Die Wirkung des Nichts

Wie Placebos unser Gehirn überlisten

Forscher untersuchen die Wirkung von Medikamenten, die eigentlich gar keine Medikamente sind, weil sie keinen Wirkstoff beinhalten. Dennoch hilft so manche Tablette ohne Wirkstoff genauso gut. Aber warum? Die Forschungen an diesem Placebo-Effekt laufen auf Hochtouren. Womöglich können Placebos in Zukunft sogar Medikamente teilweise ersetzen. Ein Hoffnungsschimmer für viele Patienten: denn ohne Wirkstoff – keine Nebenwirkung.

Der Glaube versetzt Berge, heißt es. Kann er also auch Kranke gesund machen? Untersuchungen an Leistungssportlern führen auf eine unerwartete Spur. Beim Sport werden die Gelenke stark belastet. Die Folge ist Gelenkabnutzung, schmerzhafte Arthrose. In vielen Fällen gibt es anscheinend nur einen Weg aus dem Schmerz: eine Operation.

Mehr Schein als Sein

Bruce Moselez, Arzt, betrachtet Röntgenbilder
Der Orthopäde Bruce Moseley testete verschiedene OP-Methoden.

Der Orthopäde Bruce Moseley aus Houston, Texas, war Mannschaftsarzt der amerikanischen Basketball-Nationalmannschaft. Er hat schon Hunderte von Knieoperationen durchgeführt. Jetzt er will wissen, was die beste Operationsmethode ist: die Spülung des Gelenks, bei der abgeriebener Knorpel entfernt wird, oder die Knorpelglättung, bei der geschädigte Knorpelanteile abgeschabt werden. Bei einer Gruppe von Patienten will er nur „zum Schein" operieren, also nur einen Schnitt in die Haut machen, aber keinen Eingriff durchführen. Die Ethikkommission der Klinik macht die Vorgabe: Bruce Moseley erfährt erst im OP, welche dieser drei Methoden er bei welchem Patienten anwenden soll. Der Ablauf der Operation erscheint allen Patienten gleich – auch den Scheinoperierten.

Das Ergebnis der Vergleichsstudie ist eine kleine Sensation: Allen Patienten geht es nach der OP gleich gut. Jahre später berichten selbst die Scheinoperierten, dass sie keine Knieschmerzen mehr haben und sportlich aktiv sind. Wie ist das möglich? Die Wissenschaft hat folgende Erklärung: Schmerzsignale, zum Beispiel aus dem Knie, gelangen in bestimmte Hirnareale. Die Information löst dort das Schmerzempfinden aus.

Was beeinflusst die Schmerzempfindung?

Mann mit gelber Pille in der ausgestreckten Hand
Die Wirkung von Medikamenten hängt von den mitgelieferten Informationen ab.

In einem Experiment wird nach der individuellen Schmerzschwelle von Probanden gesucht. Dazu werden sie über Elektroden verschieden starken Stromstößen ausgesetzt. Im nächsten Schritt verabreicht der Versuchsleiter eine braune Tablette, mit der Botschaft, sie mache schmerzempfindlicher. Es ist eine Milchzucker-Tablette – ohne Wirkstoff. Für die Probanden sind die Schmerzen nun schon bei Stärke drei kaum zu ertragen.

Im Experiment wird jetzt eine gelbe Pille mit der Information gereicht, dass sie den Schmerz stark reduziere. Auch die gelbe Tablette ist wirkstofffrei. Die Probanden ertragen nun den Stromschlag der Stärke drei fast klaglos. Und sogar bis Reizstärke sieben scheint es erträglich zu sein. Eine Placebowirkung. Sie lässt sich tatsächlich nachweisen: Pillen oder auch OPs wecken Erwartungen, die heilsam sind. Heute gehen viele Forscher davon aus, dass der Placeboeffekt bei manchen Symptomen bis zu 50 Prozent der Besserung ausmacht und das Schmerzempfinden dämpft.

Im Fokus der Mediziner

Ein Potenzial, das inzwischen auch bei Schulmedizinern Hoffnungen weckt. Im Fokus sind etwa Menschen mit einem Spenderorgan. Sie sind ihr Leben lang auf sehr starke Medikamente angewiesen und nehmen unvermeidliche Nebenwirkungen in Kauf. Die Medikamente unterdrücken das Immunsystem und verhindern die Abstoßung des Spenderorgans. Wissenschaftler der Universität Essen sehen in der Placeboforschung nun eine Möglichkeit, denselben Effekt mit weniger Wirkstoff zu erreichen.

Animation: Mensch trinkt aus Glas, Reizweiterleitung ans Gehirn
Geschmacksinformation wird mit einem Wirksignal verknüpft. Quelle: WDR

Und so soll es gehen: Zuerst suchen sie einen Stoff, der ungewöhnlich schmeckt und nicht in der Nahrung vorkommt. Wie beispielsweise Lavendel. Dann entwickeln sie ein stark nach Lavendel schmeckendes Getränk. Drei Tage bekommen gesunde Testpersonen diesen bitteren Drink, dazu zwei wirkstoffhaltige Tabletten: ein Medikament, das den Immunspiegel im Blut senkt. Nach einer Woche erhalten die Testpersonen den Lavendeldrink und dazu zwei wirkstofffreie Tabletten – also Placebos. Was die Probanden nicht wissen: Allein der Geschmack nach Lavendel erinnert an die erste Testphase. Das erstaunliche Ergebnis ist, dass auch jetzt der Immunspiegel messbar sinkt.

Placebo-Effekt lässt sich trainieren

Die Erklärung der Forscher ist plausibel: Die Geschmacksinformation "Lavendel" wird mit dem Signal des Medikaments in einem bestimmten Gehirnbereich verknüpft. Von dort erhält der Körper die Information, den Immunspiegel zu senken. Ist die Kombination "gelernt", reicht später alleine der Geschmack, ohne das Medikament, aus, um den gesamten Mechanismus zu aktivieren. Die Immunabwehr wird verringert. Das Gehirn ist "konditioniert".

Noch wird der Lerneffekt an Gesunden untersucht. Die Hoffnung der Forscher ist es, in Zukunft die Medikamentendosis etwa bei Transplantationspatienten zu reduzieren und so die Nebenwirkungen zu mildern.

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