: weiblich oder männlich. Das ist die Grundlage für Chancengleichheit im Sport, da Männer und Frauen sich in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit deutlich unterscheiden. In der Geschichte des Leistungssports gab es immer wieder strittige Fälle, in denen Zweifel am Geschlecht von Athletinnen bestand.

Caster Semenya bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im August 2009 in Berlin. Quelle: ZDF

Auch bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin im August dieses Jahres geriet die Südafrikanerin Caster Semenya ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Der herausragende Sieg und ihre äußere Erscheinung veranlassen zu der entscheidenden Frage: Ist sie wirklich eine Frau?

Mann oder Frau, Frau oder Mann?

Bis Mitte der 1960er Jahre kannte man bei internationalen Wettkämpfen keine offiziellen Tests zur Geschlechtsbestimmung. Tamara Press, mehrfache Olympiasiegerin im Kugelstoßen und Olympiasiegerin im Diskuswurf, und ihre Schwester Irina, 1960 Goldmedaillengewinnerin über 80 Meter Hürden in Rom, gerieten aufgrund ihres maskulinen Äußeren immer wieder in den Verdacht, zu betrügen. Starteten bei den Frauen gelegentlich Sportlerinnen, die gar nicht in diese "Geschlechtskategorie" gehörten?

Ende der 1960er-Jahre wurden für international startende Sportler einfache Erbguttests zur Geschlechtsbestimmung eingeführt. Für die sogenannten Barr-Body-Test wurde nur ein Mundschleimhautabstrich benötigt. Die Polin Eva Klobukowska war die erste Person der Sportgeschichte, die einem Geschlechtertest zum Opfer fiel, beim Leichtathletik-Europacup in Kiew im September 1967: Die erfolgreiche Sportlerin war genetisch ein Mann. Sie wurde von weiteren Wettkämpfen ausgeschlossen. Eine Tragödie für die Sportlerin, die nach ihrem erzwungenen Rücktritt als Frau weiterlebte. Erst 1999 schaffte auch das Internationale Olympische Komitee die systematischen "Weiblichkeitskontrollen" ab. Sie wurden als unethisch, diskriminierend und medizinisch fragwürdig kritisiert.

Aktenzeichen XY

X-Chromosomen Text 1 Quelle: ZDF


Liefert ein Gentest überhaupt zuverlässige Aussagen über das Geschlecht? Eine Spurensuche führt in die Embryonalentwicklung des Menschen. Jeder Mensch hat 46 Chromosomen, während Frauen zwei X-Chromosomen haben, besitzen Männer lediglich ein X- und ein kleineres Y-Chromosom. In den ersten sechs Wochen der Embryonalentwicklung sind äußerlich noch keine Geschlechtsunterschiede zu erkennen. Ein spezifischer Abschnitt auf dem Y-Chromosom dirigiert erst ab der siebten Woche zusammen mit anderen Genen die Ausdifferenzierung der männlichen Merkmale. Eine Kaskade von Prozessen kommt in Gang, die auch die Bildung der Hoden zur Folge hat. Und hier beginnt die Produktion eines entscheidenden Stoffes für die männliche Geschlechtsentwicklung: Testosteron.

Das Hormon wird im gesamten Körper verteilt und ist für das weitere Heranreifen des Fötus von immenser Bedeutung. Über die Blutbahn gelangt der Sexualstoff zu verschiedenen Organen im Körper. Das Testosteron dringt in die Zielzellen ein und bindet an spezifische Rezeptoren. Unter seinem Einfluss entwickeln sich die geschlechtstypischen männlichen Merkmale. Es führt zu Muskelaufbau und bestimmt damit auch die körperliche Leistungsfähigkeit, die ja entscheidend für einen gar nicht so "kleinen Unterschied" im sportlichen Wettkampf ist.

Das gefühlte Geschlecht

Im Laufe seines Lebens entwickelt jeder Mensch eine Geschlechtsidentität. Und meist stimmt dabei das "gefühlte Geschlecht" mit dem biologisch determinierten überein. Doch es kann auch ganz anders laufen, wie das Beispiel einer XY-Frau zeigt, deren Besonderheit als Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS) beschrieben wird: Jenn Johnson ist eine 42-jährigen Frau und wuchs als normales Mädchen auf. Aber mit 19 Jahren spürte sie, dass etwas bei ihr anders war. Ihre monatliche Regelblutung hatte immer noch nicht eingesetzt. Ein Labortest brachte Klarheit: Sie hat einen Chromosomensatz mit einem X - und einem Y-Chromosom, genetisch ist Jenn also ein Mann. Trotzdem hat sie sich äußerlich völlig weiblich entwickelt, und sie fühlt sich auch ganz als Frau. Wie kann das sein?

Erst eine gründliche Untersuchung bringt es zutage: Ihre Gene veranlassen zwar die Produktion des Hormons Testosteron, es kann in ihrem Körper nur nicht seine Wirkung entfalten. Ein entscheidender Rezeptor ist nicht funktionstüchtig. Botschaften, die in der Folge zur Entwicklung männlicher Merkmale führen würden, sind blockiert. Jenn entwickelte sich äußerlich und gefühlsmäßig zur Frau. Sie ist verheiratet, führt ein normales Familienleben, auch wenn sie niemals Kinder bekommen kann.

Grenzen der Gentests

Heute sind etwa 20 verschiedene Störungen der sexuellen Entwicklung bekannt, die dazu führen, dass sich das in den Genen festgelegte Geschlechtsprogramm nicht komplett entfaltet. Die Bandbreite der Ausprägungen ist groß, die Grenze zwischen Mann und Frau nicht immer eindeutig.


Der Leistungssport tut sich schwer mit den neuen Erkenntnissen der Sexualforschung. Schließlich verlangt die Chancengleichheit eine zuverlässige Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter. Seit dem Jahr 2000 sind einfache Geschlechtstests, die nur das Erbgut betrachten, im Sport abgeschafft. Die Sportmedizin hat erkannt, dass diese Methoden an ihre Grenzen stoßen und manchen Sportlern menschlich nicht gerecht werden. Heutzutage unterscheidet ein Mediziner-Team zwischen psychischen, sozialen, chromosomalen, hormonellen und genitalen Geschlechtsmerkmalen. Denn Geschlecht ist mehr als ein Unterschied im Erbgut.

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