Die einen haben Land, die anderen Geld

Folgenschwerer Agrarkolonialismus

Spekulationen um Agrarflächen stehen weltweit hoch im Kurs. US-amerikanische Konzerne kaufen in Argentinien, schwedische in Russland, russische wiederum in der Ukraine. Französische Unternehmen decken sich mit Agrarflächen in Brasilien ein, und Kuwait, Katar und Saudi Arabien kaufen kaufen überall da, wo sie was kriegen können. Am wichtigsten von allen scheint es jedoch für China zu sein, den Bedarf an landwirtschaftlich nutzbaren Boden auch in Zukunft zu sichern, denn schon jetzt müssen 1,3 Milliarden Chinesen versorgt werden.

Grafische Darstellung von Agrarkolonialismus auf einer Weltkarte.
Grafische Darstellung von Agrarkolonialismus auf einer Weltkarte. Quelle: ZDF

Doch der Agrarkolonialismus birgt auch einigen Sprengstoff. Nicht nur, dass kostbare Waldgebiete durch gewinnbringende Plantagen ersetzt werden, oftmals werden die Kleinbauern der Region praktisch enteignet. Das Ganze erinnert doch stark an vergangene kolonialistische Zeiten. Wieder einmal werden die Ressourcen aus weniger entwickelten Ländern für den Wohlstand anderer Nationen genutzt.

Milch aus der Wüste

Bewässerungsanlage in der Wüste Rub Al-Kali.
Bewässerung Wüste, Test 2 Quelle: ZDF


Auch im eigenen Land werden die Flächen oft gnadenlos ausgebeutet. Ein Beispiel dafür ist die Wüste Rub Al-Kali in Saudi Arabien. Sie gehört zu den trockensten Regionen der Erde. Doch ausgerechnet hier arbeitet man an der Verwirklichung eines Traums. Milchwirtschaft mitten in der Wüste mit Kühen aus deutscher Zucht. Klimaanlagen kühlen die Luft von 50 Grad auf für die Tiere erträgliche 26 Grad. Um die schnell wachsende Bevölkerung mit Milch und Fleisch versorgen, sind die hochgezüchteten Fremdlinge in Saudi Arabien inzwischen unverzichtbar. Traditionelle Kamelherden können den Bedarf nicht decken.

Milchfarm in Saudi Arabien.
Wasser für Kühe, Text 2 Quelle: ZDF

Durch Weiterzüchtung mit genetisch selektierten Samen aus den USA brachte man es auf einen Ertrag von 70 Liter Milch am Tag pro Kuh. Mehr als doppelt so viel wie in Deutschland. Einen Liter Milch zu erzeugen erfordert 2500 Liter Wasser. Im Vergleich: Weltweit sind es im Durchschnitt nur 1000 Liter. Allein die künstliche Bewässerung der Felder verschlingt 15 Millionen Liter pro Tag, gespeist aus nicht-erneuerbarem fossilem Grundwasser. In weniger als 40 Jahren wird das Grundwasser verbraucht sein. Saudi Arabien muss dann aber doppelt so viele Einwohner ernähren wie heute.

Schweinefleisch für China

China sieht sich vor ähnliche Probleme gestellt. Beispiel Shanghai: In der chinesischen Metropole leben 15 Millionen Menschen. 1990 wurde die Stadt zur Sonderwirtschaftszone erklärt und damit interessant für ausländische Investoren. Die Verdienstchancen sind verlockend. Mit dem gestiegenem Wohlstand hat sich das Konsumverhalten verändert. Eine Entwicklung mit dramatischen Folgen.

Chinesen an Fleischtheke.
Chinesen an Fleischtheke, Text 2 Quelle: ZDF

Westlicher Lebensstandard ist hier zum Vorbild geworden. Der Fleischverbrauch im Landesdurchschnitt hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Immer mehr Schweinefleisch wird importiert. Im vergangenen Jahr waren es erstmals über 100.000 Tonnen. China muss 20 Prozent der Weltbevölkerung ernähren, doch das Land verfügt nur über sieben Prozent der kultivierbaren Ackerfläche. Eine prekäre Situation.

Neues Land gesucht

1,3 Milliarden Chinesen müssen versorgt werden, Tendenz steigend. Mit konventionellen Anbaumethoden kann das Land aus eigener Kraft bei der Versorgung nicht Schritt halten. Selbst intensivste Bodennutzung bringt nicht genügend Erträge. Und die Situation verschärft sich zusehends: Die rückhaltlose Ausbeutung und der Klimawandel führen zu Bodenerosion und Landverlust. Die große Sandwüste im Norden des Landes frisst sich immer weiter voran.

Mehr als ein Drittel des Landes ist davon bedroht. Auch die Hauptstadt Peking gerät in Gefahr, im Sand zu versinken. So ist es aus chinesischer Sicht nur konsequent, sich in anderen Ländern nach neuem Ackerland umzusehen. Die Suche richtet sich auf ausgedehnte, noch ursprüngliche oder nur dünn besiedelte Landstriche in der ganzen Welt.

Die neuen Kolonialherren

Und China ist fündig geworden: in den Regenwäldern Südamerikas und Südostasiens, sowie in den Tropen Afrikas. Dort, wo seitens der Landbesitzer kein Widerstand zu erwarten ist und man sich auf staatlicher Ebene einig wird, werden lang laufende Pachtverträge geschlossen. So wie im zentralafrikanischen Kamerun - einst portugiesische, deutsche und französische Kolonie. Die neuen Herren kommen aus dem Reich der Mitte.

Brandrodung
Brandrodung, Text 2 Quelle: ZDF

Jianjun Wang ist seit einem Jahr in Kamerun. Die Farm, die er leitet, liegt auf fruchtbarem Boden. Das Klima ist ideal für Reis-, Mais- und Sojaanbau. Wang ist Chef von 20 Angestellten: Einheimische, die die komplette Feldarbeit erledigen, dazu gehört auch das Ausbringen der Pestizide. Ihr Lohn beträgt umgerechnet 40 Euro im Monat. Die gesamte Jahresernte der 10.000 Hektar großen Farm geht nach China. China hat sich außer in Kamerun Land in Uganda, Tansania, Kuba, Mexiko, Russland, auf den Philippinen und in Australien gesichert.

Aufstand der Armen

Und China ist kein Einzelfall. Zu den größten Agrarkolonialisten zählen Südkorea, Japan, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi Arabien mit einer Fläche von insgesamt acht Millionen Hektar. Eine globalisierte Landwirtschaft ist inzwischen Alltag, denn immer mehr Länder können die Ernährung ihrer Bevölkerung anders nicht mehr sichern. Doch der sich ausweitende Agrarkolonialismus birgt Sprengstoff.

Denn ausgerechnet den ärmsten Ländern wird die Grundlage zur Selbstversorgung geraubt. Schon heute sind einige von Hilfslieferungen abhängig. Und in 20 Jahren werden gerade sie zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Erde gehören. In Mexiko und Madagaskar kam es wegen des neuen Kolonialismus schon zu heftigen Demonstrationen. Auf Haiti starben vier Menschen bei Aufständen. Die Versuche einiger Staaten, auf Kosten Schwächerer die eigene Zukunft zu sichern, erweisen sich als gefährlicher Irrweg.

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