Interview mit Professor Uwe Waller

Experte in Sachen Aquakultur

Im April 2009 trat Uwe Waller eine Professur an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Saarbrücken an. Er widmet sich der Weiterentwicklung der Lehre im Bereich der Aquakultur und plant intensive Forschung und Entwicklung für den Bereich nachhaltiger Umwelttechnik für moderne Verfahren der Aquakultur. Zuvor war Waller langjähriger Leiter des Aquariums am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, studierte in Berlin und Kiel Meteorologie und Biologie und promovierte am Institut für Meereskunde der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

Professor Uwe Waller Quelle: ZDF


ZDF: Die Professur für Aquakultur an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW) wurde gerade neu eingerichtet. Ist denn der Forschungsstandort im Binnenland nicht ungewöhnlich?



Uwe Waller: Der Standort ist einmalig: hier arbeiten die Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften Hand in Hand an der Entwicklung neuer Verfahren und Prozesstechniken für geschlossene Kreislaufsysteme, die unabhängig vom Standort betrieben werden können.

ZDF: Was sind die großen Probleme bei Aquakulturen im Allgemeinen?



Waller: Konventionelle Aquakulturen gefährden die Umwelt in vielfacher Weise: dazu gehören beispielsweise die allgemeine Belastung der Gewässer, die Übertragung von Krankheiten und das Entkommen von Zuchttieren. Ein anderes Problemfeld stellt die Futtermittelversorgung dar. Hier werden immer noch Fischmehle und -öle eingesetzt. Erfreulicher Weise geht die Entwicklung aber in Richtung alternativer Rohstoffe.



ZDF: Könnten sich die Fischbestände in den Meeren wieder erholen durch die Speisefischgewinnung aus industrieller Fischzucht in Aquakulturen?



Waller: In der Aquakultur werden nicht typischer Weise Massenfischarten gehalten, wie zum Beispiel Hering, Rotbarsch oder Seelachs, die von der Seefischerei angelandet werden. Versuche mit dem Kabeljau sind nur teilweise erfolgreich. Das größte Potential sehe ich im Schutz kleinerer Bestände wie beispielsweise Wolfsbarsch und Dorade oder auch Grouper, die durch die hohe Nachfrage am Markt nicht ausreichend aus den Meeren gefischt werden können. Die Aquakultur entwickelt sich schnell in den Bereichen hochwertiger und teurer Produkte. Das heißt, einige Bestände werden von der Aquakultur profitieren, andere werden nur durch ein verantwortliches Fischereimanagement nachhaltig genutzt werden können.



ZDF: Worin liegt der Vorteil von Aquakulturen fern von Küsten?



Waller: Ein erstes Argument ist die Frische des Produktes, das ohne Energieaufwand für den Transport und die Kühlkette in kurzer Frist den Verbraucher erreicht. Der Energieverbrauch für den Betrieb des Kreislaufes ist vergleichbar mit dem Energieaufwand für die Fischerei.



ZDF: Was versteht man unter "kreislaufgeführten Verfahren" im Zusammenhang mit Aquakulturen? Waller: Kreislaufgeführte Verfahren zeichnen sich dadurch aus, dass das Wasser in einem geschlossenen System geführt und immer wieder aufbereitet wird. Dadurch ist eine Abtrennung dieser Systeme von den umgebenden Ökosystemen gewährleistet. Physikalische, chemische und biologische Verfahren werden für die Wasseraufbereitung eingesetzt, um die notwendige, hohe Wasserqualität zu erhalten. Die Verfahren und Prozesssteuerung müssen an die jeweilige Biologie der Arten angepasst sein, so dass Kreislaufsysteme eine komplexe Biotechnologie darstellen, die sich in Zukunft durch die Arbeit an der HTW immer weiter entwickeln wird. ZDF: Wie wird der Salzwasserbedarf der Aquakulturanlagen auf dem Festland gedeckt und wie wird es ausgetauscht? Waller: In modernen Kreislaufanlagen, wie sie an der HTW entwickelt werden, wird das Wasser nicht ausgetauscht, es werden nur die Mengen ersetzt, die bei der Wasseraufbereitung verloren gehen. Das Salzwasser in Anlagen im Binnenland wird durch die Zugabe von genau austarierten Salzmischungen zubereitet. ZDF: Ist der Ressourcenverbrauch durch Aquakulturen zu rechtfertigen? Man denke an Futtermittel, Wasserverbrauch, Landnutzung und Energieverbrauch.



Waller: Aquakultur leistet einen globalen Beitrag zur Ernährung der Weltbevölkerung. Der Ressourcenverbrauch ist aufgrund der Biologie der Organismen weitaus geringer als zum Beispiel bei der Zucht von Landtieren wie Huhn, Schwein oder Rind. ZDF: Aquakulturen im Binnenland gelten als nachhaltig, umweltschonend und umweltfreundlich. Kritiker sehen negative Auswirkungen durch Rückstände aus dem verwendeten Salzwasser, Pestiziden und Antibiotika, welches häufig verwendet wird bei Massentierhaltung. Muss man mit Folgeschäden für umliegende Ökosysteme rechnen?



Waller: Hier muss einmal ganz deutlich gesagt werden, dass Medikamente in Kreislaufanlagen, wie wir sie hier entwickeln, nicht eingesetzt werden. Die Wasserqualität erreicht einen Standard, der dem des Meerwassers entspricht, so dass das Immunsystem der Organismen selber einen ausreichenden Schutz darstellt. Die Futtermittel sind auf Rückstände untersucht und das verwendete Meersalz wird aus hochreinen einzelnen Komponenten zusammengesetzt.



ZDF: Welche wirtschaftliche Bedeutung hat die Aquakultur in Zukunft?



Waller: Aquakultur wächst jährlich um fünf bis sechs Prozent. Mir ist kein anderer Wirtschaftszweig mit ähnlichen Wachstumszahlen bekannt. Das bedeutet aber auch, dass moderne Biotechnologie notwendig ist, um zu verhindern, dass durch Aquakultur unsere Ökosysteme gefährdet werden. Ich bin an die HTW gerufen worden, um die Verfahrens- und Prozesstechnik in Zusammenarbeit mit den Kollegen für Fluide-Kreisläufe weiterzuentwickeln, die Studierenden der Hochschule in diese Richtung zu qualifizieren und damit den Zugang zu einem Wachstumsmarkt zu ermöglichen. Die Bildung von Kapazitäten ist die Voraussetzung für moderne Aquakulturverfahren, mit denen nachhaltig ein Beitrag zur Ernährung der Weltbevölkerung geleistet werden kann.



ZDF: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Essen Sie Fisch? Und welcher ist ihr Lieblingsfisch?



Waller: Ja! Eine Lieblingsart kann ich Ihnen aber nicht nennen. In Deutschland kennen wir nur sehr wenige Arten - ich freue mich immer wieder, wenn ich in Asien auf eine große Vielfalt stoße. Fisch ist einfach ein gesundes und sehr wohlschmeckendes Lebensmittel.

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