Die süßeste Versuchung

Von der Götterspeise zum Medikament

Schokolade ist wie eine Verheißung von Wärme, Wohlbefinden und Genuss. Schon der Anblick lässt viele gute Vorsätze dahinschmelzen. Die köstliche dunkelbraune Masse bereichert seit Jahrhunderten unseren Speiseplan. Schokolade mache süchtig und glücklich, glauben viele, die nicht aufhören können zu essen. Nun sprechen neueste Forschungsergebnisse der Schokolade sogar eine heilsame Wirkung zu.

Eine Pharmakologin im Labor.

Was steckt hinter dem Mythos dieses uralten Lebensmittels? Ist die Mousse au Chocolat nicht nur ein verführerisches Dessert nach einem festlichen Mahl, sondern auch Auslöser für einen Extrakick im Gehirn? Oft greifen wir gerade dann zu Süßem, wenn wir gestresst oder müde sind - aber warum?

Geheimnisvolle Wirkung

Grafik: Monoamine aktivieren Nervenzellen Text 1 Quelle: ZDF


Schokolade enthält winzige Spuren von so genannten Monoaminen, die auch in Rauschmitteln stecken. Verteilen sich die Monoamine in unseren Blutgefäßen, können sie durch die Bluthirnschranke bis ins Gehirn gelangen und dort die Nervenzellen aktivieren. Sie wirken dann wie ein Wachmacher. Allerdings hat dieser süße Glücksbringer einen entscheidenden Haken. Die Monoamine kommen nur in winzigen Spuren in der Schokolade vor. Um unseren Gemütszustand damit dauerhaft aufzuhellen, müssten wir tonnenweise Schokolade essen - viel mehr, als für unsere Gesundheit gut sein kann.

Und dennoch: Es muss sie geben, die geheimnisvolle Wirkung der Schokolade. Schon für die Maya und die Azteken in Mittelamerika war der Kakao göttlichen Ursprungs. Sie schrieben ihm eine besondere Heilkraft zu. Der Eroberer Hernan Cortez entdeckte als erster Europäer die Faszination dieser göttlichen Speise. Als Cortez an der Küste des heutigen Mexiko landete, wurde er von den Azteken freundlich empfangen. Sie präsentierten ihm Gold, Edelsteine und eine Frucht, die bis dahin in Europa völlig unbekannt war: die Kakaobohne.

Bitterer Nachgeschmack

An der Erntetechnik hat sich seit der Zeit der Azteken nichts geändert. Die Früchte werden auch heute noch mit Macheten von den Büschen oder kleinen Bäumen geschlagen, die im Unterholz im Schatten großer Bäume wachsen. Nicht um die Früchte selbst geht es, sondern um ihren Inhalt. In dem weißen Fruchtfleisch stecken die begehrten Kakaobohnen. Sie werden zunächst in der Sonne getrocknet und schließlich bei Temperaturen bis zu 160 Grad geröstet.

Kakaoernte Text 1 Quelle: ZDF

Fein gemahlen und mit verschiedenen Zutaten wie Chili und Pfeffer angereichert, rührten die Azteken daraus ein schaumiges Getränk, das sie Xocoatl, bitteres Wasser, nannten. Es war eine berauschende Speise, die Priestern und Reichen vorbehalten war und übrigens nur für Männer geeignet erschien. Mit dieser Rezeptur und den Kakaobohnen an Bord machten sich die Europäer auf den Heimweg. 1544 wurde am spanischen Königshof die erste flüssige Schokolade getrunken. Besonders wohlschmeckend fand man das bittere Gebräu hier nicht, aber man hielt es für ein Aphrodisiakum und glaubte an seine heilenden Kräfte.

Die ersten Pralinen

Pralinen Text 1 Quelle: ZDF


Mitte des 18. Jahrhunderts gab der schwedische Naturforscher Carl von Linné dem Kakaobaum den Namen "Theobroma cacao", was so viel hieß wie "Götterspeise". Schließlich waren es dann Apotheker, die mit den braunen Bohnen experimentierten, ihnen Zucker zusetzten und so den bitteren Geschmack versüßten.

In Brüssel entstand dann eine Tradition, die das Bild der Stadt noch immer prägt. Ein Pharmazeut wurde zum Chocolatier. Er entwickelte im 19. Jahrhundert die ersten Pralinen, die bis heute hier verkauft werden. Verfeinert und immer wieder variiert, hat die Rezeptur ihren Siegeszug durch ganz Europa angetreten. Immer neue Manufakturen kreieren ihre eigenen Pralinen. Aus der Arznei ist längst ein Genussmittel geworden.

Neueste Forschungsergebnisse

Aber ist Kakao vielleicht doch mehr als der Rohstoff für einen süßen Verführer? Steckt ein Funken Wahrheit in dem uralten Wissen der Maya und Azteken? Inzwischen haben sich Pharmakologen auf Spurensuche begeben. Sie haben die einzelnen Polyphenole, die pflanzlichen Inhaltsstoffe der Schokolade, analysiert und eine erstaunliche Entdeckung gemacht: In der Bitterschokolade, die einen besonders hohen Kakaoanteil hat, stecken so genannte Flavanole. Dieser Stoff hat eine blutdrucksenkende Wirkung. Neuste Untersuchungen haben gezeigt, dass schon zwei Stück Bitterschokolade täglich für eine messbare Wirkung ausreichen.

Durch den Genuss der Schokolade wird in den Gefäßwänden Stickstoffmonoxid gebildet. Dieses dringt durch die Zellwände in die von Arterien umgebende Muskelschicht. Es sorgt dafür, dass die Gefäße weit gestellt werden: Der Blutdruck sinkt. Eine Empfehlung für Schokogenuss am laufenden Band ist das allerdings nicht. Aber immerhin: Schokolade essen macht nicht nur Spaß, es kann auch heilsam sein. Die Forscher nutzen die Entdeckung. Sie wollen aus dem jetzt identifizierten Flavanol ein Medikament entwickeln. Aus dem Genuss könnte so ein neues Heilmittel werden.

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