Gehirn und Gott

Ist Glaube messbar?

Jahr für Jahr pilgern Millionen Gläubige in der Hoffnung auf Heilung nach Lourdes, und alle vereint der Glaube an die Kraft eines Wunders. In der Grotte Massabielle soll dem Bauernmädchen Bernadette Soubirous 1858 mehrere Male die Jungfrau Maria erschienen sein. Eine Vision, ein Phantasiegebilde, eine Wahrnehmungstäuschung? Forscher sind dem Phänomen auf der Spur. Sie wollen herausfinden, was bei einer solchen Erscheinung genau passiert und wie Glaube überhaupt entsteht.

Eine Marienstatue. Quelle: ZDF

Visionen oder Erscheinungen sind eine besonders intensive Form von spirituellen Erfahrungen. Glaube ist in den unterschiedlichsten Kulturen offensichtlich als Universalprinzip verbreitet. Hat er eine stoffliche Grundlage? Forscher suchen nun im Gehirn nach messbaren Spuren von Glaube und Religiosität. Versuche legen dabei nahe, dass bestimmte Areale im Gehirn während religiösen Erfahrungen aktiver sind als andere.

Was passiert bei einer Vision?

Unterscheidet sich das Gehirn eines Gläubigen von dem eines Nichtgläubigen, und wie arbeitet unser Gehirn, während wir glauben? In einem Versuch beobachten Hirnforscher im Kernspin Nonnen während des Gebets. Ziel ist es herauszufinden, welche Vorgänge im Gehirn während tiefer geistiger Versenkung ablaufen, und ob Beten spezifische Spuren hinterlässt, Religiosität sozusagen einen "Platz im Gehirn" hat.

Grafik Gehirn Text 3

Das Ergebnis: Die Aktivität des Gehirns beim Gebet ist je nach Region unterschiedlich. Fast passiv ist dabei das Zentrum, mit dem wir uns selbst im Raum orientieren und wahrnehmen. Es erstaunt, dass diese Region während des Gebets viel weniger durchblutet wird als etwa bei ruhenden Probanden, die nicht beten. Einige Forscher sehen in dieser abgeschalteten Orientierung einen Grund für die im Gebet oft empfundene Nähe zu Gott.

Die Kunst der Meditation

Interessant für die Wissenschaft sind auch buddhistische Mönche. Denn im Buddhismus steht schon seit 2000 Jahren die Meditation im Mittelpunkt. Viele erfahrene Mönche trainieren ihr Gehirn im Laufe ihres Lebens oft mehr als 10.000 Stunden. Sie schildern ihre Empfindungen dabei als "eins mit der Umgebung", die Grenzen zur Außenwelt scheinen aufgelöst. Das macht Forscher hellhörig. Als Neurophysiologen einem Mönch während der Meditation die Hirnströme messen, sind sie überrascht: Die Hirnsströme schwingen in einer bestimmten Frequenz erstaunlich gleichförmig.

Die Forscher ziehen folgende Schlussfolgerung daraus: Reize, die uns über unsere Sinnesorgane erreichen, leiten Nervenzellen zu entsprechenden Hirnzentren weiter, dort entsteht die Wahrnehmung unserer Umgebung. Während des Meditierens verändert sich das Muster. Die abgeleiteten Erregungen zeigen nun annähernd synchron verlaufenden Wellen. Ein Zustand, der die Wahrnehmungsfähigkeit vermutlich komplett verändert. Das liefert die Erklärung für die Hirnforscher, was die Mönche während des Meditierens erleben: Die Grenze zwischen Innen und Außen löst sich auf. Es entsteht das Gefühl, im völligen Einklang mit der Umgebung zu sein.

Eine Sache des Glaubens

Manche Forscher sehen in diesen Ergebnissen auch einen Anhaltspunkt zur Erklärung religiöser Erscheinungen. Als möglichen Auslöser haben sie spezifische Erregungsmuster im Gehirn im Verdacht. Einige gehen sogar soweit, dass sie meinen, solche Visionen gezielt auslösen zu können. Ein umgebauter Motoradhelm ist das entscheidende Werkzeug für ihr Experiment: Er erzeugt ein schwaches Magnetfeld, und soll so gezielt einen kleinen Bereich des Gehirns stimulieren. Die Versuchspersonen sollen unmittelbar schildern, welche inneren Bilder entstehen. Manche berichten tatsächlich von religiösen Erscheinungen, andere sehen mysteriöse Leuchterscheinungen am Himmel, Ufos oder gar außerirdische Besucher. Immer sind die Bilder bestimmt vom individuellen kulturellen Hintergrund. So berichten etwa nur diejenigen, die eine starke religiöse Bindung haben, auch von entsprechenden Erscheinungen.

Der Nutzen solcher Experimente scheint fraglich. Sicher ist: Individuelle Erfahrungen prägen unsere Wahrnehmung - selbst in Phasen der tiefsten Versenkung. Die Frage, ob der Glaube einen festen Platz im Gehirn hat, oder gar ob Gott existiert, lässt sich so sicher nicht beantworten. Und das, was vor hundertfünfzig Jahren Bernadette in der Nähe von Lourdes widerfuhr, bleibt ein Rätsel für die Wissenschaft und für die Gläubigen ein Wunder.

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