Helden der Forschung

Die Erfolgsgeschichte der Labormaus

Kaum ein Versuchslabor kommt ohne Labormäuse aus. Sie werden sogar speziell gezüchtet für ein Leben im Dienste der Wissenschaft. Eine Frage stellt sich aber immer häufiger: Sind Mäuse überhaupt gute Modelle für den Menschen? Und welche Alternativen gibt es?

Die wissenschaftliche Karriere der Labormaus begann im Zweiten Weltkrieg. Mindestens so gefährlich wie der Feind an der Front waren damals die Wundbrand-Erreger in den Lazaretten. Die Forscher hatten schon von Penicillin gehört, einem Pilzextrakt, der Bakterien tötet. Ob Penicillin aber gegen Wundbrand hilft, wussten sie nicht. Stellvertretend für den Menschen testeten sie den Extrakt an Mäusen, die sie zuvor mit dem Erreger infiziert hatten. Das Ergebnis überzeugte: Alle Mäuse, die Penicillin erhalten hatten, überlebten.

Die Zufallsentdeckung

Das neue Medikament ging sofort in Massenproduktion. Und es begann der Siegeszug der Labormaus. Forscher züchteten fortan Mäuse in allen möglichen Variationen. Durch Zufall tauchten dabei auch Tiere auf, die sich von den anderen unterschieden: Mutanten, die durch kleinere Defekte in ihrem Genom besondere Eigenschaften aufwiesen. Wie die Maus, von der die Forscher zunächst dachten, sie sei schwanger. Dabei litt sie nur unter einer Genmutation, der Übergewicht ausgelöst hatte. Ein Mittel für die Maus war schnell gefunden, beim Menschen wirkte es allerdings nicht.

An dem Maus-Modell konnten die Forscher viel lernen, mussten aber feststellen, dass die Ursachen des vergleichbaren menschlichen Leidens viel komplexer sind. Was als Zufallsentdeckung begann, wurde zu einem verlockenden Instrument: Mit gezielten Genveränderungen lassen sich Labortiere als Modelle für Erkrankungen beim Menschen erschaffen. Heute gibt es genmanipulierte Mäuse nach Wunsch, passend gezüchtet für die jeweilige Forschungsfrage.

Sind Mäuse ein gutes Modell?

Doch können die kleinen Mäuse überhaupt ein gutes Modell für rund 70 Kilo schwere Menschen sein? Die Übertragbarkeit von Ergebnissen aus Tierversuchen hat ihre Grenzen. Ein dramatisches Beispiel dafür ist das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan. Tests mit Mäusen und Ratten hatten die Wissenschaftler euphorisch gestimmt: Ein Mittel quasi ohne Nebenwirkungen schien gefunden. Scheinbar so ungefährlich, dass Ärzte es sogar Schwangeren empfahlen - ein folgenschwerer Irrtum.

Ein anderes Beispiel ist das Schmerzmittel Acetylsalicylsäure, das Ende des 19. Jahrhunderts von Felix Hoffmann entwickelt wurde. Damals waren noch keine Tierversuche vorgeschrieben. Seit der Erfindung des Medikaments haben Patienten mehr als eine Billiarde Tabletten davon geschluckt. Hätte man aber damals schon die Wirkung an Mäusen erprobt, wäre das Medikament wohl nie zugelassen worden. Denn der Wirkstoff ist für Menschen gut verträglich, für die Maus jedoch hochtoxisch. Die Mäuseleber verarbeitet viele Stoffe ganz anders als die menschliche Leber.

Alternativen gesucht

Forscher suchen deshalb nach alternativen Testmethoden. Vielversprechend sind etwa Leber-Modelle, gezüchtet aus menschlichen Leberzellen. Da die Leber das Entgiftungsorgan des Körpers ist, reagiert sie empfindlich auf schädliche Substanzen. Im Medikamententest sind solche Alternativmethoden oft aussagekräftiger als Tierversuche. Der Nachteil: Es lässt sich nur die Wirkung auf einzelne Organe studieren und nicht das komplexe Zusammenspiel im gesamten Körper.

Auf Labortiere wird die Forschung daher nicht völlig verzichten können. Derzeit werden allein in Deutschland jedes Jahr rund 2,4 Millionen Mäuse und Ratten in den Labors "verbraucht", so die offizielle Bezeichnung. Für die notwendigen Versuche sind Mäuse geeignet, die möglichst gut untereinander vergleichbar sind. Eine Maus soll sein wie die andere. Dabei sind auch Mäuse Individualisten.

Mehr Wohlbefinden ist gefragt

Mäuse sind intelligente Tiere, die in kleinen Laborkäfigen oft unterfordert sind und Verhaltensstörungen aufweisen. Einige Wissenschaftler fordern deshalb, die Laborkäfige artgerechter zu gestalten. Eine verhaltenskranke Maus, so ihre Überzeugung, könne kein gutes Modell für den Menschen sein. Es muss nicht gleich ein kunterbunter Luxuskäfig sein, um das Wohlergehen der Maus zu steigern. Schon ein paar Objekte zum Spielen und Verstecken, sowie ein bisschen Material zum Nestbau, können viel bewirken.

Doch der Widerstand innerhalb der Wissenschaft ist enorm. Zu groß ist die Angst, dass solch zufriedene Mäuse vermehrt individuelle Merkmale ausbilden und die Statistik letztlich erschweren könnten. Arme Maus! Für den Konflikt zwischen den Zielen der Forscher, und dem Wohlbefinden der Mäuse ist bisher keine Lösung in Sicht.

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