Chancen durch eine Katastrophe

Erforschung von Langzeitfolgen

Durch den Reaktorunfall 1986 gelangte Tschernobyl zu trauriger Berühmtheit. Nun, nach knapp 25 Jahren, sehen Wissenschaftler die Chance, die Langzeitfolgen radioaktiver Verseuchung in der betroffenen Region zu untersuchen. Mit erstaunlichen Erkenntnissen.

Prypjat ist eine Geisterstadt, die über 20 Jahre kaum ein Mensch betreten hat. Die Natur hat das Terrain zurückerobert. Dort, wo früher Menschen lebten, atmet jetzt eine grüne Lunge. Die ganze Stadt mit über 40.000 Menschen wurde einen Tag nach dem Supergau im benachbarten Tschernobyl evakuiert. Der Atomreaktor war explodiert und hatte weite Landstriche radioaktiv verseucht. Ein Umkreis von 30 Kilometern wurde zur Sperrzone erklärt.

Unerwartete Entwicklung

Die Katastrophe hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt, doch über die Langzeitfolgen radioaktiver Verstrahlung wissen wir immer noch zu wenig. Für Wissenschaftler ist deshalb das Gebiet um Tschernobyl ein einmaliges Forschungsgelände, um herauszufinden, wie die Natur auf die Verseuchung reagiert.

Die Überraschung ist, dass viele der hier lebenden Tiere keine erkennbaren Anzeichen von Strahlenschäden zeigen. Im Gegenteil: Die Abwesenheit der Menschen ist für viele Arten eine Chance. Bären, die es hier schon lange vor der Katastrophe nicht mehr gab, sind zurückgekehrt und erfreuen sich offensichtlich bester Gesundheit. Selbst die vom Aussterben bedrohten Przewalskipferde haben die Region schon drei Jahre nach der Katastrophe für sich erobert. Das hatten die Forscher nicht erwartet.

Resistente Mäuse

Das mit der Explosion freigesetzte hochradioaktive Material ging schließlich vor allem in der Sperrzone nieder. Gammastrahlen verseuchten die Region. Sie sind noch energiereicher als Röntgenstrahlen und zerstören Erbgut und Zellen. Kurz nach dem Unglück starben viele Tiere an den unmittelbaren Folgen. Doch wie ist die Situation heute? Die hier lebenden Mäuse zeigen keine Symptome von Strahlenschäden. Und das, obwohl die Radioaktivität noch immer erhöht ist.

Mit einem Experiment kommen die Forscher dem Phänomen auf die Spur. Sie bringen Labormäuse in das verseuchte Gebiet und setzen die Tiere 45 Tage der erhöhten Strahlendosis aus. Eine Vergleichsgruppe bleibt vor den Strahlen geschützt. Später werden alle Mäuse mit einer Dosis bestrahlt, von der man weiß, dass sie Erbgut zerstört. Das Ergebnis ist verblüffend. Bei den Mäusen, die vorher an Strahlen "gewöhnt" wurden, zeigen sich weniger Schäden im Erbgut als bei denen der Kontrollgruppe. Forscher vermuten, dass die "vorbestrahlten" Mäuse Anpassungsmechanismen entwickelt haben, die DNA-Schäden mildern.

Wertvolle Kenntnisse

Wissenschaftler erhoffen sich nun Erkenntnisse über die Langzeitfolgen radioaktiver Verstrahlung. Doch die Schäden der Vergangenheit lassen sich damit nicht reparieren: Von den Helfern, die unmittelbar nach der Katastrophe das Reaktorgelände betreten mussten, starben etwa 50 an den akuten Folgen der Strahlenkrankheit. Später bewältigten über 400.000 sogenannte Liquidatoren die Aufräumarbeiten. Wie viele von ihnen erkrankten, wie viele starben, ist ein makabrer Streitpunkt: Die Schätzungen reichen von 10.000 bis 60.000.

Auch die Menschen, die damals evakuiert wurden, leben im Ungewissen. Über mögliche Spätfolgen gibt es noch kein gesichertes Wissen. Tschernobyl war eine verheerende Katastrophe. Doch in der Tragik liegt auch eine Chance. Eine Chance für die Erforschung der noch unbekannten Langzeitwirkung radioaktiver Verseuchung.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet