Auf Droge: Die Sucht in uns

Deutschland ist „high“

Wissen | Leschs Kosmos - Auf Droge: Die Sucht in uns

Für jeden Zweck und jede Sehnsucht gibt es die passende legale oder illegale Droge. Harald Lesch geht der Frage nach, woher die Macht der Drogen kommt.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.07.2017, 23:50
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Noch nie wurde so viel geschluckt, geschnupft und geraucht in Deutschland wie heute. Für jeden Zweck und jede Sehnsucht gibt es das passende legale oder illegale Mittel. Aber in Wirkung und Auswirkung auf unseren Körper gibt es entscheidende Unterschiede. Manche Drogen, wie etwa Crystal Meth, machen schon nach dem ersten Versuch abhängig. Andere Drogen, wie Alkohol, erobern sich schleichend die Macht der Sucht.

Doch wie entsteht Sucht und weshalb sind manche Menschen anscheinend mehr gefährdet als andere? Und welche Rolle spielen Belohnungsmechanismen im Gehirn? Harald Lesch trägt zusammen, was die Wissenschaft von den Wirkungen – und den Nachwirkungen weiß und geht der Frage nach, woher die Macht der Drogen kommt.

Alkohol versus Cannabis 

In Deutschland liegt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol bei 9,5 Litern. Das entspricht einem Konsum von etwa 570 Gläsern Bier. Durch regelmäßiges Trinken kann schleichend eine Abhängigkeit entstehen, die zur Sucht wird. Erst psychisch, dann physisch. Wer regelmäßig Bier, Wein und Schnaps trinkt, erhöht nicht nur sein Risiko an Krebs oder Leberzirrhose zu erkranken, auch rund 200 weitere Leiden werden von Alkohol mit verursacht.

Cannabis ist die meistkonsumierte illegale Droge in Deutschland. Die getrockneten Blütentrauben der weiblichen Cannabis-Pflanze, umgangssprachlich Marihuana oder Gras genannt, werden zerbröselt und mit Tabak zu einem Joint gedreht. Hanf, lateinisch Cannabis,fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz. Besitz, Handel und Anbau sind verboten. Geschätzte zwei Millionen Deutsche konsumieren regelmäßig Cannabis. Bei etwa 20 Prozent der Konsumenten ist das Risiko erhöht, auf härtere Drogen umzusteigen. Wissenschaftler haben festgestellt, dass häufiger Konsum Psychosen auslöst, außerdem kann Cannabis eine Veranlagung zu Depressionen gefährlich verstärken.

Die heilende Wirkung von Cannabis

Grafik: Immunzellen zerstören Krebszellen
Cannabis-Inhaltstoff CBD attakiert eine Krebszelle.

Forscher haben rund 100 Substanzen in Hanf ausgemacht, die bisher in keiner anderen Pflanze entdeckt wurden und therapeutische Wirkungen haben könnten. Die sogenannten Cannabinoide. Die beiden vielversprechendsten sind: Tetrahydrocannabinol, THC, der Stoff, der high macht. Und Cannabidiol, CBD, ein Stoff, der entspannt. Jeder Mensch produziert körpereigene Cannabinoide, die ihre natürliche Wirkung entfalten. Wird dem Körper nun das Cannabinoid CBD zugeführt, schütten die Nervenzellen Substanzen aus, die im Körper zur Heilung und Schmerzlinderung führen können. Und genau das macht die Pflanze für die Medizin interessant.

Im Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Uniklinik Rostock experimentiert man mit Cannabis. Die Wissenschaftler untersuchen die Wirkung von CBD auf Krebszellen. Die Tumorzellen tarnen sich im Körper, sodass das Immunsystem sie nicht als Bedrohung erkennt. Die Forscher stellen eine hochkonzentrierte Stammlösung mit CBD her. Diese geben sie auf menschliche Tumorzellen. Nach 48 Stunden fügen sie Killerzellen aus dem körpereigenen Immunsystem hinzu. Dann passiert etwas ganz Erstaunliches: Durch den Cannabis-Inhaltsstoff CBD bildet sich auf den Tumorzellen ein bestimmtes Protein. Dieses sorgt nun dafür, dass die Killerzellen auf die Tumorzellen aufmerksam werden. Einmal identifiziert und als feindlich erkannt, können die Immunzellen die Krebszellen nun zerstören. Auf diese Weise soll CBD auch die Bildung von Metastasen hemmen. Die Rostocker Wissenschaftler sind nicht die Einzigen, die sich für die therapeutische Wirkung des verbotenen Rauschmittels interessieren. Doch bis zu einer Zulassung als Medikament ist es noch ein weiter Weg.

Verschiedene Suchttypen

Nicht in jedem steckt das Risiko, zum Alkoholiker zu werden. Doch wovon hängt es ab, ob jemand beispielsweise Trinker wird oder nicht. Während der eine kein Ende findet, trinkt der andere immer nur gelegentlich. Ein bestimmtes Suchtgen hat man bisher nicht gefunden, aber eine genetische Veranlagung scheint etwa 50 Prozent auszumachen, Erziehung und Umfeld decken den Rest ab.

Wissenschaftler fanden heraus, dass das Gen CRHR1 das Trinkverhalten beeinflusst. Menschen mit dieser Genveränderung betrinken sich im Schnitt doppelt so häufig wie andere. Das CRHR1-Gen liefert die Bauanleitung für ein Protein, das für die Verarbeitung von Stress eine Rolle spielt und wichtig ist, um Gefühle zu steuern. Auch die Fähigkeit, im Körper Alkohol abzubauen, wird vererbt. Besonders anschaulich wird dies beim Blick auf Asiaten, die meist wesentlich weniger Alkohol vertragen als Europäer: Ihnen fehlt ein Enzym in der Leber, das Acetaldehyddehydrogenase ALDH.

Wege aus der Sucht

1,3 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig. Etwa 75.000 sterben jährlich an den gesundheitlichen Folgen ihres Alkoholkonsums. Doch der Weg aus der Sucht gleicht einem Marathon. Der erste entscheidende Schritt ist, sich die Sucht einzugestehen. Der Wille, die Krankheit zu besiegen. Setzt ein Trinker den Alkohol ab, kommt es innerhalb von 24 Stunden zu Entzugserscheinungen. Kappt man den Nachschub von einem Moment auf den anderen, senden verschiedene Rezeptoren im Gehirn unentwegt Alarmsignale aus. Zittern, Schwitzen und Krämpfe sind die Folgen.

Seit einigerZeit gibt es Medikamente, die dort ansetzen, wo die Sucht entsteht – im Nervensystem. Das Medikament soll das Verlangen zu trinken nach und nach reduzieren, indem es den Belohnungseffekt von Alkohol mindert. Die Rezeptoren werden blockiert, somit stellt sich der angenehme Effekt von Alkohol nicht ein. Manche Alkoholiker verlieren den Spaß am Trinken. Doch die meisten Ärzte sehen nur die völlige Abstinenz als einzigen Weg aus der Sucht. Denn längerer Missbrauch von Alkohol und auch anderen Drogen lässt ein Suchtgedächtnis entstehen. Und das gilt als unauslöschlich. Erinnerungen und alte Routinen bergen selbst noch Jahre nach dem letzten Konsum das Risiko eines Rückfalls. Die Mechanismen der Entstehung von Sucht sind noch lange nicht  gänzlich verstanden. Ausweglos ist die Situation aber nicht. Sport kann beispielsweise eine große Hilfe sein. Denn bei sportlicher Betätigung schüttet der Körper ebenfalls das Glückshormon Dopamin aus.  Viel Bewegung kann als therapeutische Maßnahme viel bewegen. Sie vermittelt praktisch einen Rausch ganz ohne Drogen.

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