Gender-Medizin

Der große kleine Unterschied

Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, das ist Menschenrecht. Aber vor den Gesetzen der Natur ist das nicht so. Ob Herzschwäche, Nierenfunktion oder die Rolle der Hormone - Geschlechter reagieren verschieden. Der berühmte "kleine Unterschied" zwischen Mann und Frau ist vor allem medizinisch gesehen gar nicht so klein. Das hat Konsequenzen für Diagnose und Therapie.

Frau bei Computertomographie
Die Geschlechterforschung zeigt: Frauen leiden anders. Quelle: ,dpa

Der weibliche Körper funktioniert nach eigenen Regeln. Auf Medikamente reagieren Frauen oft völlig anders als Männer. Und selbst Krankheiten können bei ihnen andere Symptome zeigen - mit lebensgefährlichen Folgen. Die medizinische Forschung hat das lange ignoriert. Inzwischen aber haben Forscher Erkenntnisse gewonnen, die nicht ohne Konsequenzen für die medizinische Therapie bleiben können.

Die Ohnmacht der Astronautinnen

Astronautencrew mit Astronautin
Astronautinnen gaben Rätsel auf Quelle: NASA

Einen Meilenstein für die medizinische Forschung lieferte die Raumfahrt. 1983 startet die Astronautin Sally Ride als erste amerikanische Frau ins Weltall. Wie ihre männlichen Kollegen meistert auch sie das Leben in der Schwerelosigkeit. Erst die Rückkehr auf die Erde wird für sie zum Problem. In der Wiedereingewöhnungsphase fällt die Astronautin mehrfach in Ohnmacht. Auch manche ihrer Kollegen haben nach der Reise mit der Wiederanpassung an die Schwerkraft zu kämpfen: Denn das Blut sackt mit der Erdanziehung vermehrt in die Beine. Das Herz muss nun gegen die Schwerkraft ankämpfen, um ausreichend Blut ins Gehirn zu pumpen. Reicht die Blutzufuhr nicht aus, schaltet das Gehirn als Erstes alle Areale aus, die nicht dem Überleben dienen.

Die NASA schickt im Laufe der Jahre immer häufiger Frauen ins Weltall. Und alle Astronautinnen werden in der Wiedereingewöhnungsphase ohnmächtig. Bei den männlichen Astronauten ist es dagegen nur jeder fünfte. Als Ursache stehen die Hormone im Verdacht. So viel ist Wissenschaftlern bekannt: Östrogene weiten die Blutgefäße. Um die Versorgung des Gehirns sicherzustellen, muss das Frauenherz viel stärker pumpen als das Männerherz. Die Astronautinnen sind daher anfälliger für eine Ohnmacht.

Unterschiedliche Symptome

Die Beobachtungen an den Astronautinnen machen klar: Es gibt folgenschwere Unterschiede im Herz-Kreislauf-System der Geschlechter. So zeigen neue Studien, dass vor allem junge Frauen deutlich häufiger an Herzinfarkt sterben als junge Männer. Der Grund dafür ist, dass oft weder die betroffenen Frauen noch die Ärzte die Symptome schnell genug erkennen. Neben den typischen Brustschmerzen verspüren Frauen vielfach eine ganze Reihe anderer Symptome. Einigen wird einfach nur übel oder schwindelig.

Das Risiko für junge Frauen, einen Herzinfarkt zu verschleppen, ist daher sehr viel höher als bei gleich alten Männern. Warum sich ein Herzinfarkt bei Männern und Frauen unterschiedlich ankündigt, ist noch nicht ganz geklärt. Denn im Prinzip ist der Ablauf bei beiden Geschlechtern gleich. Bei einem Infarkt sterben Teile des Herzmuskels ab. Über das Nervensystem gelangt die Botschaft an das Gehirn: Die Brust schmerzt. In den meisten Fällen übermittelt der sogenannte Sympathikus das Signal. Er alarmiert den Körper. Doch bei zehn Prozent der Frauen übernimmt sein Gegenspieler die Übermittlung: der Vagus-Nerv. Er wirkt beruhigend. Statt Panik verspürt die Frau unspezifische Übelkeit.

Gefährliche Folgeschäden

Auch manche Herz-Kreislauf-Medikamente haben auf den weiblichen Organismus eine andere Wirkung als auf den männlichen. Der Wirkstoff Digitalis, aus Fingerhut gewonnen, galt lange als Erfolg versprechend für die Behandlung von Herzkrankheiten. Wissenschaftliche Studien belegen: Digitalis hilft einem Großteil der Patienten, indem er die Schlagkraft des Herzmuskels fördert. Entscheidend dabei ist die Wirkstoffkonzentration im Blut: sie darf nicht zu hoch und nicht zu niedrig sein. Über die Niere wird der Stoff dann wieder ausgeschieden.

Doch die weibliche Niere arbeitet langsamer als die männliche. Bei derselben Dosierung steigt bei Frauen die Wirkstoffkonzentration im Blut deshalb gefährlich an. Der Herzschlag gerät aus dem Takt. Die Folgeschäden für die Frauen sind lebensbedrohlich. Ein Phänomen, das lange unentdeckt blieb. Erst eine Vergleichsstudie zwischen Männer und Frauen enthüllte diesen fatalen Unterschied. Inzwischen fordern viele Wissenschaftler ein Umdenken: Frauen sind - medizinisch betrachtet - anders. Doch bisher gibt es nur einen Lehrstuhl in Deutschland, der sich gezielt den Geschlechterunterschieden widmet.

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