Die Macht der Überzeugung

Symptome der Angst

Den Placebo-Effekt kennen wir: Man nimmt Medizin ein, die gar keine ist, und wird gesund. Der Nocebo-Effekt funktioniert praktisch umgekehrt. Man weiß beispielsweise um die Nebenwirkungen eines Medikaments und erfährt nach der Einnahme exakt diese Symptome.

Ist gar die Angst vor der Gefahr am schädlichsten und macht sie uns krank? Wie kommen wir zu einer Einschätzung darüber, was gefährlich und was vertretbar oder gar unbedenklich ist?

Ein rätselhaftester Fall

Ein junger Mann wird nach einer Überdosis Tabletten in die Notaufnahme eingeliefert. Er hatte einen ganzen Monatsvorrat starker Antidepressiva geschluckt, die ihm ein Arzt verschrieben hatte. Sein Zustand ist kritisch. In der Notaufnahme ist man ratlos. Das Medikament ist unbekannt, die Vitalfunktionen schwach, und selbst nach Infusion von mehreren Litern Kochsalzlösung stabilisiert sich der Patient nicht.

Doch das Drama nimmt eine unerwartete Wendung. Der behandelnde Arzt des jungen Mannes trifft ein und enthüllt das Unglaubliche: Der Mann hatte statt einem potenten Antidepressiva nur ein Scheinmedikament eingenommen. Er war Teilnehmer einer klinischen Studie - in der Placebogruppe. Der Patient erholt sich binnen 15 Minuten. Allein seine Angst vor der tödlichen Überdosis hatte ihn in eine lebensbedrohliche Situation gebracht. Aber wie stark kann der Einfluss einer bloßen Erwartungshaltung sein?

Der Nocebo-Effekt

Erstaunliche Hinweise kommen aus vielen klinischen Studien. Wird ein neues Medikament erprobt, teilt man die Testpersonen auf: Die Hälfte bekommt die echte Arznei, die andere ein Placebo. Das Verblüffende dabei: In der Placebogruppe treten die gleichen Nebenwirkungen auf wie in der Medikamentengruppe. Eine pharmakologische Ursache für die Beschwerden ist ausgeschlossen. Aber was ist es dann, das die Leiden verursacht?

Auch die Art des Nachfragens beeinflusst das Befinden: Ein offener Fragebogen ergibt halb so viel Nebenwirkungen wie eine Liste zum Ankreuzen. Können bloße Vorgaben schon zu Symptomen führen? Genau das prüfen weitere Studien: Warnt ein Arzt vor Nebenwirkungen, treten sie dreimal häufiger ein, als wenn er die Patienten im Dunkeln lässt. Dieses Phänomen ist der Wissenschaft inzwischen als Nocebo-Effekt bekannt, dem dunklen Zwilling des Placebo-Effekts, bei dem allein positive Erwartungen schon heilen können. Seine enorme Bedeutung wird erst seit Kurzem erforscht. Und er scheint nicht nur bei Pillen seine Wirkung zu entfalten.

Physiologische Reaktionen

Könnte auch im Falle von Elektrosmog und Handystrahlung die bloße Angst Krankheitssymptome auslösen? Ein Experiment mit Probanden, die unter Strahlungsbelastung leiden, soll Klarheit bringen. Sie sollen erspüren, wann ein Funkmast Strahlung aussendet, und dabei ihr Befinden dokumentieren. Der Mast wird nach einem Zufallsmuster ein- und ausgeschaltet.

Wähnten die Testpersonen Handystrahlung im Raum, fühlten sie sich unwohl. Glaubten sie, die Strahlungsquelle sei aus, ging es ihnen besser. Erst die Doppelblindstudie enthüllt, dass die Strahlendosis dabei keine Auswirkung hatte, der Nocebo-Effekt war wirksam. Allein der Verdacht, Funkwellen würden sie umgeben, reichte aus, um das Befinden der Teilnehmer zu verschlechtern. Die Symptome waren real und messbar. Es kommt zu physiologischen Reaktionen, ganz ohne äußere Ursache. Wie kann das sein?

Ein Blick ins Gehirn

Liegt der Schlüssel zum Nocebo-Effekt vielleicht im Gehirn? Wissenschaftler versuchen das mithilfe einer männlichen Testperson herauszufinden: Der Mann bekommt einen Stromstoß und soll die Stärke des Schmerzes in etwa beziffern. Daraufhin erhält er ein Schmerzmittel - in Wahrheit ein Placebo. Prompt empfindet er den Stromreiz weniger schlimm, und sein Gehirn zeigt sofort geringere Aktivität im Schmerzzentrum.

Dann wird ihm suggeriert, die nächste Spritze mache ihn empfindlicher. Und in der Tat: Er fühlt sogleich größeren Schmerz. Subjektives Wahrnehmen ist schwer messbar, doch Hirnströme lügen nicht. Hier wird es offensichtlich: Erwartungen und Befürchtungen lösen Antworten im Gehirn aus. Und als unser zentrales Steuerungsorgan dirigiert es die Vorgänge im Körper. Es kann zum Beispiel unser Immunsystem beeinflussen und uns robuster oder auch anfälliger machen.

Nebenwirkungen selbstgemacht

Wittert das Gehirn Gefahr, kurbelt es die Bildung des Stresshormons Adrenalin an. Kreislauf und Muskelapparat werden in Alarmbereitschaft versetzt. Ein überlebenswichtiger Reflex. Anhaltende Furcht jedoch, deren Ursache wir weder greifen noch ihr entfliehen können, kann für uns schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Darüber gibt es unter Forschern heute keinen Zweifel mehr.

Nicht jede Angst ist angeboren, wir erlernen sie. Ob wir eine Situation als bedrohlich einstufen, hängt von unserer Erfahrung und von unserem Umfeld ab. Die Wissenschaft kann helfen, Risiken vernünftig zu beurteilen und unbegründete Furcht abzubauen.

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