Interview mit Professor Olaf Hiort

Ein Experte zum Thema Abweichungen der Geschlechtsentwicklung

Olaf Hiort ist Universitätsprofessor für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Schleswig- Holstein. Einer seiner wissenschaftlichen Schwerpunkte ist das Fachgebiet der Physiologie und Pathophysiologie der Geschlechtsentwicklung. Hiort ist nicht nur national führender Wissenschaftler auf diesem Fachgebiet, er fungiert auch als Koordinator des Consortiums EuroDSD, Disorder of Sex Developement, das gefördert wird von der Europäischen Commission.

Professor Olaf Hiort Quelle: ZDF


ZDF: Was versteht man in der Medizin unter dem Begriff "intersexuell"? Welche Formen von Intersexualität gibt es?



Professor Olaf Hiort: "Intersexuell" bedeutet "zwischen den Geschlechtern". In der Medizin bezieht sich dies auf eine biologische Abweichung von der üblichen Geschlechtsentwicklung und ist damit klar von der "Transsexualität" abzugrenzen. "Intersexualität" zeigt sich in einer unüblichen Anordnung von Chromosomensatz, Keimdrüsen (Hoden oder Eierstock und deren Funktion) und dem äußeren Erscheinungsbild des Genitale der betroffenen Person. Viele Ursachen sind möglich. Von medizinischem Personal sollte der Begriff "intersexuell" nur noch selten benutzt werden, da er von vielen Betroffenen als verwirrend und diskriminierend empfunden wird. Wir versuchen heute, die biologische Ursache weitestgehend zu klären und dann diesbezüglich eine spezifische Diagnose zu stellen.


ZDF: Gibt es Möglichkeiten, eine Funktionsstörung der sexuellen Entwicklung zu beheben, beispielsweise durch hormonelle Behandlung? Welche Behandlungen gab es früher, welche heute?


Hiort: Eine oftmals genetisch bedingte Funktionsbeeinträchtigung, die zu einer Veränderung der embryonalen Entwicklung des Menschen führt, ist nicht grundlegend behandelbar. Zum einen kann versucht werden, durch chirurgische Operationen den Aspekt des Genitale dem männlichen oder weiblichen Geschlecht anzugleichen. Zum zweiten ist gerade bei Funktionsstörungen der Keimdrüsen (Hoden oder Eierstock) eine hormonelle Behandlung zur Einleitung der Pubertät und späteren Aufrechterhaltung des Hormonstatus des Erwachsenen sinnvoll und notwendig, um nicht nur die Geschlechtsfunktion, sondern auch das Allgemeinbefinden zu verbessern.


ZDF: Wie viele Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht gibt es? Wie wird die Abnormalität festgestellt?



Hiort: Eine genaue Zahl ist nicht bekannt. Leichtere Fehlbildungen des Genitale sind relativ häufig, da mit dem Überleben des Menschen vereinbar. Hierzu gehört zum Beispiel die Hypospadie, eine Fehlöffnung der Harnröhre beim Jungen. Eine schwerwiegendere Abweichung der Geschlechtsentwicklung ist seltener und kommt wahrscheinlich auf etwa 1:5000 bis 1:10.000 Geburten vor. Aber selbst dann sollten in Deutschland recht viele Menschen mit einer Abweichung der Geschlechtsentwicklung leben. Eine Auffälligkeit des Genitale wird häufig schon bei den Vorsorgeuntersuchungen nach der Geburt festgestellt. Sollte der äußere Aspekt des Genitale aber nicht so auffällig sein, dann kann die Diagnose auch erst sehr viel später, zum Beispiel im Rahmen einer Leistenbruch-Operation mit Untersuchung der Keimdrüsen, oder aber bei einer ausbleibenden oder abweichenden Pubertätsentwicklung gestellt werden.


ZDF: Oft erfahren Menschen erst in der Pubertät, dass ihre sexuelle Entwicklung gestört ist. Was bedeutet das für diese jungen Menschen und wie kann man ihnen aus medizinischer Sicht helfen?


Hiort: Gerade in der sehr sensiblen Phase der Pubertät ist dies für die jungen Menschen oftmals eine sehr schwierige Situation, mit der es gilt, zurechtzukommen. Zum einen müssen natürlich eine genaue Ursachenfindung und dann eine Besprechung des weiteren Verlaufes erfolgen. Zum anderen sind aber die Jugendlichen in ihrem Selbstempfinden zu stärken. Deshalb ist unbedingt die Vorstellung in einem Zentrum für Störungen der Geschlechtsentwicklung notwendig, um sowohl die entsprechenden medizinischen Maßnahmen zu ergreifen, andererseits aber auch eine sinnvolle und zielgerichtete Gesprächsführung mit den Patienten einzuleiten.


ZDF: Wie können intersexuelle Menschen eine Geschlechtidentität finden? Gibt es ein "drittes Geschlecht"?


Hiort: Eine Geschlechtsidentität findet man nicht, sondern man hat sie. Insofern können die Betroffenen sicherlich eigene Wege gehen, um ihr Geschlecht zu definieren und ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden. Eine rechtliche Anerkennung eines "dritten Geschlechts" ist aber in unserem Land nicht erfolgt.


ZDF: Auf welche gesellschaftlichen Probleme stoßen Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen?



Hiort: Hier ist sicherlich erst mal eine inhaltliche Aufklärung notwendig, denn die Tatsache, dass es Menschen mit biologischen Abweichungen der Geschlechtsentwicklung gibt, ist sicherlich vielfach nicht bekannt. Auch heute noch sind "Geschlecht" und "Sexualität" Themen, die einer besonderen Sensibilität bedürfen und dem Privatbereich des Menschen zuzuordnen sind. Neben einer allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz des "Andersseins" bedarf es sicherlich besonders der persönlichen Stärkung Betroffener, dieses "Anderssein" auch für sich selbst anzuerkennen und daraus sogar positive Kraft zu schöpfen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet