Hormonell wirkende Stoffe

Winzige Mengen mit gewaltigem Einfluss

Die Fruchtbarkeit der Männer in Industrienationen nimmt seit Mitte des letzten Jahrhunderts kontinuierlich ab. Forscher beobachten auch eine Zunahme von Hodenkrebs sowie von Missbildungen der Genitalien bei Babys. Forschungen in der Tierwelt geben Hinweise auf chemische Substanzen, die wie Hormone wirken. Plastik enthält solche hormonell wirksamen Substanzen: Könnte es hier einen Zusammenhang geben?

Schon seit den 1980er-Jahren verdichten sich die Hinweise, dass Fruchtbarkeitsstörungen im Zusammenhang mit bestimmten Chemikalien stehen. Rund 100.000 synthetische Substanzen werden inzwischen weltweit vermarktet. Jährlich kommen Hunderte neue hinzu. Von vielen weiß man kaum, welche Wirkungen sie in der Umwelt entfalten. Mittlerweile sind aber schon Tausende Substanzen bekannt, die im Verdacht stehen, sich auf die Fruchtbarkeit auszuwirken. Es sind Stoffe, die wir einatmen, essen oder über die Haut aufnehmen. Und ein Ende der Chemikalienflut ist nicht in Sicht.

Keine Chance für die Fortpflanzung

Wissenschaftler in Florida stoßen schon Ende der 1980er-Jahre auf ein rätselhaftes Phänomen: An den Apopka-Seen beobachten sie schrumpfende Tierpopulationen. Untersuchungen zeigen Veränderungen an den Geschlechtsorganen bei einigen Vogel- und Fischarten. Insbesondere Hechtalligatoren sind betroffen: Die Weibchen tragen nicht befruchtete Eier, und die Männchen haben deutlich kleinere, meist auch verkrüppelte Geschlechtsteile. Die Folge: Die Population ist vom Aussterben bedroht.

Die Forscher sehen einen Zusammenhang mit einem Chemieunfall im Jahr 1980. Dabei war ein chlorhaltiges Insektizid ins Wasser gelangt. Innerhalb der folgenden vier Jahre ging der Bestand des Hechtalligators drastisch zurück. Und das ist es kein Einzelfall. Auch in anderen Erdteilen lassen sich bei Tieren Störungen in der Geschlechtsentwicklung oder Sexualverhalten in Verbindung mit spezifischen chemischen Substanzen bringen. In der Arktis kommen zum Beispiel Eisbären inzwischen immer häufiger als Zwitter zur Welt. Als Ursache vermutet man auch hier chlorhaltige Substanzen, so genannte PCBs, Polychlorierte Biphenyle.

Hormonähnliche Wirkung


Es stellt sich die Frage, wie gefährlich solche Stoffe dem Menschen werden können. Forscher vermuten, dass eine Vielzahl von Industriechemikalien in das Hormonsystem eingreift. Hormone sind von zentraler Bedeutung für die Steuerung von verschiedenen Körperfunktionen, auch für die Entwicklung der Geschlechtsorgane. Sie binden im Cytoplasma an spezifische Rezeptoren und entfalten so ihre biologische Wirkung. Besetzen zum Beispiel bestimmte Chemikalien diese Rezeptoren, so kann die Wirkung des Hormons gehemmt oder sogar komplett unterdrückt werden. Eine Blockade des Androgenrezeptors könnte die biologische Wirkung des natürlichen männlichen Geschlechtshormons Testosteron unterdrücken.

Noch riskanter ist jedoch eine Täuschung des Hormonsystems: Synthetische Chemikalien können die Rezeptoren, zum Beispiel für das weibliche Geschlechtshormon Östrogen, besetzen und als dieses auch erkannt werden. Die Chemikalie wirkt als Sexualhormon auf den Körper und kann zur Verweiblichung führen. Die größte Gefahr besteht jedoch in der Wirkung synthetischer Chemikalien auf die frühkindliche Entwicklung. Dabei können schon geringste Konzentrationen Spuren hinterlassen - zum Beispiel auch zu Störungen bei der Entwicklung von Geschlechtsorganen führen.

Liegt das Risiko im Kunststoff?

Trotz des Wissens um die Risiken werden Stoffe mit hormonähnlichen Wirkungen weiter produziert und eingesetzt. So ist etwa die bunte Vielfalt der Kunststoffe ohne eine Fülle chemischer Zusätze nicht denkbar. Die synthetischen Beimischungen verleihen Kunststoffen unterschiedliche Eigenschaften: Sie machen sie weich oder hart - ganz nach Wunsch. Die chemische Verbindung Bisphenol A spielt für die Herstellung harter Kunststoffe eine große Rolle. Auch sie steht seit Langem in Verdacht, die Fruchtbarkeit zu gefährden. Bisphenol A ist die weltweit am häufigsten eingesetzte Industriechemikalie: Jährlich werden über drei Millionen Tonnen davon hergestellt.

Besonders brisant ist ihr Einsatz dort, wo die Substanz mit Lebensmitteln in Kontakt kommt. Aus gealtertem, porösem und verkratztem Kunststoff tritt die Chemikalie leicht aus. Auch beim Erhitzen steigt das Risiko, dass Bisphenol A in die Nahrungskette gelangt.Inzwischen wissen die Forscher, dass die Chemikalie sogar doppelt riskant wirkt: Bisphenol A blockiert nicht nur die Rezeptoren von Testosteron, es verstärkt vor allem die Wirkung weiblicher Sexualhormone. Denn es passt, wie der natürliche Botenstoff, auf den entsprechenden Rezeptor.

Bedenkliche Effekte

Bisher gilt europaweit ein Grenzwert, der uns schützen soll. Der TDI-Wert, "tolerable daily intake", der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Er bezeichnet diejenige tolerierbare Menge eines Wirkstoffs, die für einen Menschen bei lebenslanger täglicher Aufnahme als gesundheitlich unbedenklich gilt. Der TDI-Wert der EFSA ist 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. In zahlreichen Tierversuchen zeigen sich aber schon bei niedrigeren Konzentrationen bedenkliche Effekte, wie eine verringerte Spermienzahl oder ein gestörtes Sexualverhalten.

Noch kann niemand sagen, welche Konzentrationen hormonähnlicher Substanzen tatsächlich unbedenklich sind. Und gerade Kunststoffe haben unsere Welt erobert. Doch beim derzeitigen Stand des Wissens tut man gut daran, die Kleinsten, deren Geschlechtsorgane sich noch entwickeln, vor den unsichtbaren Gefahren durch hormonell wirkende Stoffe zu schützen.

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