Erbe der Evolution

Zivilisationsseuche Nummer eins ist Übergewicht

Vor vielen tausend Jahren dienten Fettreserven als Überlebensgarantie für schlechtere Zeiten. Doch in unserer Wohlstandsgesellschaft ist kaum zu erwarten, dass solche Reserven tatsächlich einmal gebraucht werden. Zu viele Pfunde sind ein Zeugnis schlechter und übermäßiger Ernährung und mangelnder Bewegung. Wissenschaftler glauben jedoch, der Grund für unvernünftiges Essverhalten liegt in unserer Evolutionsgeschichte.

Dicke Frau in Bikini Quelle: ZDF

Im Gegensatz zu unseren Vorfahren müssen wir nur sehr geringen Aufwand treiben, um an Nahrung zu gelangen. Der Fortschritt hat für eine noch nie dagewesene Vielfalt des Angebots gesorgt, für gute Ernährung und hohe Lebensqualität. Aber auch für eine Unmenge an verlockendem Junkfood. Dessen Verführungen hat der Mensch oft wenig entgegenzusetzen.

Die Lust auf Süßes

Bereits Kinder wissen, was gesund ist und was nicht. Ein Experiment bei einem Kindergeburtstag jedoch offenbart die wohl angeborene Unvernunft. Obwohl im kulinarischen Angebot sowohl süße Kalorienbomben wie auch Obst und Salate geboten sind, greifen die Kinder zu den verlockenden ungesunden Lebensmitteln. Und auch als Erwachsene lassen wir uns noch gerne verführen, wählen das Süße und Fettige. Die Lust darauf scheint übermächtig. Der Fortschritt hat uns ein überwältigendes Angebot beschert. Er macht es uns leicht, unserer Lust zu frönen. Und wir träumen vom Genuss ohne Reue. Und davon, dass die Folgen schon nicht so schlimm sein werden, dass wir irgendwann, später, vernünftiger handeln.

Und wie reagiert der Körper auf die Zufuhr von übermäßigem Fett und Zucker? Durch den Darm gelangen die Nährstoffe ins Blut. Das, was der Stoffwechsel nicht sofort verbraucht, gelangt in den Speicher, in die Fettzellen. Und das dient als Vorsorge für magere Zeiten. Denn die Lust auf Nahrhaftes, auf Fettes und Süßes, war einmal elementar fürs Überleben. Schon vor Millionen Jahren sicherte diese Vorliebe unseren Ahnen in Afrika einen unschätzbaren Vorteil im Kampf ums Überleben.

Wege zum Zucker

Vieles hat sich seither verändert. Doch das alte Erbe steckt noch immer in uns. Der Erfindungsreichtum, wie der Natur energiereiche Nahrung zu entreißen ist, scheint unerschöpflich. Jede Kultur hat Techniken entwickelt, um in Mangelzeiten zu überleben. Dabei spielt Zucker eine wichtige Rolle. Die Aboriginies in Australien graben zielsicher nach Ameisen, die eine Art Honig produzieren. In Afrika folgen Menschen einem Vogel, dem Honigzeiger. Er weist den Weg zu Bienennestern.

Honigameisen, Essen Quelle: ZDF

In Nepal begeben sich Nomaden auf der Suche nach Honig sogar in Lebensgefahr. Sie erklimmen selbst hundert Meter hohe, steile Klippen mit einfachen Bambusleitern. Die Lust auf Kalorienreiches lässt zudem vergessen, dass das Gift der wehrhaften Bienen schmerzhafte Spuren hinterlässt. Offenbar kann nichts die Honigsammler von ihrem Ziel abhalten.

Nachteile des Fortschritts

Wir dagegen haben solche Strapazen nicht mehr nötig. Süßes und Fettes sind mühelos und zu jeder Zeit zu haben. Eine schöne Bescherung, denn wir haben dadurch ein Problem: Ein Überangebot an Kalorienbomben, dem wir oft nicht widerstehen können. Sicherte ein fettiger Braten unseren Ahnen einst das Überleben auch in mageren Zeiten, ist für uns der Griff nach nahrhaften Produkten ein Relikt aus alten Zeiten, aber mit neuen Konsequenzen. Übergewicht und seine zahlreichen Folgekrankheiten ist so schleichend zur Zivilisationsseuche Nummer eins geworden. Und das, obwohl inzwischen jeder weiß, wie gesunde Ernährung aussieht. Am Ende bleibt oft die sprichwörtliche Erkenntnis: "Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach".

Obwohl sich seit Jahrzehnten Ernährungswissenschaftler um Aufklärung bemühen, will es offenbar nicht gelingen, mit bewusster Ernährung unserem evolutionären Erbe zu begegnen. Der Zugang zu den Verführern ist bequem, und selbst auf die Schnelle lässt sich eine leckere Mahlzeit zaubern. Der Fortschritt in der Lebensmitteltechnologie macht's möglich.

Genuss ohne Reue

Salat Gemüse, Essen Quelle: ZDF


Nun versprechen neue Entwicklungen einen Weg aus dem Dilemma. Das, wonach einen gelüstet, gibt es jetzt mit wenig oder gar keinem Fett. Supermarktregale quellen über vor kalorienreduzierten Produkten. Genuss ohne Reue heißt die Zauberformel. Aber ist es auch eine? Ein Blick auf das Geschehen in unserem Innern ist aufschlussreich: Eine zentrale Schaltstelle im Gehirn registriert, wie es mit unserem Appetit steht. Besondere Botenstoffe übermitteln, dass wir noch hungrig sind. Es ist eine Botschaft, die von den Fettzellen kommt. Die Stoffe werden von dort so lange ausgesandt, bis die Zellen ausreichend gefüllt sind. Fettreduzierte Produkte veranlassen daher kein Stoppsignal, der Appetit bleibt.

Das Erbe, welches unseren Vorfahren das Überleben sicherte, lässt sich nicht so leicht austricksen. Vielleicht träumt mancher davon, der Fortschritt könnte uns irgendwann über Nacht zu einem Waschbrettbauch verhelfen. Doch bis heute hilft nur hartes Bewegungstraining oder weniger Nahrungszufuhr.

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