Die Tücke von Panikwaffen

Wie „schmutzige Bomben“ unsere Gesellschaft terrorisieren können

Trotz des Rüstungspotenzials mancher Staaten, gilt ein Angriff mit einer Waffe von der Dimension einer Atombombe derzeit als unwahrscheinlich. Aber man muss gar nicht zu Raketen greifen, um bei uns Angst und Schrecken zu verbreiten – eine kleine sogenannte „schmutzige Bombe“ tut es auch.

Sprengsatz
Ein Sprengsatz mit nuklearem Material hätte verheerende Folgen.

Mit simplen Techniken können selbst kleine Terrorgruppen unseren Alltag komplett verändern. Es genügen kleine Mengen an radioaktivem Material, ein einfacher Sprengsatz und Zugang zu einer für die Zündung geeigneten Stelle. Diese "schmutzigen Bomben" besitzen zwar keine große Sprengkraft, aber sie verstreuen radioaktives Material auf bewohntem Gebiet und führen so zu dauerhaften Schäden. Doch woher könnte das radioaktive Material für eine solche Bombe stammen? Zwei Beispiele zeigen, wie einfach der Zugang zu radioaktivem Material sein kann.

Georgien 2001

Ein Vorfall alarmiert die Internationale Atomenergie-Organisation. In einer Klinik werden zwei Männer mit starken Strahlenschäden behandelt. Angeblich haben die Holzfäller die Nacht im Wald neben zwei warmen Metallkanistern verbracht. Als Fachleute die von den Männern beschriebene Stelle erreichen, machen sie eine erschreckende Entdeckung: Jeder der beiden Kanister enthält so viel radioaktives Strontium, wie beim Tschernobyl-Unfall über Europa verteilt wurde. Die Strahlungsintensität ist so hoch, dass jeder Experte nur 40 Sekunden lang an der Quelle arbeiten darf, um sich nicht selbst zu gefährden.

Grafik: Karte Georgien
Ein Fund von radioaktivem Material in Georgien verdeutlicht die Gefahr.

Schließlich gelingt es, die Kanister in einem Bleibehälter zu sichern. Nachforschungen führen zu einem Bericht aus dem Jahr 1983, der Pläne für einen mit radioaktivem Material betriebenen Generator enthält. Tausende solcher Generatoren wurden gebaut. Bis heute ist der Verbleib der meisten Generatoren mitsamt ihrem strahlenden Inhalt unbekannt. Und das ist kein Einzelfall. Der nachlässige Umgang mit radioaktivem Material in den 1980er-Jahren hatte auch andernorts dramatische Folgen.

Brasilien 1987

In der Stadt Goiania wird aus einer verlassenen Klinik ein Gerät zur Strahlentherapie entwendet und an einen Schrotthändler verkauft. Als der Händler das Gerät aufbricht, wird radioaktives Cäsium frei. Bald zeigen einige Freunde und Verwandte des Schrotthändlers Symptome der Strahlenkrankheit. Vier von ihnen sterben, darunter seine sechsjährige Nichte. Messungen bestätigen, dass das Gerät 93 Gramm Cäsium-Chlorid in Pulverform enthielt. Die örtlichen Kliniken reagieren schnell und bieten kostenlose Untersuchungen an.

Nur etwa 20 Menschen, die der Quelle sehr nah gekommen waren, werden tatsächlich krank. Doch es kommen mehr als 100.000 Menschen zu den Untersuchungen. Allein die Angst vor einer möglichen Verstrahlung versetzt die Stadt für Wochen in einen Ausnahmezustand. Als die Nichte des Schrotthändlers auf einem städtischen Friedhof begraben werden soll, versucht ein Mob aus Demonstranten, das zu verhindern. Sie glauben, der Leichnam könne den Boden verstrahlen. In Goiania führten Ahnungslosigkeit und Unachtsamkeit zu einer Familientragödie.

Szenario in einer Großstadt

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Ein Anschlag im U-Bahn-Bereich bliebe vorerst unbemerkt.

Was wäre, wenn radioaktives Material gezielt in falsche Hände geriete? Ein Szenario: Terroristen gelangen an Cäsium-Chlorid-Pulver aus einem kleinen technischen Gerät – etwa 1000-mal weniger als das aus der Klinik in Goiania. Als Sprengsatz dient ein kleiner Feuerwerkskörper. Ihr Ziel für einen Anschlag ist die U-Bahn. Die Zündung in den Gleisen bleibt unbemerkt. Das radioaktive Material verbreitet sich im U-Bahn-Schacht. Für akute Strahlenfolgen ist die Dosis viel zu gering. Das Risiko für die Passagiere, an Krebs zu erkranken, wird sich statistisch um weniger als ein Promille erhöhen.

Das wahre Terrorpotenzial der Bombe ist ein anderes: Sobald die Menschen von dem Anschlag erfahren, macht sich Angst breit. Niemand will sich einem noch so geringen Risiko aussetzen. Würde sich eine offene Gesellschaft durch solch unbestimmte Gefahren lähmen lassen, hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht.

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