Ein Killerkeim schlägt zu

Das Rätsel um den EHEC-Erreger

EHEC wird im Frühjahr 2011 zum Synonym für eine unberechenbare Epidemie: Innerhalb weniger Tage erkranken Dutzende Menschen, für etliche gibt es keine Hilfe. Insgesamt infizieren sich 3.800 Menschen sich mit dem Erreger, 53 von ihnen sterben. Rigorose Schutzmaßnahmen verhindern Schlimmeres. Doch die Angst bleibt: Kann der EHEC-Erreger wieder zuschlagen?

Elektronenmikroskopische Aufnahme: EHEC-Erreger
Elektronenmikroskopische Aufnahme: EHEC-Erreger Quelle: ,ZDF

Woher genau der Killerkeim kam, bleibt ein Rätsel. Um das Risiko einer neuen Epidemie einzuschätzen, studieren die Wissenschaftler das Bakterium: Was macht es gefährlicher als die meisten verwandten Bakterienstämme?

Unangreifbar für Antibiotika

Der EHEC-Erreger hat sich ein ganzes Arsenal brisanter Faktoren zugelegt: zum einen die Fähigkeit, seine genetische Ausstattung besonders schnell "aufzurüsten", also zu verändern. Zum anderen die Produktion von Gift, das Shiga-Toxin, das durch den Darm aufgenommen wird und blutige Durchfälle bis hin zu Nierenversagen verursachen kann. Hinzu kommt, dass sich der EHEC-Erreger besonders fest an die Darmwand anheftet. Der Körper nimmt das Gift dadurch schneller und in höherer Konzentration auf - daher der ungewöhnlich schwere Krankheitsverlauf.

ein mit dem EHEC-Erreger erkrankter Patienet.
Ehec Erkrankter Text 1 Quelle: ,dpa

Bei vielen Infektionskrankheiten kann die Einnahme von Antibiotika eine schnelle Verbesserung des Gesundheitszustandes bewirken. Der EHEC-Erreger hat sich allerdings eine Resistenz gegen viele gängige Antibiotika auf raffinierte Weise angeeignet: Dockt das Bakterium an ein Bakterium von einem verwandten Bakterienstamm an, der eine bestimmte Resistenz in sich trägt, nimmt es Stücke des Erbguts auf - mitsamt des Resistenz-Gens. Auf diese Weise kann es mit der Zeit viele verschiedene Resistenzen sammeln und für Antibiotika unangreifbar werden. Die so erworbenen Eigenschaften gibt das Bakterium an seine Nachkommen weiter.

Woher kam der Erreger?

Ende Juli wurde die EHEC-Epidemie für überstanden erklärt. Doch wo verbirgt sich heute der Keim? Man weiß, dass der Keim schon früher vereinzelt in Europa zugeschlagen hat. Vor etwa zehn Jahren in Köln, wo ein Geschwisterpaar erkrankte. Dieser Keim hatte sich aber noch nicht so viele gefährliche Faktoren angeeignet. Doch wo steckte der Erreger in den vergangenen Jahren? Vermehren kann er sich wahrscheinlich nur im Menschen, vermuten Forscher. Sie gehen deshalb davon aus, dass Infizierte sein Reservoir sind. Sie übertragen den Keim sogar dann, wenn sie selbst nichts von einer Infektion spüren. Über Ausscheidungen könnte der Erreger in die Umwelt gelangen und von dort erneut in den Menschen.

Bockshornkleesprossen
Bockshornkleesprossen Text 1 Quelle: ,dpa

Aus welchem Versteck kam nun der Erreger in diesem Frühsommer? Mithilfe umfangreicher Befragungen verfolgen die Epidemiologen seine Spur zurück bis zu Bockshornkleesprossen. Diese sollen die Infektionsquelle gewesen sein. Sie untersuchen Tausende Proben, aber den Erreger können die Forscher nur in einer einzigen nachweisen: vielleicht, weil die verseuchten Sprossen bereits verzehrt waren, vielleicht aber auch, weil sich die Bakterien schwer auf Pflanzen nachweisen lassen. Die Indizien verweisen schließlich nach Ägypten - den Ursprung der Bockshornkleesamen.

Gefährliche Verwandtschaft

Forscher vermuten, dass der Erreger durch menschliche Fäkalien auf oder sogar in die Samen des Bockshornklees gelangt ist - beispielsweise durch verschmutzte Hände oder verunreinigtes Wasser. Proben werden vor Ort untersucht, doch vom Erreger keine Spur. Dennoch verhängt die EU ein Importverbot für Bockshornkleesamen aus Ägypten. Wo die EHEC-Bakterien tatsächlich auf die Samen gelangten, lässt sich nicht herausfinden. Hygienemängel gibt es vielerorts, und der Erreger ist zudem leicht übertragbar.

Sicher ist: Er schlummert weiterhin irgendwo in der Natur. Doch um uns wieder gefährlich zu werden, müsste er erneut durch Verunreinigung auf Lebensmittel gelangen, die roh verzehrt werden. Ein seltener Zufall. Forscher kennen jedoch 42 Verwandte, die in Zukunft ein ähnliches Gefährdungspotenzial entwickeln könnten. Als Infektionsquelle kommen kontaminiertes rohes oder nicht ausreichend durchgegartes Fleisch, Rohmilch und Rohmilchprodukte, wie Rohmilchkäse oder verunreinigte Rohkost infrage.

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