Der Reiz des Risikos

Warum Menschen gern aufs Ganze gehen

Manchmal fürchten wir uns vor einem Risiko, das, statistisch betrachtet, kaum ins Gewicht fällt. Anderen oft viel größeren und wahrscheinlicheren Risiken setzen wir uns freiwillig aus. Ist das die reine Unvernuft oder gibt es eine tiefer liegende Ursache für unseren merkwürdigen Umgang mit dem Risiko?

"No risk, no fun" gilt zumindest für viele Extremsportler. Ob sie auf Riesenwellen surfen oder beim Base-Jumping - dem Springen von Wolkenkratzern oder hohen Felsen - den freien Fall ausprobieren: Für manche scheint die Gefahr einen besonderen Reiz zu bergen.

Suche nach dem großen Kick

Jede ihrer Aktionen bereiten diese Sportler äußerst penibel vor. Ist die Situation erfolgreich gemeistert, folgt der Lohn unmittelbar: Ausgeschüttete Hormone vermitteln ein Hochgefühl. Andere Bedingungen hingegen herrschen bei der Stierhatz von Pamplona: Einmal im Jahr werden in der nordspanischen Stadt die sechs Kampfstiere durch die Straßen und Gassen der Altstadt zur Arena getrieben.

Für die Stierläufer - darunter viele ausländische Touristen - ist es ein besonderer "Kick", ein Stück neben den Stieren herzulaufen oder sich ihnen in den Weg zu stellen. Die Situation lässt sich kaum kontrollieren. Jedes Jahr werden einige Menschen von den Stieren überrannt oder auf die Hörner genommen, die Folge sind zum Teil schwere Verletzungen. Was ist das Motiv der selbst ernannten Toreros, sich bewusst einer solchen Gefahr auszusetzen?

Stierläufer mit Adrenalinkurve (Trick)
Stierläufer mit Adrenalinkurve Quelle: ZDF

Euphorie vertreibt die Angst

Forscher haben untersucht, was bei dieser riskanten Mutprobe im Körper geschieht. Zunächst regiert der reine Stress: Der Adrenalinspiegel steigt auf extreme Werte, der Puls schnellt hoch - das sind Zeichen purer Angst. Wenn die Gefahr vorüber ist, weicht die Angst der Euphorie. Im Gehirn explodiert ein biochemisches Feuerwerk. Endorphine, die "Glückshormone", werden in großer Menge ausgeschüttet. Sie wirken wie Drogen und lassen jedes Risiko vergessen. Hinzu kommt die Aussicht, Freunden von den Heldentaten zu berichten und Bewunderung zu ernten.

Es gibt viele Belege dafür, dass Vernunft beim Einschätzen von Risiken nicht unbedingt Pate steht. Das beste Beispiel dafür ist unser Umgang mit Alkohol und Nikotin. Der unmittelbare Genuss lässt die Angst vor den Gesundheitsschäden verschwinden. Zudem glauben viele Menschen, das Risiko beim Rauchen selbst steuern zu können. Viel größere Ängste weckt das statistisch höchst unwahrscheinliche Risiko, an BSE oder Vogelgrippe zu erkranken, da diese Seuchen nicht kontrollierbar erscheinen und die Folgen nicht ausreichend bekannt sind.

Kurzsichtiges Urteilsvermögen

Auch Eitelkeit kann ein Motiv dafür sein, Gefahren zu ignorieren: Zum Beispiel ist es erwiesen, dass starke Sonneneinstrahlung das Hautkrebsrisiko erhöht. Dennoch siegt oft die Aussicht, durch Bräune an Attraktivität zu gewinnen, über die Angst vor den Spätfolgen. Die Unvernunft erhält so einen Sinn. Diekurzfristige Aussicht auf Bewunderung und gesellschaftliche Anerkennung wiegt für viele schwerer als die Warnung, irgendwann später vielleicht an Krebs zu erkranken.

Erbe aus der Frühzeit

Wir tun uns schwer, wenn es darum geht, mögliche Auswirkungen in der Zukunft mit in unser Urteil einzubeziehen. Denn unser Empfinden ist auf die Gegenwart ausgerichtet, selten ziehen wir langfristige Perspektiven mit ins Kalkül. Dabei handeln wir dem kurzfristigen Erfolg zuliebe oftmals entgegen jeder Vernunft - und sogar wider besseres Wissen. Die Suche nach dem Ursprung für unser oft irrationales Handeln führt uns in eine Zeit zurück, in der unsere Vorfahren ganz andere Gefahren zu bestehen hatten. Jede Jagd konnte lebensgefährlich sein. Doch der Jagderfolg sicherte die Ernährung einer ganzen Gruppe. Aus Furcht vor dem Risiko vom Wild abzulassen war keine Alternative. Und vorausschauendes Handeln, das einen Zeitraum von vielen Jahren überspannte, war nicht der Mühe wert, wo es doch um das Überleben der nächsten Tage und Wochen ging.

Zwei Neandertaler bei der Jagd
Zwei Neandertaler bei der Jagd Quelle: Wall to Wall

Obwohl sich unsere Lebensbedingungen über die Jahrtausende völlig gewandelt haben, wirkt dieses evolutionäre Erbe hartnäckig in uns fort. Weil das so ist, werden Risiken im Alltag von uns immer subjektiv wahrgenommen und interpretiert.

Bei der Beurteilung von Risiken stellt uns der Fortschritt vor besondere Herausforderungen. Normalerweise definiert sich ein Risiko als das Produkt aus der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines gefürchteten Ereignisses und dem Ausmaß des möglichen Schadens. Beide Faktoren aber sind dem Einzelnen in der Regel kaum oder nur teilweise bekannt. So muss man sich bei der Bewertung neuer Technologien, wie etwa der Nanotechnologie, oftmals auf die Einschätzung von Experten verlassen. Die Risikoforschung ist heute ein komplexes Gebiet. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) untersucht zum Beispiel Stoffe, Produkte und Lebensmittel hinsichtlich möglicher gesundheitlicher Risiken für den Verbraucher und setzt entsprechende Grenzwerte fest, während es sich die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) zum Ziel gesetzt hat, die Sicherheit in Technik und Chemie zu erhöhen.

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