Die Tücken der Zeitwahrnehmung

Warum wir in Gefahr in Zeitlupe denken

Manchmal vergeht die Zeit für uns wie im Flug und manchmal scheint sie sich in die Länge zu ziehen. In großer Gefahr etwa erscheint uns das Geschehen wie in Zeitlupe. Wie ist das möglich? Sind wir in der Lage, in Extremsituationen ein Spezialprogramm abzurufen, vielleicht um unsere Reaktionsfähigkeit zu verbessern?

Menschen können pro Sekunde 10 bis 14 Bilder unterscheiden. Informationen einer schnelleren Bildfolge bleiben damit für uns unsichtbar. Was bedeutet dies für die Zeitwahrnehmung in Gefahr? Tickt der Mensch dann anders und ist er genau dann vielleicht fähig, mehr Bilder pro Sekunde zu sehen? Um das herauszufinden, haben Forscher einen extremen Test entwickelt.

Sind wir Schnecke oder Fliege?

Mann rennt vor Auro
Gefährliche Situationen erleben wir oft in Zeitlupe Quelle: BBC

In großer Gefahr erscheint die Welt wie in Zeitlupe. Auf einmal ist genug Zeit da, um Entscheidungen zu treffen und zu reagieren. Sekundenbruchteile werden gefühlt zu Ewigkeiten. Ein seltsames Phänomen. Eine einfache Erklärung dafür gibt es nicht. Forschern hilft ein Blick ins Tierreich. Hier gibt es Extreme. Die Fliege – ein Wunder der Reaktionsfähigkeit. Die Schnecke – ein Leben in der Langsamkeit. Beide sehen die Welt völlig anders, abhängig von ihrem eigenen Zeitgefühl. Und das ergibt sich aus den Informationen, die sie pro Zeiteinheit wahrnehmen können. Die Schnecke bekommt relativ wenig von dem mit, was in ihrer Umwelt passiert.

Schnecken vor Turm
Schnecken verbringen ein Leben in der Langsamkeit.

Realistisch gesehen hat die Schnecke keine Chance, beispielsweise einer Explosion zu entkommen. Dazu müsste sie ihr Tempo schon um ein Vielfaches beschleunigen. Die gleiche Situation sieht für eine Fliege ganz anders aus. Die Fliege nimmt kleinste Veränderungen wahr und ist schon längst entflohen, bevor es brenzlig wird. Die Fliege ist ein Meister der Zeitwahrnehmung. Sie kann extrem viele Bilder pro Sekunde erkennen und sieht die Welt wie in Zeitlupe. Ein Kinofilm wäre für eine Fliege deshalb ziemlich langweilig. Statt in eine andere Welt abzutauchen, würde eine Fliege nur eine öde Aneinanderreihung von Einzelbildern sehen.

Im freien Fall

Mann hängt in Versuchsanlage
Ein Versuch: ändern sich unsere Fähigkeiten im freien Fall? Quelle: BBC

Mit seinem Zeitgefühl steht der Mensch irgendwo zwischen Schnecke und Fliege. Je nach Person und Lichtverhältnissen kann er 10 bis 14 Bilder pro Sekunde einzeln sehen, bevor sie zu einem Film verschmelzen. Was bedeutet dies für die Zeitwahrnehmung in Gefahr? Tickt der Mensch dann auch wie eine Fliege, fähig, mehr Bilder pro Sekunde zu sehen? Um das herauszufinden, haben Forscher einen extremen Test entwickelt. Sie bringen Menschen in eine Situation, in der ihnen die Zeit extrem verlangsamt vorkommt: im freien Fall. Während sie fallen, sollen die Teilnehmer eine Aufgabe erfüllen, um zu überprüfen, ob sich während des Falls ihre Fähigkeit zum Bildersehen ändert. Dazu bekommen sie ein spezielles Gerät ans Handgelenk. Darauf ist eine Zahl zu erkennen. Aber nicht für das normale menschliche Auge. Die Frequenz der Bilder ist genau so eingestellt, dass die Versuchsteilnehmer sie gerade nicht mehr einzeln sehen können. Die Zahl verschwindet.

Ein Versuchskandidat beim freien Fall
Das ungewöhnliche Experiment schafft Klarheit.


Die Hypothese: Im Freien Fall sollte die versteckte Zahl zu erkennen sein. Aber das erhoffte Ergebnis bleibt aus. Die Zahl, die in der Apparatur versteckt ist, bleibt versteckt. Auch wenn alle Teilnehmer nach dem Fall angegeben haben, dass ihnen die Zeit sehr langsam vorgekommen ist. Mehr sehen konnten sie nicht. Der Unterschied liegt vermutlich nur im Gedächtnis. Statt wie üblicherweise die Informationen der Umwelt stark zu filtern und nur wenige Eindrücke zu bewahren, speichert das Gedächtnis in Gefahr viel mehr Informationen. Der Mensch wechselt in Gefahr also nicht in einen Fliegen-Modus. Die Zeitlupe, so vermuten die Forscher, reimen wir uns selbst im Nachhinein zusammen, um all die gespeicherten Informationen in einer solch kurzen Zeitspanne unterbringen zu können. Sie ist nicht mehr als eine Imagination unseres Gehirns.

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