Die Subjektivität der Zeit

Warum im Alter die Zeit scheinbar schneller vergeht

Unser Zeitempfinden kann je nach Situation sehr variieren: Wenn wir nichts erleben, zum Beispiel, wenn wir warten müssen, dann kommt uns die Zeit unendlich lang vor. Genau umgekehrt ist es, wenn wir viel zu erledigen haben, alle unsere Sinne gefordert sind, dann rast die Zeit nur so dahin. Wieso klaffen echte und erlebte Zeitdauer je nach Situation dermaßen auseinander?

Alte Dame mit Erinnerungen.
Alte Dame mit Erinnerungen. Quelle: ZDF

Der innere Takt jedes Einzelnen wird bestimmt von äußeren Einflüssen. Nehmen wir ein Fußballspiel als Beispiel: Kurz vor Anpfiff fiebern die Fans dem Ereignis entgegen. Fällt das erste Tor scheint sich die Geschwindigkeit der vergehenden Zeit plötzlich zu verändern. Für die Fans der siegenden Mannschaft kriecht die Zeit jetzt nur noch, denn sie erwarten sehnsuchtsvoll das Ende des Spiels. Für die Fans der anderen Mannschaft dagegen rast die Zeit, sie hoffen auf den rettenden Ausgleich.

Gefühlte Zeit

Fluggäste an Schaltern der Lufthansa in Berlin-Tegel
Fluggäste an Schaltern der Lufthansa in Berlin-Tegel Quelle: dpa


Psychologen bezeichnen das Phänomen als subjektives Zeitempfinden. Die gefühlte Zeit hat nichts mit dem Ticken physikalischer Uhren gemein, sondern hängt von äußeren Einflüssen, von Stimmungen und der Menge an gesammelten Erinnerungen ab. In einem Versuch wurden Testpersonen in zwei Gruppen eingeteilt: Während die einen einfach nur warten und untätig herumsitzen mussten, sahen sich die anderen neun Minuten lang spannende Filmausschnitte an. Anschließend wurden die Testpersonen nach ihrer Wartezeit befragt. Die Filmgucker empfanden die neun Minuten als schnell vergangen. Für die anderen Wartenden war die Zeit dahingekrochen.

Warum ist unser Zeitempfinden so variabel? Wir besitzen kein direktes Sinnesorgan für die Zeit, sondern das Zeitempfinden wird erst im Gehirn konstruiert. Die Sinnesorgane liefern ständig Informationen über die Außenwelt. Wenn wir vielen neuen Reizen ausgesetzt sind, beginnt die Zeit im Kopf zu rasen. Ganz anders in reizarmen Situationen. Während wir warten, kriecht die Zeit dahin. Erstaunlicherweise ist nur wenige Tage später alles ganz anders: Die Zeitspanne erscheint den Filmguckern jetzt länger, den nur Wartenden kürzer. Das heißt, ereignisreiche Zeiten sind in unserer Erinnerung länger als Phasen der Langeweile. Dieses Phänomen lässt sich auch auf große Zeiträume wie Lebensjahre übertragen.

Die schnellen Jahre

Je älter wir werden, desto schneller scheinen die Jahre zu verfliegen. Denn zum einen sinkt im Alter die Gedächtnisleistung des Gehirns, und wir behalten immer weniger in Erinnerung. Zum anderen erleben wir immer weniger Neues, das sich unserem Gedächtnis einprägt.

Kind - alte Frau
Kind - alte Frau Quelle: ZDF,BBC

Darüber hinaus müssen die Erlebnisse im lebenserfahrenen Alter viel intensiver sein, um einen ähnlich starken Eindruck zu hinterlassen wie Begebenheiten in unserer Kindheit und Jugend. Denn war ein Ereignis mit starken Gefühlen wie großer Freude oder Angst verbunden, dann sind die weitergegebenen Signale im Gehirn auch entsprechend heftig, wir denken häufiger an das Ereignis zurück. Wieder durchlaufen die Signale das Gehirn und das Erlebte bleibt uns so sehr lange im Gedächtnis.

Die Uhr im Kopf

Weniger emotionale Erlebnisse hingegen geraten schnell in Vergessenheit. Rückblickend erscheinen uns die Kinder- und Jugendjahre besonders lang, da viel mehr und intensivere Erinnerungen aus dieser Zeit in unserem Gedächtnis gespeichert bleiben als aus all den Jahren danach. Denn schließlich erinnern wir uns immer wieder gern an die ersten freien Schwimmzüge, an das tolle Faschingsfest mit Ponyreiten und natürlich die Sommerferien, die damals ja ewig dauerten.

Unser Zeitempfinden ist also sehr subjektiv, jeder empfindet einen bestimmten Augenblick anders und dementsprechend bleibt er dem einen im Gedächtnis haften, dem anderen nicht. Schließlich tragen wir keine Stoppuhr im Kopf: Wie kurz oder lang uns die jeweilige Minute vorkommt, hängt unter anderem von Situationen, Gefühlen, Erfahrungen und unserem Alter ab. Mit einer präzise tickenden Uhr hat das nichts zu tun.

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