Fallstricke der Erinnerung

Wie verlässlich sind Zeugenaussagen?

Machen Augenzeugen ein perfektes Verbrechen unmöglich? Nicht unbedingt, denn Zeugenaussagen sind bei Weitem nicht so verlässlich, wie viele denken. Erfahrene und geschulte Fahnder können dennoch erstaunlich viel herausfinden. Zur Erforschung der Aussagekraft lassen sich Wissenschaftler so einiges einfallen.

Zehn Freiwillige wurden für ein aufwändiges Experiment ausgesucht. Sie hatten sich für eine Fernsehdokumentation zum Thema Gedächtnis gemeldet. Sie ahnen nicht, was tatsächlich auf sie zukommt.

An was erinnern wir uns?

Bei der ersten Aufgabe sollen sich die Teilnehmer ein Bild einprägen. Nach einer Minute schildern sie, an was es sie erinnert. Manche beschreiben ein Rad, andere einen Ventilator. Zwei Monate später sollen die Probanden das Bild aus ihrem Gedächtnis malen. Werden sie sich an das Originalbild erinnern oder eher an den Gegenstand, an den es sie erinnert hat?

Das Ergebnis verblüfft: Ein Bild gleicht eher einem Rad als dem Original. Auch eine andere Teilnehmerin hat sich weniger an das Original erinnert als an ihre Assoziation. Tatsächlich behalten wir etwas besser, das sich mit schon Bekanntem verknüpfen lässt, das "Sinn macht". Und noch einen Fallstrick hatten die Forscher ausgelegt: Die Probanden hatten sechs Farben für ihre Zeichnung zur Auswahl. Auch Pink, obwohl sie im Originalbild gar nicht vorkommt. Ausnahmslos folgten die Teilnehmer der falschen Fährte. Wenn Pink schon vorgegeben wird, muss es auch eine Rolle spielen, so die verbreitete Vermutung. Durch den Versuch wird offensichtlich, wie leicht sich Erinnerungen beeinflussen lassen.

Tatort Restaurant


Doch das entscheidende Experiment steht den Versuchspersonen noch bevor. Sie werden Zeugen eines Verbrechens. Tatort ist ein Lokal, in das die Gruppe zum Mittagessen geht. Die Probanden nehmen Platz an den reservierten Tischen, alle anderen Personen sind Schauspieler. Der Raum ist gespickt mit versteckten Kameras.

Das Experiment beginnt: Eine Frau wartet am Tisch. Als ihr Freund kommt, bestellt er an der Bar. Dort kommen zwei Arbeiter dazu, einer lässt die Tasche fallen und sorgt für Unmut. Der Freund scheint genervt. Als er zur Toilette geht, nähert sich einer der beiden Arbeiter der Frau. Als ihr Freund zurück ist, kommt es zum Handgemenge. Die Probanden beobachten die Szene. Plötzlich wälzt sich der Freund der jungen Frau am Boden, ein Kellner versucht zu helfen, seine Kollegin ruft den Notarzt. Doch die Sanitäter kommen zu spät. Sie werden nur noch den Tod des Opfers feststellen.

Phantasievolle Wahrnehmung


Noch wissen die Probanden nicht, dass die Szene gespielt war. Sie werden als Zeugen befragt, wie bei einem echten Fall. Eine der Befragten behauptete: "Als er das Messer benutzte, ging er mit der Person zu Boden. Kurz danach rief er, 'Ich habe ihn erstochen', und rannte weg." Scheint plausibel, aber ist es auch wahr? Die Frage, ob sie ein Messer gesehen hätte, verneinte sie. Es gab auch gar keines. Die Zeugin hat das Gesehene schlicht logisch ergänzt. Woher sollte auch sonst die Verletzung stammen?

Und wie steht es um die Erinnerung an den Täter? Sechs Wochen nach dem gespielten Mord sollen die Zeugen die beteiligten Personen anhand von Fotos identifizieren: den Täter, seinen Arbeitskollegen und das Opfer. Die übrigen Portraits sind den Probanden völlig unbekannt. Erinnern sie sich an die Beteiligten und an deren Rolle? Sieben der zehn Zeugen erkannten den rüden Arbeiter wieder, doch den meisten war unklar, welche Rolle er spielte.

Neue Vernehmungsmethoden

Überraschend an den Aussagen war, dass niemand den Mörder identifizierte. Nur einer erinnerte sich daran, dass dieser Mann überhaupt im Lokal war. Erschreckenderweise identifizierten zwei Zeugen einen Unbeteiligten als Mörder, und zwar einen Mann, der gar nicht im Lokal war und den sie nie zuvor gesehen hatten. Falsche Personenidentifikationen haben schon viele Unschuldige hinter Gitter gebracht.

Um das Risiko eines Fehlurteils einzudämmen, entwickelten Experten besondere Vernehmungsmethoden. So muss jeder Zeuge den Hergang zuerst detailliert erzählen, möglichst ohne Unterbrechungen, Zwischenfragen oder Vorinformationen. Eine zweite Person beobachtet und dokumentiert die Befragung aus der Distanz, um einen weiteren unbeeinflussten Eindruck zu gewinnen. Zusätzlich wird das Gespräch mit einer Videokamera aufgezeichnet. Schließlich darf keine Information, auch nicht der leiseste Anhaltspunkt verloren gehen, will man auf Zeugenaussagen setzen.

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