Ist Schlafen Option oder Notwendigkeit?

Wie unser Körper auf Schlafentzug reagiert

Unsere Gesellschaft entwickelt sich zu einer 24-Stunden-Gesellschaft. Erst wird hart gearbeitet, dann die Nacht zum Tag gemacht. Manche würden den Schlaf ja am liebsten ganz abschaffen. Doch können wir auf diese Ruhezeiten verzichten? Und wie reagiert unser Körper darauf?

Kanadische Schlafforscher wollen herausfinden, wie sich vergleichsweise kurze Schlafphasen auswirken, und wie lange man damit auskommt. Seanan Donovan, körperlich fit und belastbar, hat sich für das aufschlussreiche Experiment zur Verfügung gestellt. Er darf pro Nacht nur drei Stunden schlafen. Schon nach wenigen Tagen als Versuchskaninchen friert er bis auf die Knochen, sein Kopf dröhnt und alles um ihn herum scheint zu schwanken.

Gefahrenvoller Sekundenschlaf

Für Seanan Donovan stehen trotz der kurzen Schlafzeiten verschiedene Prüfungen auf dem Programm. Bei einem Fahrtest mit einem PKW am vierten Tag des Experiments wird das Reaktionsverhalten des 25-Jährigen getestet. Die erste Aufgabe besteht darin, ein Hindernis zu umfahren. Die Richtung wird Donovan von einem Anweiser durch Handzeichen angezeigt. Der Proband bewältigt die Aufgabe gut.

Mangelnde Korrespondenz im Gehirn

Beim zweiten Versuch wird der Fahrer plötzlich mit einer Tierattrappe konfrontiert, die ihm vor das Fahrzeug gezogen wird. Donovan reagiert erst stark verzögert auf die Attrappe und streift sie. Dann folgt der Härtetest: Der Anweiser wird diesmal keine Richtung anzeigen. Donovan fährt einfach ins Hindernis. Im ausgeschlafenen Zustand hätte er das wohl kaum getan. Während des Experiments wurden bei Donovan die Gehirnströme gemessen. Die Auswertungen zeigen, dass Donovan während des Autofahrens zwischen 3 und 15 Sekunden lang schlief, ohne es zu bemerken.



Doch damit nicht genug. Der Gesundheitszustand des Probanden verschlechtert sich. Am sechsten Tag des Experiments hört Donovan Geräusche und sieht Halluzinationen. Seine Haltung zeigt, dass die Muskelspannung abnimmt. Ein Anzeichen für den nahenden Schlaf. Donovans Augen bewegen sich schnell, ein weiterer Hinweis für die Forscher auf einen einsetzenden REM-Schlaf.

Ein anderer Test soll prüfen, wie sich die Übermüdung auf das Denkvermögen auswirkt. Ein Psychologe berührt Würfel in einer bestimmten Reihenfolge. Donovan soll es sich merken und nachmachen. Dass er schon bei dieser schlichten Aufgabe versagt, kann er selbst kaum glauben. Die Ursache verbirgt sich in seinem Gehirn: Normalerweise korrespondieren in der Großhirnrinde bestimmte Bereiche miteinander. Wahrnehmungen und Aktionen werden miteinander verknüpft. Bei Übermüdung arbeiten die noch aktiven Bereiche der Großhirnrinde unkoordiniert nebeneinander. Die Fähigkeit, Verbindungen herzustellen, nimmt ab. Es gelingt nicht mehr, Absicht und Handlung in Einklang zu bringen.

Müdigkeit macht dick

Und noch eine überraschende Auswirkung des Schlafentzugs macht sich bemerkbar: Donovan bevorzugt zunehmend sehr kalorienreiche Nahrung. Eine Blutuntersuchung soll zeigen, ob sich die kurzen Nächte auch auf den Stoffwechsel ausgewirkt haben. Das Ergebnis: der Leptinspiegel ist nach einer Woche nur noch halb so hoch wie zu Beginn des Experiments. Leptin stellt das Hungergefühl ab. Die Folge ist Heißhunger auf kalorienreiches Essen. Auch der Insulinspiegel ist auf die Hälfte gesunken, das heißt, die Versuchsperson befindet sich in einem Diabetes-Vorstadium.

Am sechsten Tag fühlt sich der junge Kanadier extrem schlecht. Der Versuch wird beendet. Wie schnell wird sich Seanan Donovan von den Folgen erholen? Nach zwei Nächten mit neun Stunden Schlaf haben sich seine Reaktionen, Wahrnehmung und sein Denkvermögen erholt. Sein Stoffwechsel braucht etwas länger, bis er die Strapazen kompensiert hat. Schlaf ist keine Option, für die wir uns entscheiden können oder nicht - es ist eine biologische Notwendigkeit.

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