Das Gehirn wächst mit seinen Aufgaben

Interview mit Professor Harald Lesch über das "Abenteuer Forschung"

Das neu aufgelegte Erfolgsformat "Abenteuer Forschung" wird präsentiert von Harald Lesch. Der renommierte Wissenschaftsmoderator verrät uns im Interview seine Ansätze zur Vermittlung von komplexen wissenschaftlichen Themen über das Medium Fernsehen und wie er das Interesse eines Millionenpuplikum für naturwissenschaftliche Inhalte wecken will.

Harald Lesch, neuer Moderator bei abenteuer forschung Quelle: dpa,ZDF


ZDF: Was reizt einen Forscher, den Mikrokosmos aufzusuchen und hehre Wissenschaft in einem Medium darzustellen, das manche Kulturkritiker als "Nullmedium" einstufen?


Harald Lesch: Das Wichtigste für mich: Es macht mir ein Riesenvergnügen, über Forschung zu sprechen, und zwar auf Deutsch und ohne Fachausdrücke, damit mich möglichst viele Menschen verstehen. Den "Ach so, das hätte ich gar nicht gedacht"-Effekt zu erzeugen, das möchte ich auch im Fernsehen, weil es immer noch das Leitmedium ist und ein Millionenpublikum erreicht.


ZDF: Für Millionen war Physik schon in der Schule eher ein Horrorfach.


Lesch: Besonderen Spaß macht es, wenn ich beobachten kann, wie Leute, die von ihrem Mathe- oder Physiklehrer auf ewig verschreckt wurden, plötzlich Interesse für naturwissenschaftliche Fragestellungen zeigen und überrascht sind, dass sie diese Zusammenhänge verstehen.


ZDF: Der Moderator einer Wissenschaftssendung sollte nicht der Oberlehrer der Nation sein?


Lesch: Bei diesem Typus, der seinem Gegenüber durch Gestus und Sprache deutlich macht, dass man sein hohes Niveau nie erreichen wird, habe ich mich schon in der Schule nicht wohl gefühlt. Anders war das bei Lehrern, die auf gleicher Augenhöhe diskutiert haben. Ich habe früh gelernt, Menschen nicht auf Himalaja-Niveau abzuholen, sondern dort, wo sie sich aufhalten - entweder in der Ebene oder in der Regel im deutschen Mittelgebirge, vielleicht auch mal voralpin. Und das alles sollte gelingen, ohne das wissenschaftliche Höhenerlebnis zu verfälschen. Am besten geschieht das mit Humor, der für Erklärungen das ist, was Seil und Karabiner beim Klettern in der Wand sind.



ZDF: Wie sieht der typische Zuschauer von "Abenteuer Forschung" aus, den Sie auf Augenhöhe zu neuen Gipfeln führen wollen?



Lesch: Das ist jeder, der interessiert ist an der Welt. Jeder, der sich noch nicht in eine Art Konsum-Computer-Dauerrausch zurückgezogen hat, der gut informiert ist und zumindest weiß, wo Probleme liegen und Krisen existieren. Kein typischer Zuschauer wäre der, der meint, dass der Weltuntergang durch Asteroiden oder Außerirdische sowieso bevorsteht.



ZDF: Was erwarten Sie vom Zuschauer, der im Pisa-geschädigten Land der Dichter und Denker in Naturwissenschaften keine Bestnoten erzielt?


Lesch: Ich erwarte ein gewisses Interesse und vor allem gesunden Menschenverstand. Lebenspragmatismus, wenn Sie so wollen.


ZDF: Deutsche Wissenschaftler erwarten in der Regel mehr, am besten ein naturwissenschaftliches Grundstudium.


Lesch: Das ist die idealistische Einstellung. Ich bevorzuge einen pragmatischen Ansatz, so wie er zum Beispiel im angelsächsischen Sprachraum vorherrscht. Dort gelingt es immer wieder ein Thema allgemein verständlich zu präsentieren, ohne auf Substanz zu verzichten.


ZDF: Sie glauben, man kann komplizierte Sachverhalte auch Laien verständlich präsentieren?


Lesch: Eckart von Hirschhausen hat ein medizinisch-satirisches Buch geschrieben mit dem Titel "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben". Ich denke, dass das auch für das Gehirn gilt.


ZDF: Die Anleihe bei einem Kabarettisten spricht aber nicht gegen die Ernsthaftigkeit an sich, sondern ist Appell, den Mut zu haben, sich seines Verstandes zu bedienen?



Lesch: Man soll, man muss die Forschung ernst nehmen, denn es geht um Themen, die uns alle betreffen. Man sollte die Beschäftigung mit naturwissenschaftlicher Forschung nicht als Teufelszeug ablehnen, weil Forschung zu Hiroshima, Atomkraft und zu was auch immer geführt hat. Eine solche Ablehnung wäre genauso falsch wie das Gegenteil: dass man nämlich alles glaubt und gut findet, was Wissenschaftler tun oder was im Gewand der Wissenschaft daherkommt.


ZDF: Um komplizierte Sachverhalte zu vermitteln, genügt Ihnen meist das gesprochene Wort - im Bildmedium Fernsehen ist das eher ungewöhnlich. Werden Sie sich im modernen Fernsehstudio stärker der technischen Möglichkeiten des Mediums bedienen?


Lesch: Bislang kannte ich nur die Situation, in der ich mit der Kamera im Studio allein war. Wenn Sie so wollen, war das Radio mit Bild. Es ist schon ein anderes Gefühl, in einem großen, durchgestylten Studio mit vielfältigen Möglichkeiten zu stehen. Man wird sehen, ob ich mich durch diese "Bandagen" eingeengt fühle. Bisher fühle ich mich in der neuen "Abenteuer Forschung"-Deko sehr wohl.


ZDF: Das ZDF baut zurzeit ein virtuelles Nachrichtenstudio, um die komplizierte Welt besser erklären zu können. Brauchen Sie beim Thema Hubschrauber ein virtuelles Modell im Studio?

Vorspann Abenteuer Forschung neu Quelle: ZDF



Lesch: Die Funktionsweise eines Hubschraubers erkläre ich lieber mit den Händen, das ist viel einfacher. Das Bild ist ohnehin nur eine Schablone, die das unterstützt, was ich mit Worten beschreibe. Das Bild muss im Kopf des Zuhörers entstehen. Wir leben in einem bildlastigen Zeitalter, weil wir die entsprechenden technologischen Möglichkeiten haben. Das menschliche Maß der Kommunikation ist und bleibt aber die Sprache. Bilder sind oft zu schnell.


ZDF: Bei Ihren Sendungen auf Bayern alpha haben Sie viel Zeit, mehr als für die Moderation zwischen Filmbeiträgen. Ein Problem?


Lesch: Ein Problem nicht, aber es wird sicher eine gewisse Umgewöhnung erfordern, wenn ich mich auf eineinhalb Minuten beschränken muss, wo ich bisher manchmal 15 Minuten zur Verfügung hatte. Bislang konnte ich meiner eigenen, inneren Dramaturgie folgen. Bei "Abenteuer Forschung" gibt es eine externe Dramaturgie, in die ich eingebunden bin. Ich hoffe, dass ich dennoch gelegentlich in die freie "TV-Wildbahn" entkommen kann. Mein Talent, in einer 15-Minuten-Strecke zu erklären, wie die Dinge zusammenhängen, soll aber demnächt mit einer "Langen Nacht der Wissenschaft" zur vollen Entfaltung kommen.


ZDF: Wie müssen Themen beschaffen sein, damit sie für "Abenteuer Forschung" in Frage kommen?



Lesch: Alles wird erforscht, also ist alles auch als Thema für "Abenteuer Forschung" vorstellbar. Heute habe ich von einer Untersuchung gelernt, dass eine Kellnerin mehr Trinkgeld erhält, wenn sie bei der Bestellung den Wunsch des Gastes beim Notieren wiederholt. Nun ist die allgemeine Relevanz der Trinkgeldforschung begrenzt, deshalb gibt es bei der Themenwahl Randbedingungen. Generell gilt: Das Thema sollte nahe bei den Menschen sein, vor allem bei den jüngeren Zuschauern. Sie anzusprechen, ist besonders wichtig. Ihnen muss man die Bedeutung von Forschung für ihr Leben deutlich machen, ihnen zeigen: Lasst euch nicht erzählen, dass es einfache Lösungen gibt, lasst euch nicht veräppeln. Das könnte vielleicht ein gutes Motto für "Abenteuer Forschung" sein.


ZDF: Wie wollen Sie die Gruppe gewinnen, die im ZDF-Programm nicht gerade heimisch ist?


Lesch: Vielleicht mit Themen, von denen ich im Zusammenhang mit meinen Vorlesungen erlebe, dass sie die jungen Menschen interessieren. Dabei wird es darauf ankommen Lösungen aufzuzeigen, zum Beispiel durch die Haltung des intelligenten Spekulierens. Die alte Frage: Was wäre wenn? Was wäre zum Beispiel, wenn ein Land wie Deutschland versuchen würde, komplett mit alternativen Energien auszukommen. Geht das? Was müsste passieren? Was würde geschehen? Wir sollten nicht jede utopische Idee von vorneherein in die Tonne kloppen und uns wieder Zeit nehmen für Visionen. Wenigstens einmal im Monat für 30 Minuten.


ZDF: Sie wollen sich mit solchen Vorschlägen auch in die Themendiskussion einbringen?


Lesch: Damit muss die Redaktion rechnen.


ZDF: Wann kommt der Themenvorschlag "Nichtliniere Plasmaprozesse in aktiven galaktischen Kernen", der Titel ihrer Dissertation?


Lesch: So ist das sicher kein Thema, mit dem man einen Hund, geschweige denn eine Redaktion oder die Zuschauer locken kann. Aber vielleicht kann man eine Sendung über Kernfusion machen - und schon sind wir bei den Grundlagen der Plasmaforschung.



ZDF: Sie haben sich gegen "Eventwissenschaft" ausgesprochen. Was ist das?


Lesch: Zu Wissenschaft gehört: Sie ist absolut transparent, sie ist nicht sensationsheischend. Wissenschaft ist ein langer Diskurs mit Thesen und Gegenthesen. Ein Event ist ein Einzelereignis, gestern passiert, heute glossiert und danach kommt das nächste Event. Deshalb wehre ich mich auch dagegen, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse erst in der New York Times und dann in einer Fachzeitschrift veröffentlicht werden. Events werden gern im Vorfeld von Finanzentscheidungen organisiert, wenn es um die Zuweisung von Geldern für bestimmte Institute geht. Mit echter Wissenschaft haben solche Events nicht viel zu tun.


ZDF: Werden Sie sich in "Abenteuer Forschung" ausschließlich mit Naturwissenschaft beschäftigen oder sind auch geisteswissenschaftliche Themen denkbar?


Lesch: Ich würde gern auch die Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forschung thematisieren. Das Problem: Es fehlen die Bilder, es gibt keine technische Apparatur, keine Versuche mit messbaren Ergebnissen. Bei Geisteswissenschaften spielt die Interpretation eine größere Rolle und Fragen sind häufig nicht eindeutig entscheidbar. Was ich aber spannend fände, wäre, die unterschiedlichen Ansätze von Natur- und Sozialwissenschaft zu thematisieren. Da ist Prometheus, Sinnbild des Naturwissenschaftlers, der ständig nach Neuem fragt, und daneben sein Bruder Epimetheus, der Geisteswissenschaftler, der "danach Denkende", der zurückblickt und wie eine Hämorrhoide am Hintern der Naturwissenschaft sitzt und herummeckert, weil man das, was man erreichen wollte, verfehlt hat. Bei den Geisteswissenschaften geht es nicht nur um die Frage des "Wie?", sondern um das "Warum?". Letzlich sind wir bei der philosophischen Fragestellung: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Was steckt dahinter? Zufall, oder ein Schöpfer? Das Medium Fernsehen tut sich mit solchen Fragen schwer - aber wenn man mich lange genug machen lässt?


ZDF: Trauen Sie sich zu, alles zu erklären?


Lesch: Eindeutig: Nein, ich bin da sehr vorsichtig. Kein noch so guter Musiker beherrscht alle Instrumente. Die Kunst besteht in der Beschränkung auf das, was man kann. Bei manchen Themen würde ich mir liebend gerne jemanden ins Studio holen, der das erklären kann. Durch die Ludwig-Maximilians-Universtität München bin ich in einem intellektuellen Netzwerk, durch das ich solche Experten kenne. Interdisziplinarität funktioniert nur durch solche Netzwerke, wenn man bei einem Glas Wein ins Gespräch kommt.


ZDF: Wieviel Glas Wein braucht man, um das deutsche Steuersystem erklärt zu bekommen?



Lesch: Das ist meine Standard-Empörungsgeschichte. Wir Naturwissenschaftler werden stets aufgefordert, hochkomplizierte Sachverhalte in eineinhalb Minuten zu erklären. Ich warte noch darauf, dass auch Politiker hier substantiell Auskunft geben. Vielleicht brauchen wir analog zu "Abenteuer Forschung" eine Art "Abenteuer Politik", bei dem erklärt wird, was die Politik will, und nachhaltig gefragt wird: Was haben wir erreicht? Ein solches Angebot gibt es im ZDF-Programm, es heißt "Neues aus der Anstalt". In diesem Geiste die Frage: Gibt es intelligentes Leben im Universum und besteht dann eine Chance, jemanden zu finden, der das deutsche Steuerrecht erklären kann? Mit der Frage nach Lebensformen im Universum werden wir uns sicher beschäftigen. Was den zweiten Teil der Frage angeht: Ich bin nicht sicher, ob das deutsche Steuersystem als Hinweis für die Existenz intelligenten Lebens auf der Erde geeignet ist.

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