Interview mit Pavan Sukhdev

Wie kann man Wirtschaftlichkeit mit Naturschutz in Einklang bringen?

Der Ökonom Pavan Sukhdev ist Leiter der Abteilung "globale Märkte" der Deutschen Bank Indien und einer der Spezialisten für ökonomischen Artenschutz. Sukhdev leitet das Projekt zur wirtschaftlichen Bedeutung von Ökosystemen und Biodiversität (TEEB). Es hat zum Ziel den wirtschaftlichen Wert und die Dienstleistungen der Natur zu bewerten und daraus neue Lösungsansätze für den Naturschutz zu erschließen.

Pavan-Sukhdev
Pavan-Sukhdev


ZDF: Jeden Tag verschwinden laut Schätzungen zwischen drei und 130 Arten von unserer Erde. Was geht uns dadurch verloren?



Pavan Sukhdev: Natürlich gibt es viele ethische und ästethische Verluste. Daneben geht jedoch auch noch etwas anderes verloren. Etwas, das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird: der ökonomische Wert der Natur. Vor kurzem schätzte der internationale Währungsfond die Verluste der Finanzkrise auf insgesamt etwa vier Billionen US-Dollar. Die wirtschaftlichen Wertverluste, die sich allein aus den weggefallenen ländlichen Naturschutzgebieten der Erde ergeben, werden von Wirtschaftswissenschaftlern schon auf rund fünf Billionen US-Dollar jährlich geschätzt. Diese Zahl ist sogar eher eine niedrige Abschätzung, da viele Werte uns noch unbekannt sind. Der potenzielle Verlust der ökologischen Dienstleistungen ist also wirtschaftlich sehr relevant.


ZDF: Worin liegt ihrer Meinung nach der größte Schatz der Artenvielfalt?


Sukhdev: Ökosysteme, die über eine große genetische Artenvielfalt verfügen, können Umweltbelastungen wie Klimawandel und Verschmutzungen eher abfangen und sich Belastungen anpassen. Ähnlich wie bei unserem Immunsystem, wo ebenfalls eine Vielfalt an Genvarianten notwendig ist, um Krankheitserreger effektiv zu bekämpfen. Wir können noch unendlich viel von der Natur lernen: Erkenntnisse, die auch wirtschaftlich wichtig sein können. Die Lotusblume beispielsweise verfügt über eine selbstreinigende, extrem abweisende Blattoberfläche. Nach diesem Vorbild konnten Wissenschaftler Oberflächenbeschichtungen herstellen, die heute vielfältig eingesetzt werden - von einer selbstreinigenden Fassadenfarbe bis hin zum Marmeladenlöffel.

Aber die biologische Vielfalt ist nicht nur für den Welthandel von höchster Wichtigkeit. Die Leistungen der Natur sichern auch direkt die Existenz vieler Menschen. Allein in Indien sind 480 Millionen betroffen. Nach aktuellen Berechnungen finanzieren viele Inder mehr als die Hälfte der Mittel, mit denen sie überleben aus Naturgütern und Dienstleistungen, die bisher keinen wirtschafltichen Preis besitzen.


ZDF: Im Mai letzten Jahres wurde Ihre Studie zum Wert der Artenvielfalt veröffentlicht. Wie kann ein solches "Preisschild der Natur" helfen die Artenvielfalt zu erhalten?



Sukhdev: Wenn man sich die Zahlen ansieht, die ich vorhin genannt habe, ist es kaum zu glauben, dass der Schutz der Natur kein "Big Business" ist. Aber warum ist das so? Die Antwort ist einfach. Die Leistungen der Natur sind öffentliche Güter und keine privaten. Sie werden von der Natur kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Güter werden nicht mit Marktpreisen berechnet und daher mit "null" bewertet. Daher werden die Erzeugnisse der natürlichen "Fabriken" viel zu wenig wertgeschätzt.

Ein erster Schritt, um diese Situation zu verbessern, liegt darin, die wahren Werte und Preise der Natur zu bestimmen. Das ist das Ziel unserer Studie. Es gibt allerdings noch mehr zu tun. Wir müssen herausfinden, welche Elemente der biologischen Vielfalt sich auf private Ansprüche übertragen lassen - entweder durch Belohnung für den Erhalt der Biodiversität oder durch Steuern und Gebühren für deren Nutzung. Auf diese Weise hoffen wir, neue ökonomische Argumente für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt und unserer Ökosysteme zu schaffen.


ZDF: Gibt es konkrete Projekte, bei denen dieses Modell bereits funktioniert?


Sukhdev: Es ist vor allem wichtig die Dienstleistungen der Ökosysteme in unserem alltäglichen Verhalten zu berücksichtigen. Dies kann man tun indem man neue Märkte schafft, in denen die Werte der Ökosystemdienstleistungen ermittelt werden.

In Costa Rica beispielsweise gibt es dazu mehrere Systeme. Dort zahlt jeder, der Wasser verbraucht, einen Zuschlag. Dieser Zuschlag wird dann verwendet, um Menschen für die Verluste, die sie auf Grund der Naturschutzmaßnahmen tragen, zu entschädigen. Ein essenzieller Grund, warum dieses Projekt funktioniert ist, dass die Costa Ricaner es akzeptieren und als wichtigen Bestandteil ihrer Gemeinschaft ansehen. Sie sind in diesem Verhalten vorbildlich.

Es gibt auch noch mehr Projekte in anderen Teilen der Welt, die aber oft nur kurzfristig angelegt sind. Ohne dauerhafte finanzielle Bindungen kann man so ein System nicht aufbauen.


ZDF: Wie kann man den finanziellen Wert der Natur überhaupt abschätzen? Welche Faktoren spielen eine Rolle?



Sukhdev: Dafür gibt es mehrere methodische Ansätze. Man kann zum Beispiel die Kosten, die man aufbringt, um ein Naturgebiet zu besuchen, als Wert hernehmen (Travel Cost Method), oder versuchen heraus zu finden, in welchem Maß ein Naturgut zum Einkommen beiträgt (Factor Income). Ein oft verwendeter Ansatz ist die so genannte Contingent Valuation Method oder CVM, in der man Leute fragt, wieviel sie finanziell zu Politikmaßnahmen beitragen würden, die die Naturqualität steigern. Es gibt noch viele andere Methoden, mehr oder weniger komplizierte.

Allerdings sind nicht alle Methoden geeignet, um alle Werte von ökosystemaren Dienstleistungen heraus zu finden. Die Methoden, die ich vorhin genannt habe, kann man nur unter bestimmten Bedingungen anwenden. Man muss sich also erst einmal überlegen, was man bewerten möchte und unter welchen Umständen die Bewertung stattfinden soll.

Wichtig ist auch zu beachten, dass ein ökonomisches Modell und die Wirklichkeit nicht immer gut zusammen passen. In der ökonomischen Wissenschaft verhält die Welt sich mathematisch sehr angenehm. Aber in der ökologischen Realität trifft man oft auf Unstetigkeiten und Schwellenwerte. Demzufolge gibt es oft große Diskussionen darüber, ob und wie man ökonomische Bewertungsmethoden am besten einsetzt. Diese Diskussion ist wichtig und kann nur durch ständig neue und verbesserte Bewertungsmethoden voran getrieben werden. Die Zahlen die da rauskommen, sind aber nur als Hinweise zu nehmen. Der wirkliche Wert liegt vermutlich noch ein ganzes Stück höher.


ZDF: Sind manche Arten oder Ökosysteme finanziell "wertvoller" als andere?


Sukhdev: Das sollte man so nicht sehen, auch nicht wenn in den Studien unterschiedliche Preise heraus kommen. Artenreiche Lebensräume wie tropische Regenwälder haben ein grösseres Potenzial als Lebensräume mit wenigen spezialisierten Arten. Ihre grössere Artenzahl sorgt für eine grössere Stabilität des Gesamtökosystems, und es besteht die Chance, Arten zu entdecken, die für den Menschen und sein Wirtschaften hilfreich sein können. So enthält jedes Ökosystem einen Komplex von Dienstleistungen, die alle von unterschiedlichen Nutzern unterschiedlich bewertet werden.

In diesem Sinne werden sich zwar für unterschiedliche Ökosysteme unterschiedliche Werte ergeben, aber viele Werte verstehen wir noch nicht richtig und können sie noch nicht richtig bewerten. Manchen Dienstleistungen lässt sich auch gar kein Preis zuweisen. Um aber zu tieferen Einsichten zu kommen, brauchen wir erst einmal einen ersten Bewertungsansatz. Den haben wir in TEEB entwickelt.


ZDF: Welches Potenzial hat der "wirtschaftliche Naturschutz"? Wird er den klassischen Naturschutz ersetzen?



Sukhdev: Investitionen in den Erhalt und das Management von Ökosystemdienstleistungen, wie zum Beispiel sauberes Wasser, der Kohlenstoffspeicherfunktion, der Nutzung medizinischer Pflanzen oder sanftem Tourismus werden bereits jetzt nach dem Motto "Use it or lose it" investiert. TEEB stellt den klassischen Naturschutz dabei nicht in Frage. Wir erstellen sogar neue Argumente für den Naturschutz. Es geht uns zunächst einmal darum, die Wertschätzung für die Natur und ihre Leistungen zu erhöhen.


ZDF: Die größte Artenvielfalt gibt es in Ländern der dritten Welt. Wie profitieren wir davon, wenn ein Stück Natur in einem anderen Land - beispielsweise in Madagaskar geschützt wird?


Sukhdev: Viele Leistungen von Ökosystemen versorgen uns auf lokaler und regionaler Ebene mit wichtigen Leistungen. Aber natürlich profitieren wir auch von intakten Ökosystemen in anderen Teilen der Welt. Durch den Erhalt der Ökosysteme wird etwa Kohlenstoff gespeichert, Tourismusmöglichkeiten werden gefördert oder medizinisch nutzbare Pflanzen geschützt. In Madagaskars Wäldern wächst beispielsweise das Madagaskar-Immergrün. Die in der Pflanze enthaltenen Alkaloide spielen in der Krebstherapie und im Kampf gegen Leukämie auch in Deutschland eine wichtige Rolle.


ZDF: Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für den Erhalt der Artenvielfalt?



Sukhdev: Eine Gefahr für die Artenvielfalt ist beispielsweise die Abholzung der tropischen Regenwälder. Genau in diesen Gebieten gibt es oft eine sehr hohe Artenvielfalt, die zudem noch sehr spezialisiert ist und nur dort vorkommt. Vergleichbar sind Küstengebiete mit Koralenriffen, die durch menschliche Aktivität heruntergewirtschaftet werden. Das überragende Problem in diesen Fällen ist, dass unser Resourcenverbrauch die Dienstleistungen der Natur nicht berücksichtigt und deswegen zu hoch ist.

Eine andere große Gefahr liegt in Verlusten, die sich aus so genannten invasiven Arten, also gebietsfremde Arten, die außerhalb ihres natürlichen Lebensraums eingeführt wurden, ergeben. Hier muss man überall ansetzen, um das Artensterben aufzuhalten.

Eine enorme Herausforderung ist die große Bedeutung der biologischen Vielfalt insbesondere für die Armen dieser Welt. Wie ich bereits sagte, sind viele Menschen, die an der Armutsgrenze leben, in ihrer Grundversorgung auf die Leistungen der Natur angewiesen. Wenn diese Versorgung nicht mehr gewährleistet ist, gibt es kein Entkommen mehr aus der Armutsfalle. Daher ist der Schutz der biologischen Vielfalt ein wesentliches Element der Entwicklungshilfe und der Bekämpfung der weltweiten Armut.

Der erste Schritt muss daher sein, der Natur einen Wert und damit einen Preis zu geben. Wenn das gelungen ist und wir die Natur nicht mehr als selbstverständlich und kostenfrei annehmen, wird es ein Umdenken im Umgang mit der biologischen Vielfalt geben.


ZDF: Wie kann jeder einzelne von uns etwas für den Artenschutz tun?


Sukhdev: Eine Möglichkeit ist, Naturschutzorganisationen wie BUND oder WWF beizutreten. Allerdings ist diese Frage nicht einfach zu beantworten. Ökosysteme, Artenvielfalt und unser ökonomisches System sind dermaßen vernetzt, dass jede Veränderung sofort zu einem Effekt irgendwo anders führt. Ein Ansatz, um diese Vernetzung klar zu machen, ist der so genannte Ökologische Fussabdruck, der andeutet wieviel Natur man eigentlich verbraucht in seinem Konsumverhalten. In diesem Sinne könnte man sich am besten sein alltägliches Konsumverhalten überlegen. Brennen die Lichter in Räumen, die ich nicht benutze? Muss ich jeden Tag einen großes Stück Fleisch essen? Kann ich auch in fünf Minuten duschen? Kleine Fragen, die aber viel bewirken können, wenn wir sie uns alle stellen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet