Im Rhythmus der Natur

Von notwendiger Anpassung bis gezwungener Manipulation

In der Natur gibt es immerwährende Rhythmen, die alle Lebewesen einer bestimmten Dynamik unterwerfen und das Leben bestimmen. Dazu gehören die Tag-Nacht-Perioden, die Gezeiten der Weltmeere, die Mondphasen und der regelmäßige Wechsel der Jahreszeiten. Pflanzen und Tiere haben innere Zeitgeber entwickelt, um sich diesem Rhythmus anzupassen, eine innere Uhr, die auf Veränderungen der Umwelt reagiert.

Zwei Zikaden auf Ast.
Zwei Zikaden auf Ast. Quelle: ZDF

Die Lebewesen haben sich im Laufe der Evolution an diese Zeitmuster angepasst. Hamster und Eichhörnchen beginnen gegen Ende des Sommers Vorräte anzulegen, um damit den Winter gut zu überstehen. Für andere Tiere wie den Igel ist es hingegen wichtig, sich in den Sommermonaten ein dickes Fettpolster anzufressen. Gelingt dies dem Winterschläfer nicht rechtzeitig, kann er lange und kalte Winter nicht überleben. Die innere Uhr der Tiere muss genau gehen, das ist für sie lebensnotwendig.

Das verflixte 17. Jahr

Zikadenlarven
Larven Zikaden Text 3 Quelle: ZDF


Neben diesen bekannten Zeitmustern findet man in der Natur aber auch sehr seltsam anmutende Rhythmen. Der bizarre Lebenszyklus einer Zikadenart in den USA zum Beispiel gibt den Wissenschaftlern noch immer Rätsel auf: Im Jahr 1952 herrschte eine schreckliche Zikadenplage im Nordosten der USA. Doch ihre Invasion dauerte nur wenige Wochen in denen sich die Zikaden paarten, Eier ablegten und dann starben. Aus den Eiern schlüpften schließlich Larven, die sich im Boden vergruben. Danach waren die Tiere spurlos vom Erdboden verschwunden, zumindest für die nächsten 17 Jahre.

Zikade neben Larvenhülle.
Zikade frisch geschlüpft Text 3 Quelle: ZDF


Denn 1969 waren sie plötzlich wieder da. Die Larven der Zikaden krochen zu Millionen und Abermillionen aus dem Boden hervor. In den Jahren 1986 und 2003 das Gleiche. Alle 17 Jahre treten die Tiere also nur in Erscheinung. Aber warum in diesem Intervall? 17 ist eine Primzahl, das heißt, nur Tiere, die in einem Einjahreszyklus leben, oder eben auch in einem 17-jährigen Zyklus, kommen für die Zikaden als Fressfeinde infrage. Auf Fressfeinde mit anderen Zyklen treffen die Zikaden nur in großen Abständen. So begegnen Tiere, die etwa einen 2-jährigen Zyklus haben, erst nach 34 Jahren mit den Zykaden zusammen. Und durch das massenhafte Auftreten der Zikaden sind diese Räuber dann schnell übersättigt. Es überleben so noch genügend Zikaden zum Erhalt der nächsten Generation. Welcher Zeitgeber allerdings den 17-Jahreszyklus taktet, ist noch nicht bekannt.

Perfektes Zusammenspiel

Auch Pflanzen unterliegen einer rhythmischen Strukturierung. Der Wechsel von Nacht und Tag hat großen Einfluss auf sie. Blütenkelche schließen sich am Abend, doch nicht alle öffnen sich mit der ersten Morgensonne. Denn entscheidend für sie sind auch bestimmte Tiere, ihre Bestäuber. Es gibt beispielsweise Käfer, die lange brauchen, bis sie die Sonne soweit erwärmt hat, dass sie fliegen und schließlich ihre Bestimmungsblüte erreichen können. Diese Blüte öffnet sich entsprechend auch erst mittags: ein Zusammenspiel von Käfer und Blume, deren innere Uhren sich perfekt aufeinander abgestimmt entwickelt hat.

Heute greift jedoch der Mensch immer häufiger in die Zyklen der Pflanzen ein. Er schafft eine künstliche Welt, in der Obst und Gemüse entkoppelt von allen natürlichen Rhythmen das ganze Jahr über wachsen und gedeihen. Kunstlicht und gleichbleibende Temperaturen in Gewächshäusern machen die Pflanzen unabhängig von den Jahreszeiten und gaukeln ihnen ewigen Sommer vor. Eine vom Menschen geschaffene Kunstwelt, die immer weiter von der Natur Besitz ergreift.

Was Vögel aus dem Takt bringt

Ein Beispiel dafür ist die Wüstenstadt Las Vegas. In dem Spielerparadies mit grellen Neonreklamen, riesigen Hotelkomplexen und Kasinos pulsiert Tag und Nacht das Leben. Es ist immer hell, es gibt keine natürlichen Zyklen in dieser Stadt, jeder kann sich vergnügen, wann immer er will. Rund um die Uhr wird gespielt oder gegessen. Ohne zeitliches Limit. Doch das hat auch Folgen für die hier beheimateten Tiere. Ihre inneren Zeitgeber kommen aus dem Takt. So singen zum Beispiel Vögel mitten in der Nacht.

Amerika aus dem All bei Nacht.
Amerika nachts Lichtverschmutzung Text 3 Quelle: ZDF

Auch in Großstädten in unseren Breitengraden hat permanentes Licht einen entscheidenden Einfluss auf die Natur. Manche Bäume geraten durch die künstlichen Lichtquellen aus ihrem Rhythmus, tragen länger ihr Laub und fallen deshalb häufig dem Frost zum Opfer.

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