Ausweitung der Todeszonen

Sauerstoffmangel gefährdet marines Leben

Fast alles Leben im Meer ist auf den Sauerstoff angewiesen. Das wichtige Element kann jedoch knapp werden, wenn Bakterien beim Zersetzen organischer Materie Sauerstoff verbrauchen, ohne dass sauerstoffreiches Wasser nachfließt. Ist ein solcher Kreislauf einmal in Gang gekommen, entzieht er vielen Meerestieren die Lebensgrundlage.

Die Küste von Oregon im Westen der USA erscheint auf den ersten Blick wie ein wildes Paradies. Doch seit einigen Jahren schon beobachten Wissenschaftler etwas Rätselhaftes draußen im Meer: Immer wieder im Hochsommer finden Taucher etwa 40 Kilometer vor der Küste Tausende von toten Krebsen, Fischen und Weichtieren.

Im Abseits der Wirbel

Sechsmal innerhalb der letzten zehn Jahre fand dieses Massensterben statt. Um mehr über die Ursachen zu erfahren, führten die Forscher Messungen durch. Das Ergebnis: ein extrem niedriger Sauerstoffgehalt des Meerwassers - eine sogenannte Hypoxie. Nahe der Küste, im flachen Gewässer, ist von dem Unterwasserdrama nichts zu spüren. Hier ist ausreichend Sauerstoff gelöst, Wind und Wellen sorgen für eine gute Belüftung. Normalerweise sorgt die Durchmischung auch in tieferen Schichten für genügend Sauerstoff. Vor der Küste Oregons ist die Situation jedoch speziell.

Wirbel Pazifik Quelle: ZDF

Zwei riesige Ozeanwirbel im Norden und im Süden des Pazifiks bringen kaltes, sauerstoffreiches Wasser aus den Polargebieten. Doch die Küste Oregons liegt abseits der Wirbel, und so fehlt hier der Nachschub an Sauerstoff. Im Schatten der großen Wirbel vermischt sich zudem das Wasser an der Oberfläche kaum mit dem aus tieferen Schichten. So fehlt auch die Belüftung von oben.

Kehrseite des Fischreichtums

Wenn Bakterien abgestorbene Algen und andere organische Materie zersetzen, wird Sauerstoff verbraucht, und der Sauerstoffgehalt des Wassers sinkt zusätzlich. Je mehr Nährstoffe im Wasser vorhanden sind, desto stärker wachsen die Algen und desto größer ist der Sauerstoffverlust. Wenn, wie im Fall Oregon, weder seitlich noch von oben sauerstoffreiches Wasser nachströmt, entsteht eine sogenannte Todeszone oder hypoxische Zone.

Auch 8000 Kilometer weiter südlich, an der Küste Perus, sind die Menschen alarmiert. Die Gewässer vor Peru sind eigentlich für ihren Fischreichtum bekannt, und die Fischerei ist dort einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Riesige Sardellenschwärme machen auch die Hochseefischerei lukrativ. Wie lange die Fischer noch reiche Beute an Land bringen, ist allerdings ungewiss. Denn der Fischreichtum hat eine Kehrseite: Wo üppiges Leben gedeiht, sinken auch große Mengen toter Tiere nach unten. Ihre Zersetzung ist ein sauerstoffzehrender Prozess. In der Tiefe nimmt der Sauerstoffgehalt daher stetig ab. Schwappt die sauerstoffarme Schicht nach oben, kommt es zum Massensterben.

Sauerstoffarme Zonen nehmen zu

Wissenschaftler sind mit Forschungsschiffen inzwischen auf allen Weltmeeren unterwegs, um das Phänomen solcher Todeszonen zu untersuchen. Wasserproben aus verschiedenen Tiefen sollen Aufschluss darüber geben, wo sich sauerstoffarme Zonen vielleicht schon unbemerkt ausbreiten.

Proben Meerwasser Quelle: Marco Polo Film

Die Messwerte alarmieren: Zwar beobachten Wissenschaftler schon lange sauerstoffarme Zonen. Doch heute, in dem wärmer werdenden Wasser, gehen die Sauerstoffwerte immer häufiger gegen null. Denn in warmem Wasser löst sich ohnehin schon weniger Sauerstoff als in kaltem. Kritische Zonen lassen sich inzwischen in allen Weltmeeren ausmachen. Sie befinden sich rund um den Indischen Subkontinent, im östlichen Atlantik und im Ostpazifik. Insgesamt hat die Zahl der hypoxischen Zonen in den letzten zehn Jahren um fast ein Drittel zugenommen.

Erfolgreiche Kalmare

Während viele Fische empfindlich auf den sinkenden Sauerstoffgehalt vor den Küsten Amerikas reagieren, zieht ein Meerestier daraus Vorteile: der Humboldtkalmar. Er kann sich problemlos an die veränderten Bedingungen anpassen, denn er verfügt über einen Blutfarbstoff, der Sauerstoff sehr effizient bindet.

Humboldtkalmar Quelle: ITN Source


Die über zwei Meter großen Tiere werden von peruanischen Fischern "rote Teufel" genannt - nicht nur wegen ihrer Farbe, sondern auch weil die Räuber zu den gefräßigsten Weichtieren überhaupt gehören. Sie fressen so ziemlich alles, was in ihr Beuteschema passt. Ihre mit Chitinzähnchen bewehrten Saugnäpfe und ihr besonders scharfes Gebiss machen sie zu gefährlichen Jägern. Zur Not gehen sie sogar auf die eigenen Artgenossen los. Zudem vermehren sie sich sehr schnell und wachsen rasch - alles Eigenschaften, die einen Eroberer auszeichnen.

Freie Nischen besetzt

Die Heimat des Humboldtkalmars - wissenschaftlich Dosidicus gigas - sind die pazifischen Küsten vor Südamerika bis hinauf nach Mexiko. Doch vor einigen Jahren begann sein Siegeszug: Der Kalmar breitete sich immer weiter nach Norden aus. Er ist dabei, die ökologischen Nischen zu besetzen, die durch das allmähliche Verschwinden großer Raubfische wie Hai oder Thunfisch frei geworden sind.

Um die Tiere zu erforschen, muss man sie nachts aufspüren. Humboldtkalmare kommen erst in der Dunkelheit aus bis zu 1000 Meter Tiefe herauf. Ihre Angriffslust macht ihre Erforschung zu einem echten Abenteuer. Was verrät das massive Auftreten der Humboldtkalmare über den Zustand der Meere und über die unbemerkte Ausbreitung von Todeszonen? Die Wissenschaftler suchen noch nach Antworten auf diese Fragen.

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