Wolf im Schafspelz?

Das Böse in uns

Wissen | Leschs Kosmos - Wolf im Schafspelz?

Welche hervorstechenden Eigenschaften haben sowohl Psychopaten als auch Führungskräfte? Harald Lesch mit einer interessanten Beobachtung.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.03.2020, 00:00

Unsere Gefühle haben sich im Laufe der Evolution entwickelt und in unserem genetischen Erbe verankert. Gerade Hass, Neid und Eifersucht sind in  gebändigter Form sogar wichtig als Ansporn für den Wettbewerb in unserer Gesellschaft und damit für unsere Erfolgsgeschichte. Doch wehe, man lässt diesen negativen Gefühlen freien Lauf – ungebremste Aggressionen, Mord und Totschlag können die Folge sein.

Aber wie wird jemand zum Mörder, Vergewaltiger, Schläger? Was spielt hier die entscheidende Rolle? Gehirn, Gene, Umwelt? Harald Lesch erkundet, wie schmal die Gratwanderung ist, zum Täter zu werden und ob sich das Böse im Menschen auch an Äußerlichkeiten ablesen lässt.

Das Gesicht des Bösen

Wie gerne würden wir das wahre ICH unseres Gegenübers anhand von Äußerlichkeiten erkennen können. Bereits in der Antike beschäftige Gelehrte, woran ein schlechter Charakter zu erkennen sei. Aristoteles suchte in der Physiognomie von Menschen nach Ähnlichkeiten mit Tieren. Er schlussfolgerte, dass die äußeren Ähnlichkeiten auch Ähnlichkeiten im Charakter offenbarten. So verrieten etwa kleine Ohren - wie die des diebischen Affen ­­- auch einen Menschen als potenziellen Dieb.Über Jahrhunderte hinweg entwickelte sich die Vorstellung vom geborenen Verbrecher weiter. Immanuel Kant war überzeugt, dass der Mensch von Natur aus einen Hang zum Bösen hat. Durch die Auffassung vom „angeborenen Bösen“ entstand eine Vielzahl von pseudowissenschaftlichen Theorien und Methoden, um das Schlechte zu identifizieren. Einige Forscher waren überzeugt, der Schädel sei in Regionen unterteilt, die die Eigenschaften des Menschen widerspiegelten. Fähigkeiten und Charakterzüge –  gute wie schlechte - seien in verschiedenen Gehirnregionen angesiedelt, die man sogar äußerlich ertasten könne. Somit lag der Versuch nahe, „schlechte Eigenschaften“ durch gezielte Eingriffe zu eliminieren …

Historische Zeichnung: Kopfvermessung
Früher glaubte man, das Böse in Gesichtern erkennen zu können.

Der Turiner Arzt Cesare Lembroso versuchte Ende des 19. Jahrhunderts als Erster, das kriminelle Verhalten „wissenschaftlich“ zu erfassen. Er untersuchte verurteilte Mörder und Diebe, katalogisierte sie und erfasste systematisch deren körperliche Merkmale: bestimmte Zehenabstände, extreme Faltenbildung im Gesicht oder Henkelohren. Er sezierte und vermaß Gehirne von Mördern, auf der Suche nach dem Kern des Bösen. Ein Irrweg mit fatalen Folgen. Denn die Lehre Lembrosos missbrauchte wenige Jahrzehnte später der NS Staat für seine Zwecke: als Rechtfertigung von Verfolgung und Vernichtung. Auch wenn wir in Gesichtern lesen und so manches darin erkennen mögen: Vieles bleibt verborgen. Das Gute wie das Böse können wir darin nicht „dingfest“ machen.

Warum Kinder zu Amokläufern werden

Andy Williams wächst unbeschwert und behütet als fröhlicher Junge auf. Alles scheint normal, bis das Unglaubliche geschieht: Der erst 15-Jährige eröffnet am 5. März 2001 an seiner Schule in San Diego das Feuer. Eiskalt tötet er zwei Mitschüler und verletzt 13 weitere. Was hatte aus dem netten Jungen „von nebenan“ einen kaltblütigen Mörder gemacht?

Erfahrungen prägen uns - das gesamte Leben lang. Doch in speziellen Phasen – wie in der frühen Kindheit - sind wir für äußere Einflüsse besonders sensibel. Das Gehirn eines Kleinkindes wird stetig umgebaut. Einflüsse von außen, Erfahrungen und Beziehungen, sind jetzt besonders prägend. Das Gehirn reift, indem neue Nervenverbindungen geknüpft werden. Doch auch im Jugendalter ist das Gehirn besonders einschneidenden Veränderungen unterworfen. Neustrukturierungen erfolgen dann vorwiegend in Teilen des Stirnhirns. Ein Bereich, der nicht nur unsere Persönlichkeit prägt, sondern Gefühlsreaktionen kontrolliert.

Andy Williams
Andy Williams: Ein netter Junge, der zum Mörder wurde.

Negative Einflüsse und sozialer Stress, wie etwa Misshandlungen, fehlende soziale Bindungen oder Gewalt über einen längeren Zeitraum, können in diesem entscheidenden Entwicklungsabschnitt “echte Spuren“ im Gehirn hinterlassen. Traumatisierte Jugendliche leiden nicht nur psychisch, ihre Gehirne weisen messbare Veränderungen auf: Im Stirnhirn ist die Aktivität vergleichsweise gering. Starke Gefühlsreaktionen können sie somit schwer zügeln. Die negativen Einflüsse lassen Verbindungen im Gehirn einfach verkümmern, wichtige Kontrollfunktionen fallen aus. Liegt hier die Erklärung für die ungeheure Tat des jungen Amokläufers? Auch bei ihm gab es tiefgreifende Belastungen in entscheidenden Entwicklungsphasen. Mit vier Jahren trennten sich seine Eltern. Mit seinem Vater zog er nach Kalifornien. Und hier begann für ihn als Heranwachsenden ein Teufelskreis. In seiner Schule fand er keinen Anschluss. Selbst seine angeblichen Freunde schikanierten ihn erbarmungslos. Er begann zu trinken, zu kiffen, Tabletten zu schlucken. Er wurde weiter gemobbt, so erzählt er später.

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