Der Seeelefanten-Krimi

Dem rätselhaften Robbenkiller auf der Spur

Das Südpolarmeer ist das Reich der Südlichen Seeelefanten, der größten Robben der Welt. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit werden sie zu Opfern eines Dramas. Die Strände des Kerguelen-Archipels, südlich von Madagaskar, die die Robben sonst zahlreich zur Paarung aufsuchen, beginnen sich ab Mitte der 1970er-Jahre rapide zu leeren. Um fast 50 Prozent bricht die Populationen der Seeelefanten ein.

Das mysteriöse Robben-Sterben greift in den Folgejahren auf weitere Inseln der Südhalbkugel über. Nur auf einer Insel bleiben die Seeelefanten verschont: auf Südgeorgien. Für die Paarung und die Aufzucht der Jungen kommen die Seeelefanten wie gewohnt hierher. Von einem rätselhaften Robbenkiller keine Spur.

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Robben als Spezialagenten: Die Peilsender liefern aufschlussreiche Daten.

Indizien durch Peilsender

Das Geschehen im Südpolarmeer gibt Rätsel auf. Als Robben-Killer steht bald der  Klimawandel im Verdacht. Doch weshalb erwischte es nur die Seeelefanten der Kerguelen? Lange Zeit schien der Fall unlösbar. Erst dank neuer Techniken können Forscher das Verhalten der Tiere nun genauer ergründen. Wenn die Tiere zur Paarung an Land kommen, fangen sie einige der Seeelefanten und versehen sie mit Peilsendern. Vom Kerguelen-Archipel und auch von Südgeorgien schicken die Forscher ihre unfreiwilligen Spezialagenten mit Sendern auf den Weg. Über die Sender erhalten die Forscher täglich Daten über die Wanderrouten der Tiere.

Die Messwerte liefern entscheidende Indizien. Die Seeelefanten aus Südgeorgien, die der Killer verschont hat, zeigen eine Vorliebe für eine ganz bestimmte Jagdregion: die sogenannte Polarfront. An der Polarfront treffen warme Meeresströmungen aus Pazifik, Atlantik und Indischem Ozean auf die kalten Wassermassen aus der Polarregion. Die entstehenden Wirbel befördern große Mengen an nährstoffreichem Wasser aus der Tiefe nach oben: die Grundlage für üppiges Leben und eine Nahrungskette, an deren Ende die Seeelefanten stehen. Die Polarfront hat sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund von Temperaturschwankungen mehrfach verschoben. Aber die Seeelefanten aus Südgeorgien sind ihrem wandernden Jagdgebiet hinterhergezogen. Klimaveränderungen und damit einhergehende veränderte Strömungen können ihnen daher nur wenig anhaben.

Wo lauert die Gefahr für die Kerguelen-Robben?

Was bedroht nun aber ihre Artgenossen von den Kerguelen? Die Daten der Peilsender enthüllen den entscheidenden Unterschied: Trotz des reichen Nahrungsangebots der Polarfront machen die Robben von den Kerguelen hier nicht lange halt. Ihre traditionellen Jagdgebiete liegen weiter im Süden, in der Antarktis. Die Forscher sind überzeugt: Die Ursache für das Robben-Sterben muss hier zu finden sein.

Die Ausdehnung des Meereises in der Antarktis schwankt im Rhythmus der Jahreszeiten. Auch von Jahr zu Jahr kann es große, natürlich bedingte Veränderungen geben. Die Sender-Daten der Kerguelen-Robben zeigen: Sie jagen vor allem in der Ostantarktis – vornehmlich am Rande des Meereises und darunter.

Vermutete Todesursache

Robben im Wasser
Die Kerguelen-Robben verschwanden mit der Klimaerwärmung. Quelle: BBC

Die Ausdehnung des Meereises spielt für das gesamte Leben in der Antarktis eine Schlüsselrolle. Die Eisbedeckung im Winter bestimmt die Algenblüte im folgenden Frühling. An der Unterseite des Meereises konzentrieren sich Mineralstoffe, die reiche Nahrung für Algen und somit auch für Krill liefern. Je geringer die Meereisausdehnung, desto geringer also das Nahrungsangebot im Folgejahr. Ein Zusammenhang, dem die in der Antarktis jagenden Seeelefanten nicht entrinnen können.

Als die Forscher die Klimadaten mit dem Zeitraum des Robbensterbens vergleichen, bestätigt sich ihr Anfangsverdacht: In den 1970er-Jahren hatte sich das Südpolarmeer in weiten Regionen stark erwärmt. Das Meereis ging über mehrere Jahre stetig zurück. Zeitgleich verschwanden die Kerguelen-Robben. Die Tiere sind schlicht verhungert. Der Indizienprozess gegen den Klimawandel ist noch nicht abgeschlossen. Ob das Robben-Sterben auf sein Konto geht, lässt sich im Nachhinein nur schwer nachweisen. Auf den Kergulen-Inseln hat sich inzwischen die Seeelefantenbevölkerung wieder erholt. Die Eisdecke hat sich vergrößert als die Temperatur wieder zurückging. Die Temperatur in der Antarktis schwankt eben - mal mehr mal weniger.

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