Interview mit Dr. Rolf Mack

Mit Solidarität und Gerechtigkeit für den Umweltschutz

Dr. Rolf Mack ist seit 27 Jahren bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) beschäftigt. Er ist zum Beispiel mit der Strategieentwicklung von entwicklungsorientiertem Naturschutz oder der Prüfung und Evaluierung von Vorhaben im Bereich Biodiversität betraut. Der promovierte Agrarbiologe ist zudem bei der Umsetzung eines völkerrechtlichen Abkommens über biologische Vielfalt tätig.

Dr. Rolf Mack
Dr. Rolf Mack Quelle: ZDF


ZDF: Wo sehen Sie die größten Probleme und Herausforderungen beim Erhalt der Artenvielfalt?


Rolf Mack: Der Verlust an biologischer Vielfalt ist ein schleichendes Phänomen und wird deshalb wenig beachtet. Die extreme Abhängigkeit aller Menschen vom breiten Angebot an Ökosystemleistungen ist vor allem unserer naturfernen Gesellschaft oft nicht mehr bewusst. Die Folge ist, dass Landumwandlung, Versiegelung, ständig steigender Ressourcenverbrauch und die ansteigende Weltbevölkerung zum Artenverlust beitragen.


ZDF: Warum ist es für uns wichtig, die biologische Vielfalt zu schützen? Wie sähe die Zukunft aus, würden wir dies nicht tun?



Mack: Die Welt, die wir an unsere Kinder weitergeben, wäre farbloser, weniger interessant und empfindlicher. Dies wäre noch zu ertragen, aber wir verlören damit auch die umfangreichen Ökosystemleistungen und die Fähigkeit, uns an Veränderungen, zum Beispiel an den Klimawandel, anzupassen. Nicht zuletzt könnten wir unsere wichtigste Wissensbibliothek, die Schöpfung, nicht mehr nutzen, um Innovationen zu entwickeln. Das würde dazu führen, dass Lebensräume verloren gehen und Menschen gezwungen sind, in andere Länder auszuwandern. Konflikte und Krisen sind die Folge.


ZDF: Auf der Erde ist die Biodiversität nicht gleichmäßig verteilt. Vielmehr befindet sich die größte Vielfalt in Entwicklungsländern. Die Menschen müssen von den dortigen Ressourcen leben. Wir, die Industriestaaten, sind es aber, die das größte Interesse haben, die Vielfalt dort für unsere Zwecke zu erhalten. Welche Verantwortung entspringt daraus? Wie können wir sie wahrnehmen?



Mack: Etwa 80 Prozent der Artenvielfalt unserer Erde befindet sich in Entwicklungs-, Schwellen- und Transformationsländern. Da es für die Zukunft der Menschheit essenziell ist, diese Vielfalt zu erhalten und zu nutzen, stehen wir nun vor einer neuen Tatsache: Unsere Zukunftsinvestitionen liegen in den Händen der ärmsten Menschen der Welt. Viele Entwicklungsländer haben überproportional große Flächen unter Schutz gestellt, um sie im nationalen als auch globalen Interesse zu erhalten. Daraus entsteht eine klare Verantwortung für die Industrieländer. Wir sollten in unserem eigenen Interesse die Entwicklungsländer dabei unterstützen. Dieses Thema des gerechten Ausgleichs von Vorteilen zwischen uns und den Entwicklungsländern wird in der Konvention zur biologischen Vielfalt (CBD) ausgiebig behandelt. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist also getan.


ZDF: Welche Projekte gibt es, um Naturschutz in Entwicklungsländern zu fördern? Worauf muss bei diesen Projekten besonders geachtet werden?



Mack: Nehmen wir als Beispiel das Bioreservat Pendjari im Norden Benins in Westafrika. Die Ausgangslage wurde früher von der dortigen Bevölkerung wie folgt beschrieben: "Wir sahen Touristen und Jäger kommen und gehen, doch wir selbst hatten weder Geld noch Fleisch. Kamen wir in die Nähe des Parks, wurden wir vertrieben." Diese Situation hat sich inzwischen grundlegend geändert. Die Menschen werden in Managemententscheidungen einbezogen, und es wurden über 100 feste Arbeitsplätze geschaffen. Der Gewinn aus touristischer Nutzung wird zu 30 Prozent an die Anrainergemeinden zur Verbesserung ihrer sozialen Infrastruktur übergeben.


Besonders wichtig ist es auch, den Bedarf der Bevölkerung an natürlichen Ressourcen ernst zu nehmen. Es war ein langer, gemeinsamer Weg, aber heute ist das Gebiet von der Bevölkerung akzeptiert. Und es besteht Hoffnung, dass dieses System, eines des wichtigsten im westafrikanischen Raum, langfristig erhalten werden kann. Die Prinzipien, die dahinter liegen sind auf der ganzen Welt gültig. Wir können nicht gegen die Interessen der Menschen in den betreffenden Ländern schützen. Sie müssen ernsthaft mit eingebunden werden und Vorteile aus dem Projekt ziehen. Dabei müssen wir vor allem beachten, dass wir es in Entwicklungsländern häufig mit Menschen zu tun haben, die mit weniger als einem Euro pro Tag leben müssen und deren täglicher Kampf ums Überleben ihre Möglichkeiten doch sehr stark einschränkt.


ZDF: Wie kommt der Artenschutz den Menschen in Entwicklungsländern zugute?



Mack: Wir müssen hier unterscheiden zwischen kurzfristigen Effekten und langfristigen Effekten. Der größte langfristige Vorteil liegt für die Menschen sicher darin, dass ihre Ökosysteme und somit ihr Lebensraum erhalten bleiben. Bei den kurzfristigen Effekten spielt in jedem Fall der Tourismus in seiner ganzen Breite eine zentrale Rolle. Ein ganz anderer Ansatz besteht darin, den genetischen Ressourcen, die die Vielfalt mit sich bringt, einen Wert zuzumessen.


Dieser wird dann über faire, zuvor ausgehandelte Beziehungen zwischen den Bereitstellern und den Nutzern gehandelt. Hier haben wir allerdings noch einen langen Weg vor uns. Außerdem gibt es erste Projekte, die zum Ziel haben, die Entwicklungsländer für ihre ökologischen Dienstleistungen zu entlohnen. Zum Beispiel dafür, dass sie tropische Regenwälder erhalten und so dem Klimawandel entgegenwirken.


ZDF: Wie kann jeder einzelne von uns etwas für den Artenschutz tun? Müssen wir umdenken?



Mack: Es gibt eine Fülle von engagierten Nichtregierungsorganisationen aber auch Entwicklungsorgansiationen, die sich erfolgreich diesem Thema widmen. Dies ist ein sehr wichtiger Weg. Er muss aber durch einen sehr viel stärkeren, uns alle betreffenden Ansatz ergänzt werden. Wir müssen unseren Ressourcenverbrauch deutlich verringern. Dies bedeutet keinen Rückfall in die Steinzeit, sondern kann durch eine Kombination von vernüftigem Verhalten und Spitzentechnologie erreicht werden.


Besonders wichtig ist es aber, dass es uns gelingt, den Wert der Ökosysteme und der Arten im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern. Wir können diese Verantwortung nicht auf die Entwicklungsländer abwälzen. Vor allem nicht wenn man bedenkt, dass wir fünf bis zehn Mal mehr Ressourcen benötigen als die Menschen dort. Auch hier stellen sich ganz banale Fragen der Solidarität und Gerechtigkeit. Viele Fragen sind noch offen, aber es gibt auch viele Beispiele die Mut machen. Wir dürfen auf keinen Fall in Grundhaltungen wie "nach mir die Sintflut" oder " das geht mich nichts an, dass ist weit weg" verharren.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet