Wie Computer unser Denken übernehmen

Fremdgesteuert

Wissen | Leschs Kosmos - Wie Computer unser Denken übernehmen

Fakten muss sich niemand mehr merken. Das übernehmen Computer. An die Stelle der Wirklichkeit tritt Virtual Reality. Die digitale Welt übernimmt das Regiment: eine Fremdsteuerung mit Folgen.

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.10.2017, 23:10
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Virtuelle Welten treten in Konkurrenz mit der echten Welt und künstliche Intelligenzen messen sich mit menschlichen Gehirnen: Roboter werden immer menschlicher, Fakten muss sich niemand mehr merken und an die Stelle der Wirklichkeit tritt Virtual Reality. Für Forscher steht es außer Frage: Die Machtübernahme durch die Rechner hat Einfluss auf unser Gehirn. Die digitale Welt übernimmt das Regiment: eine Fremdsteuerung mit Folgen.

Doch können wir in der Konkurrenz mit künstlicher Intelligenz bestehen? Verdummen wir oder ist das reine Panikmache? Für Harald Lesch ist es an der Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme.

Warum wir der virtuellen Welt verfallen

Blick in den Ames-Raum
Ein Täuschungsmanöver: Die Personen im Ames-Raum sind gleich groß. Quelle: BBC

Die virtuellen Welten sind so verlockend, dass sie zur ernsthaften Konkurrenz für die echte Welt werden. Einfach eine Brille aufsetzen, und schon kann man die Schönheit eines Korallenriffs zum Greifen nah erleben, oder den Kitzel der Höhenangst erfahren obwohl man eigentlich festen Boden unter den Füßen hat. Und niemand kann sich gegen die intensiven Eindrücke wehren.  Dass die Macht der Virtual Reality so verblüffend ist, liegt an der menschlichen Wahrnehmung.Das veranschaulicht eine berühmte Illusion: der Ames-Raum. Die Person auf der rechten Seite erscheint wesentlich größer als die auf der linken Seite. Tatsächlich sind aber beide gleich groß. Und was aussieht wie ein rechteckiger Raum, ist in Wirklichkeit ein völlig schiefer Raum, perspektivisch verzerrt. Das Gehirn ist so darauf geprägt, dass Räume immer rechte Winkel haben, dass es die Verzerrung „schönrechnet“. Dadurch wirken die Menschen unterschiedlich groß, selbst wenn wir es besser wissen. Das Beispiel zeigt also: Die Realität liegt immer im Auge des Betrachters. Wie wir die Welt sehen, ist davon abhängig, was unser Gehirn früher gelernt hat. Es entscheidet, was wir sehen, und versucht, aus allem, was wir sehen, Sinn zu konstruieren. Deshalb können wir uns auch dem Effekt der Virtual Reality Brillen nicht entziehen. Die Grenzen zwischen virtueller Welt und Realität können mit einfachsten Mitteln verschwimmen. Das menschliche Gehirn hat die besten Voraussetzungen dafür, sich täuschen zu lassen.

Macht uns das Internet dümmer?

Grafik: Gehirn mit Markierung des limbischen Systems
Unser Gehirn belohnt uns für neue Infos mit dem Glückshormon Dopamin.

Die neue digitale Welt bedeutet auch eine Revolution unseres Wissens. Noch nie war Wissen für alle jederzeit und so unmittelbar verfügbar. Es muss sich niemand mehr etwas merken. Ob die ständige Verfügbarkeit von Wissen zur digitalen Demenz führt, wie mancher Experte prognostiziert, ist unter Wissenschaftlern heiß umstritten. Noch vor etwa 100 Jahren hätte das im Gedächtnis gespeicherte Wissen einen höheren Stellenwert gehabt, so ein Argument. Große Denker wie Albert Einstein hätten noch viel mehr im Kopf behalten müssen und wären erst so zu Experten geworden. Auch Albert Einstein griff auf die Arbeiten anderer zurück, damals eben in gedruckter Form. Sein Genie lag darin, sie um neue Ideen zu bereichern – so wie es große Geister seit jeher tun. Im Internet findet sich auf jede Frage schnell eine Antwort. Allein beim Online-Lexikon Wikipedia werden jeden Tag Tausende Beiträge hinzugefügt. Die sofortige Verfügbarkeit verführt jedoch zur Nachlässigkeit: Immer wenn wir auf etwas Neues stoßen, wird das limbische System, unsere älteste Hirnregion, aktiv und das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Unser Gehirn „belohnt“ uns für neue Informationen. Geben wir diesem Impuls nach, drohen wir uns zu verzetteln und zu schnell zu viele Informationen zu konsumieren.
Welche Folgen das haben kann, zeigt ein Blick in die Luftfahrt. Die ersten Flugzeuge waren technisch noch recht überschaubar. Doch die Anzahl der Instrumente wurde immer höher, bis sie in den 1960er-Jahren ein Maximum erreichte. So musste bei frühen Modellen der Concorde ein zusätzlicher Flugingenieur die Informationsflut überwachen. Heute lässt sich die Belastung der Piloten durch Messungen der Gehirnströme und der Herzfrequenz ermitteln. Im Flugsimulator muss der Pilot gleichzeitig Stromleitungen ausweichen und auf eine Maschinenstörung reagieren. Die Untersuchungen zeigen: Je mehr Informationen in kurzer Zeit verarbeitet werden müssen, desto länger wird die Reaktionszeit, und desto häufiger unterlaufen selbst erfahrenen Piloten Fehler. Die Cockpits moderner Flugzeuge sind deshalb kompakter strukturiert. So fällt es den Piloten leichter, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf die „Daten-Dosis“ kommt es also an. Das gilt auch für unseren digitalen Alltag. Solange wir uns nicht ablenken lassen, können wir komplexe Inhalte durchdenken und langfristige Lösungen erarbeiten. Bleiben wir aufmerksam, brauchen wir uns also nicht vor der digitalen Demenz zu fürchten. Denn Wissen ist das, was wir aus den Informationen machen.

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