Die Jagd nach dem Schamanenwissen

Piraterie der Heilpflanzen

Die Kenntnisse über Heilpflanzen sind für die Naturvölker schon seit langem ein wertvoller Schatz. Dieses uralte Wissen weckte die Begehrlichkeiten von Pharmakonzernen. Es kam zu regelrechten Beutezügen in Entwicklungsländern. Die Profitmacherei mit dem geraubten Know-how von Naturvölkern ist noch längst nicht vorüber. Es hat ein regelrechtes Wettrennen um die Ressource Schamanenwissen eingesetzt. Biopiraten entern die Savannen und Urwälder.

Und dabei fing alles vor langer Zeit ganz harmlos an: Ein junger Engländer geht auf Anraten seines Arztes Ende des 19. Jahrhunderts nach Südafrika. Das günstige Klima soll seine Tuberkulose lindern. Er trifft auf einen Heiler, der ihm einen Trank aus Wurzeln zubereitet. Den Sud soll der Engländer regelmäßig trinken. Der Patient erholt sich zusehends. Er kehrt nach England zurück und versucht dort, die "Wunderwurzel" zu vermarkten.

Die heilende Geranie

Pelarkonienplantage in Südafrika
Nach dreijährigem Wachstum erreichen die Pelarkonienwurzeln den Wirkstoff.

In Südafrika nutzen verschiedene Stämme und Gemeinden die "Wunderwurzel" schon seit Jahrhunderten: Sie stammen von der Kapland-Pelargonie, einer Geranienart. Aus den Pelargonienwurzeln stellen die Frauen bis heute einen Trank gegen Krankheiten der Atemwege und der Lunge her. Er soll aber auch gegen Infektionskrankheiten wie Husten und bei Fieber helfen. Und das sprach sich seit der wundersamen Heilung des "englischen Patienten" auch in Europa herum.

Inzwischen musste man Pelargonienplantagen anlegen, um die wild wachsenden Bestände zu schonen. Denn durch die enorme Nachfrage der Wurzeln im Ausland sind die wild wachsenden Pflanzen heute vom Aussterben bedroht. Die Kapland-Pelargonie wächst nur in einer schmalen Zone in Südafrika und Lesotho. Der Anbau ist mittlerweile ein gutes Geschäft: Die Wurzeln werden exportiert - vor allem nach Deutschland. Hier macht eine Firma daraus das Erkältungsmedikament Umckaloabo. Sie hatte sich das Extraktionsverfahren der Wirkstoffe patentieren lassen. Eine der südafrikanischen Gemeinden, die die Wurzeln schon seit jeher nutzen, sah sich ihres traditionellen Wissens beraubt. Der Vorwurf: Biopiraterie. Aber wie können sie ihre traditionellen Kenntnisse über die Heilpflanze schützen?

Das wertvolle Wissen der San

San bei Kaktuspflanze in der Kalahari
Seit Generationen nutzen die San die Hoodia-Pflanze.

Die San hatten vor zehn Jahren ein ähnliches Problem. Doch ihnen ist es als erstem Naturvolk in der Geschichte gelungen, ihr traditionelles Wissen vor Diebstahl zu schützen. Einst hetzten die San ihr Jagdwild in Hitze und Trockenheit bis zu 40 Stunden lang durch die Kalahariwüste. Auf ihrer Pirsch kamen die Jäger tagelang ohne Essen aus. Ihr Geheimnis: der Kaktus Hoodia gordonii. Vielleicht ist es das wertvollste traditionelle Wissen der San. Denn der Kaktus ist ein natürlicher Appetitzügler und birgt somit ein enormes Potenzial für die westliche Welt. Sind die Stacheln entfernt, können die Kaktusstücke frisch gegessen werden. Sie wirken stundenlang gegen jegliches Hungergefühl.

Längst ist ein südafrikanisches Forschungsinstitut auf den Wunderkaktus der San aufmerksam geworden. Nach jahrzehntelanger Forschung ließ es sich einen Wirkstoff aus dem Kaktus patentieren. Allein die Verwertungsrechte, die es an ein britisches Unternehmen verkauft hatte, brachten eine Menge Geld ein. Der Handel ging zunächst an den San vorbei. Erst als Nichtregierungsorganisationen sie über die Geschäfte informierten, protestierten die San: Es sei ihr Recht, an Gewinnen beteiligt zu werden, die man mit ihrem Wissen erziele. In zähen Verhandlungen trotzten die San den Vertretern des südafrikanischen Forschungsinstituts eine Gewinnbeteiligung ab.

Präzedenzfall mit weitreichenden Folgen

Aber bis heute gibt es kein von Gesundheitsbehörden zugelassenes Produkt. Es werde weiter daran gearbeitet, heißt es. Inzwischen wird Hoodia bereits in Plantagen angebaut, denn die Nachfrage ist trotzdem groß. Diverse Hoodia-Produkte werden als Appetitzügler über das Internet verkauft. Bei vielen ist die Wirkung jedoch fraglich: ein Risiko für die Verbraucher und für die San ein Flop. Denn von diesen Geschäften profitieren sie bislang nicht.

Trotzdem sind die San stolz auf ihren Verhandlungserfolg. Man empfängt ihre Vertreter im südafrikanischen Forschungsinstitut und demonstriert, was man aus "ihrem" Hoodia-Kaktus gewonnen hat. Wann ein geprüftes Produkt auf den Markt kommt, ist zwar noch offen. Doch das südafrikanische Forschungsinstitut sicherte den San einen Anteil an den Einkünften aus dem Patent und eine Gewinnbeteiligung zu. Bislang flossen etwa 50.000 Euro in Schulen und in den Kauf von Land für die San. Und der von ihnen erstrittene Präzedenzfall hat weitreichende Folgen.

Schlupflöcher der Industrie

Ermutigt durch den Erfolg der San focht die südafrikanische Gemeinde, die die Pelargonienwurzeln seit Generationen nutzt, das Patent der deutschen Firma an. Tatsächlich widerrief das europäische Patentamt den Schutz des Extraktionsverfahrens. Die Begründung: Es läge keine Erfindertätigkeit vor. Die Südafrikaner extrahierten schließlich die Wirkstoffe schon seit langem.

Das Patent schützte jedoch nicht die Verwendung der Wurzel an sich. Das Unternehmen nach wie vor das Erkältungsmittel produzieren. Der Hersteller gibt an, die Südafrikaner inzwischen am Gewinn zu beteiligen. Doch die Verträge seien geheim. Deshalb lässt sich nicht abschätzen, ob die Gewinnbeteiligung fair ist. Nichtregierungsorganisationen klagen über mangelnde Transparenz und über Schlupflöcher in den internationalen Regelungen, Unternehmen über fehlende Rechtssicherheit.

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