Die Heilkraft der Wunder

Von unmöglichen Heilungen und rätselhaften Genesungen

Wissen | Leschs Kosmos - Die Heilkraft der Wunder

Heute haben viele Wunder an Wert verloren, weil wir wissen, oder zu wissen glauben. Dabei könnte das Unerklärliche für unser Innerstes sehr hilfreich sein. Harald Lesch folgt erstaunlichen Spuren.

Beitragslänge:
30 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.03.2017, 15:55
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Im Körper passieren manchmal Dinge, die niemand sofort erklären kann. Menschen genesen auf wundersame Weise, obwohl die Schulmedizin sie längst aufgegeben hat. Allein die Hoffnung auf Heilung scheint zu helfen. Früher wurde eine unerklärliche Genesung oft als Werk Gottes gesehen. Doch je mehr die Wissenschaft voranschritt, umso mehr „Wunder“ wurden entzaubert. Werden auch die Rätsel von heute eines Tages wissenschaftlich zu ergründen sein?

Forscher studieren das Verhalten von Tieren, die auf wundersame Weise von Krankheiten zu genesen scheinen. Und sie stellen fest: Die Natur hält Tricks bereit, von denen selbst sie noch lernen können. Ob rituelle Handlungen oder bloßer Glaube: Zuversicht kann unsere „innere Apotheke“ in Gang setzen. Harald Lesch geht der spannenden Frage nach, wo und wie diese Selbstheilungskräfte in uns wirken.

Der heilende Glaube

Anfang der 1960er Jahre erkannten Ärzte bei dem Südtiroler Vittorio Micheli einen Tumor im Hüftbereich. Die Chancen auf Heilung waren gleich Null. Nach einer Pilgerreise nach Lourdes, in den französischen Pyrenäen, verbesserte sich der Gesundheitszustand von Vittorio Micheli rapide. Die Presse feierte seine Genesung als Wunder. Schon bald konnte er zum ersten Mal seit Monaten wieder auf eigenen Beinen stehen. Doch was macht Lourdes so besonders?

Behinderte und Kranke pilgern zur Grotte von Massabielle in Lourdes
In der Hoffnung auf Heilung pilgern viele Kranke nach Lourdes.

Seit mehr als 150 Jahren strömen Menschen dorthin. Derzeit bis zu sechs Millionen jährlich. Etwa 7.000 Heilungen hat man in Lourdes inzwischen verzeichnet. Alles Wunderheilungen? Um das zu prüfen, hat die katholische Kirche eigens ein Büro für medizinische Bestandsaufnahmen eingerichtet, in dem ein internationales Komitee die Fälle untersucht. Erst dann erkennt, nach weiteren Prüfungen, die katholische Kirche ein Wunder als solches an. Die wichtigste Bedingung ist, dass die Heilung außergewöhnlich und unvorhersehbar war und in direktem Zusammenhang mit Lourdes steht, sowie dass die Genesung dauerhaft ist. Wie im Fall von Vittorio Micheli. Als er 1963 nach Lourdes kam, hatten ihn seine Ärzte aufgegeben. Eine Röntgenaufnahme aus der Zeit vor seinem Lourdes-Besuch zeigt deutlich ein Sarkom, einen bösartigen Tumor, der den Hüftknochen zerstörte. Auf einer Aufnahme nur einige Monate nach Vittorio Michelis Pilgerreise ist klar zu erkennen,  dass sich der Tumor zurückgebildet hat. Der Knochen hatte sich sogar regeneriert. Vittorio Micheli  war genesen. Bis heute kam der Tumor nicht zurück. Vittorio Michelis Heilung ist das 63. von der katholischen Kirche anerkannte Wunder. Von insgesamt 69, die in Lourdes passiert sind.

Das Wunder von L’Aquila

Am 6. April 2009 erschüttert ein schweres Erdbeben die Stadt L’Aquila, inmitten der italienischen Abruzzen. Fast die gesamte Bevölkerung muss evakuiert werden, Tausende Verletzte benötigen Hilfe. Und mittendrin ein Krankenhaus, das an diesem Tag Geschichte schreibt. Unter den Patienten sind auch an Parkinson Erkrankte. Ihnen fehlt der für die Steuerung von Bewegungen wichtige Botenstoff Dopamin. Bei gesunden Menschen wird Dopamin in der sogenannten Schwarzen Substanz, der Substantia nigra, produziert. Der Botenstoff vermittelt zwischen Nervenzellen, vor allem in Regionen, die für die Motorik wichtig sind – den Basalganglien. Bei Parkinson-Patienten sterben die Zellen der Substantia nigra unwiderruflich ab. Dopamin kann somit nicht mehr produziert werden und die wichtige Vermittlung zu den Basalganglien wird gestört. Die Folge sind motorische Störungen bis zur Steifheit. Doch im Moment des Erdbebens erwächst in den Parkinson-Patienten eine scheinbar wundersame Kraft. Sie springen auf und rennen ins Freie und entkommen der Katastrophe.

Es scheint wie ein Wunder, doch Forscher suchen nach einer Erklärung: Eine außergewöhnliche Bedrohung, wie beispielsweise ein Erdbeben, ruft im gesunden Körper eine Art Notprogramm hervor: Es werden in kürzester Zeit Botenstoffe wie Adrenalin und auch Dopamin ausgeschüttet, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen und Reserven mobilisieren. Das Erdbeben, die plötzlich spürbare Gefahr, könnte auch bei den Erkrankten etwas mobilisiert haben. Beim „Wunder von L’Aquila“ war jedoch kein Dopamin mit im Spiel. In Extremsituationen scheint das Gehirn jedoch einen Ausweg zu kennen: Über die starken eintreffenden Reize werden alte „verschüttete“ Nervenbahnen zu den Basalganglien reaktiviert. Dies ermöglicht, zumindest für kurze Zeit, die reibungslose Steuerung in den Bewegungszentren. Es handelt sich um ein äußerst seltenes Phänomen, eine sogenannte Paradoxe Kinesie. Die lebensbedrohliche Situation hat die Parkinson-Patienten über sich hinaus wachsen lassen. So halfen sie sogar noch Pflegern und Angehörigen ins Freie.

Einbildung oder echte Heilung?

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fehlen dem Militärarzt Henry Beecher Schmerz- und Betäubungsmittel. In seiner Not lässt Beecher als Ersatz Kochsalzlösung verabreichen. Die Wirkung ist erstaunlich: Die Soldaten spüren einen ähnlichen Effekt wie bei der Gabe von Morphin. Kann Kochsalzlösung tatsächlich eine ähnliche Wirkung wie Morphium entfalten? Es ist der Beginn der Placebo-Forschung. Heute können Wissenschaftler, vor allem bei Schmerzpatienten, nachweisen, dass Scheinmedikamente mehr bewirken, als Beecher damals schon ahnte. Allein der  Glaube und die Hoffnung, durch einen Arzt oder ein Medikament geheilt zu werden, allein die Erwartung, Hilfe zu bekommen, beantwortet der Körper. Gehirnbereiche, in denen Schmerzempfindung verarbeitet wird, schütten tatsächlich sogenannte Endorphine aus. Genau wie Morphium binden sie an entsprechende

Rezeptoren und verhindern somit die Schmerzweiterleitung.Auch bei den Verwundeten half somit die Hoffnung, dass die Infusion die Schmerzen lindern würde. Der Glaube daran setzte, selbst bei einer Infusion mit Kochsalzlösung, körpereigene Wirkstoffe frei, die den Schmerz tatsächlich minderten.

Ein weiteres Beispiel welche wundersame Kräfte unser Körper mobilisieren kann, zeigt der Fall von Beck Weathers. Bei einer Tour auf den Mount Everest blickte er dem Tod ins Auge. Seinen Überlebenskampf erklären sich Mediziner so: Anfangs konzentriert Weathers all seine Aufmerksamkeit darauf, wie er sich aus der Gefahr bringen kann. Sein Fokus auf seinen Überlebenskampf aktiviert sein Frontalhirn. Doch dann schwinden Weathers Energien, und er kann seinen Stoffwechsel nicht mehr aufrechterhalten. Er ist dem Tod näher als dem Leben. Allmählich schalten seine Gehirnfunktionen ab. Doch dann, die Wende. Weathers beginnt, an seine Familie zu denken. Er stellt sich Bilder vor, die ihn motivieren. Die starken emotionalen Vorstellungen bringen ihm Energien zurück und aktivieren Zentren, die für Entscheidungen und den Willen, zu überleben, zuständig sind. Er fängt an, sich wieder zu konzentrieren. Sein Wille, zu überleben, wird immer stärker, er mobilisiert die letzten Reserven. Schließlich hat er die Kraft, die entscheidenden Schritte zu tun und sich ins nächste Camp zu retten.

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