Darwin und das Rätsel des Pfaus

Schönheit ist im Tierreich überlebenswichtig

Jenes Tier, das im Vergleich zu seinen Artgenossen am Besten an seine Umwelt angepasst ist, überlebt. Mit dieser Erkenntnis wurde der Naturforscher Charles Darwin weltberühmt. Doch welchen Sinn haben dann üppige Verzierungen wie die Schwanzfedern der Pfauenmännchen, die doch einer guten Anpassung nur im Wege sind? Die Antwort liegt wie so oft beim Sex.

Ein Pfauenrad.
Ein Pfauenrad. Quelle: ZDF

"Es war ein glorreicher Tag für mich, wie für einen Blinden, dem die Augen geöffnet wurden. Er ist überwältigt von dem, was er sieht, und kann es nicht richtig begreifen." So beschreibt der 22-jährige Charles Darwin seine Eindrücke von der Tier und Pflanzenwelt, der er zu Beginn seiner Weltreise 1831 auf den kapverdischen Inseln begegnet. Fünf Jahre war der berühmte Naturforscher auf dem britischen Vermessungsschiff "Beagle" unterwegs - eine Zeit die er später als "das bei weitem bedeutungsvollste Ereignis in meinem Leben" bezeichnen sollte.

Warum ist die Natur so vielgestaltig?

Die Orte an die ihn die Beagle brachte, seien es die Azoren, der brasilianische Regenwald oder die berühmten Galapagosinseln, offenbarten Darwin die Natur in einer Vielfalt, die ihm zuvor höchstens von Berichten bekannt gewesen war. Begeistert sammelte und dokumentierte er alles was er sah und bildete so die Grundlage für seine späteren Erkenntnisse zur Evolution. Darwin ist überwältigt von der Schönheit der göttlichen Schöpfung. Er bestaunt die "Eleganz der Gräser" und die "Neuheit der parasitischen Pflanzen" des brasilianischen Regenwalds ebenso wie den "wunderschönen karmesinroten Stoff", den ein Igelfisch durch die Haut seines Bauchs absondert. Dennoch lässt ihn eine Frage nicht los: "Warum so viel Schönheit, geschaffen zu so geringem Zweck?"

Erst 1837, Darwin ist bereits nach England zurück gekehrt, findet er eine Antwort auf diese Frage. Schlüssel sind die Exemplare der Vögel, die er von den Galapagosinseln mitgebracht hat. Bei den Finken, heute "Darwinfinken" genannt, handelte es sich trotz aller Ähnlichkeiten nämlich um dreizehn verschiedene Arten. Darwin, der beobachtet hatte, dass die Vögel sich auf ganz unterschiedliche Weise ernähren, kam so zu einem wesentlichen Schluss. Die verschiedenen Arten haben sich in der Vergangenheit von einer einzigen Ursprungsart abgespalten.

Vielfalt durch Anpassung

Ihre Vielfalt entstand dabei dadurch, dass sich die Vertreter der ursprünglichen Art an jeweils unterschiedliche Lebensbedingungen angepasst haben. Es überleben immer diejenigen Tiere, deren Merkmale in ihrem speziellen Lebensraum, sei es die Ernährung vom Fleisch eines Kaktusses, weichen Insektenlarven oder harten Samen, von Vorteil sind. Diese vorteilhaften Merkmale geben sie dann an ihre Nachkommen weiter. Weniger gut angepasste Tiere hingegen vermehren sich weniger erfolgreich. Ihre Merkmale können sich daher in der Gesamtpopulation nicht durchsetzen.

Auf diese Weise erhielten diejenigen Finken, die sich von harter Kost ernährten, große und breite Schnäbel, Insektenfresser hingegen spitze dünne. Auch in ihrer Körpergröße entwickelten sich die Vögel, die ursprünglich einmal gleich ausgesehen hatten, auseinander. Diesen Mechanismus, der dafür sorgt dass sich die Merkmale der am besten angepassten Tiere im Zeitverlauf durchsetzen, nannte Darwin die "natürliche Selektion". 1859 publizierte er seine Erkenntnisse in seinem berühmten Hauptwerk "On the Origin of Species". Die Evolutionstheorie war begründet.

Der Weg zur neuen Theorie

Und doch gab es etwas, das Darwin Kopfzerbrechen bereitete. Fand er doch gleich einen ganzen Haufen an Merkmalen im Tierreich, die so gar nicht zu seiner Theorie der "natürlichen Auslese" passen wollten. Da gab es beispielsweise den Pfau. Wie lassen sich die extrem langen und absolut unpraktischen Federn der Männchen erklären? Betrachtet man sie nach dem Prinzip der natürlichen Selektion, so sind sie zu nichts gut. Im Gegenteil: Sie behindern das Tier nicht nur, sie machen auch natürliche Feinde auf es aufmerksam. "Wenn ich eine Pfauenfeder sehe wird mir übel", beschrieb Darwin das Dilemma.

Die natürliche Selektion, die allein auf das Überleben ausgerichtet ist, konnte also nicht alles sein. Es musste noch ein zweites Kriterium geben, das den Fortpflanzungserfolg eines Individuums bestimmte. Doch welches? In seinem 1871 erschienenen Buch "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" kommt Darwin nach langem Grübeln letztlich zu einem neuen Gedanken.

Schön ist was dem Weibchen gefällt

Ein Paradiesvogel
Paradiesvogel, Text 4 Quelle: reuters


Um im Sinne der Evolution erfolgreich zu sein, muss ein Tier nicht nur überleben, sondern auch einen Partner für sich einnehmen mit dem es dann Nachkommen zeugt. Er bezeichnete dies als "sexuelle Selektion". Treibende Kraft hierfür sind Attribute mit denen die Mitglieder des einen Geschlechts, fast immer sind dies die Männchen, um das andere Geschlecht konkurrieren. Ganz nach dem Motto: "Schön ist was der Frau gefällt".


Das kann, vom Geweih eines Hirschs über das Leuchten des Glühwürmchens bis hin zum aufwändigen Balztanz des Kranichs alles Mögliche sein. Dabei gewinnt derjenige ein Weibchen, der die längsten Federn oder die buntesten Farben trägt, der am schönsten singt oder die betörendsten Düfte aussendet, sprich wer "erregt" und "bezaubert", wie Darwin es ausdrückte. Solange das aufwendige Attribut, mit dem der zukünftige Partner beeindruckt werden soll, nicht zu nachteilig ist, und das Tier somit von der natürlichen Auslese eingeschränkt wird, ist alles erlaubt. So erwiesen sich die auf den ersten Blick so unpraktischen Federn des Pfaus letztlich doch noch als nützlich.

Ein paar Federn sind entscheidend

Es ist also letztlich der "Schönste", der sich fortpflanzen darf und somit überlebt. Dabei gilt: Je polygamer eine Art lebt, umso prächtiger sind ihre Ornamente und umso aufwändiger wird geworben. Schließlich muss sich das Männchen immer wieder neu gegen seine Konkurrenten durchsetzen. In manchen Arten ist dieses Prinzip des "Überlebens der Schönsten" ganz besonders ausgeprägt. So werden beispielsweise sämtliche Weibchen einer Birkenhahn-Population von lediglich ein paar Männchen begattet. Denjenigen natürlich, die in den Augen der Weibchen am attraktivsten sind. Der Rest geht leer aus.

Bei den Pfauen, die Darwin einst so beschäftigten, ist es nicht anders. Auch hier sind die Weibchen sehr wählerisch. Dies stellten britische Wissenschaftler fest, indem sie einigen Pfauenhähnen in einem Park ein paar Federn klauten und dann beobachteten wie die Weibchen darauf reagierten. Der Erfolg eines Hahns bei den Pfauendamen nahm bereits rapide ab, wenn das Tier nur fünf seiner 150 Augen eingebüßt hatte.

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