Kampf um Sand

Der neue Goldrausch

Strand mit Betonblöcken auf Sylt

Wissen | Leschs Kosmos - Kampf um Sand

Der Kampf um den Rohstoff Sand ist eröffnet. Harald Lesch verfolgt die Spuren des Sandes und erkundet, woher er kommt und wohin er für immer verschwindet.

Datum:
Sendungsinformationen:
Im TV: ZDFinfo, 04.02.2016, 23:50 - 00:20
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Stellen Sie sich vor, Sie kommen zum Strand, und dort, wo Sie im vergangenen Jahr noch Sandburgen bauten, gibt es keinen Sand mehr. Unglaublich, aber wahr: In Nacht- und Nebelaktionen wird Sand von Stränden geplündert. Denn der begehrte Stoff ist inzwischen rar und wird immer kostbarer. Sand ist zu einer heiß umkämpften Ware geworden.

„Wie Sand am Meer“ war einst ein Sprichwort für etwas, das es in rauen Mengen gibt. Und heute? Der Kampf um Sand ist eröffnet, denn er ist mittlerweile ein begehrter Rohstoff, vor allem für die Bauindustrie. Harald Lesch verfolgt die Spuren des Sandes und erkundet, woher er kommt und wohin er für immer verschwindet.

Bauboom in Singapur

Grafik: Landzuwachs von Singapur
Die hellbraunen Zonen zeigen das dazugewonnene Land.

Der Global Player Singapur platzt aus allen Nähten. Bis 2030 ist ein Bevölkerungsanstieg von annähernd 1,5 Millionen Menschen prognostiziert. Rund sieben Millionen Menschen werden auf der kleinen Halbinsel Platz finden müssen. Um dem Kollaps zu entgehen, wurde Singapurs Fläche in den letzten Jahrzehnten vor der Küste schon um 20 Prozent vergrößert. In den nächsten 15 Jahren soll es um weitere sieben Prozent wachsen.

Der Schlüssel für Wachstum ist Sand. Nicht nur für etliche Projekte der Landgewinnung, auch für den Wohnungsbau und Ausbau der Infrastruktur benötigt man unendliche Mengen an Sand. Als Füll- und Schüttgut oder gebunden in Beton, Asphalt und Mörtel ist er der wichtigste Rohstoff der Bauindustrie. Doch im kleinen Singapur sind die eigenen Ressourcen schon seit Langem aufgebraucht. Singapur bedient sich an den sandreichen Küsten seiner Nachbarländer Kambodscha, Vietnam, Malaysia und Indonesien. Doch der schwunghafte Handel mit Sand bleibt dort nicht ohne Folgen. 


Sand ist die Grundlage des Lebensraums vieler Meeresbewohner. Fische und Krebstiere ernähren sich von Kleinstlebewesen, die in den Zwischenräumen der Körner gedeihen. Die Winzlinge stehen am Beginn der Nahrungskette und sichern das Überleben zahlreicher Arten.Für den Abbau des begehrten Rohstoffs durchfurchen riesige Schwimmbagger den Meeresboden. Der massive Eingriff ist das Todesurteil für ungezählte Lebewesen. Wer nicht sofort umkommt, dem entziehen die Bagger die Nahrungsgrundlage.

Mit der Zeit veröden die Küstenmeere. Leidtragende sind die heimischen Fischer. Zudem verändern die Furchen im Untergrund auch die Strömungsverhältnisse. Ganze Inseln sind auf diese Weise im indonesischen Archipel schon verschwunden. Doch die Gier nach dem kostbaren Baustoff kennt in Singapur keine Grenzen, es wird weiter gebaut. Selbst ein offizieller Lieferstopp der Nachbarstaaten, die dem Raubbau Einhalt gebieten wollen, scheint den Nachschub nicht zu bremsen. Auf unbekannten Wegen erreicht Singapur stetig mehr frischer Sand. Woher er auch immer kommen mag.

Woher kommt Deutschlands Sand?

In Deutschland gibt es reichlich Sand. Die Vorkommen an Kiesen und Sanden konzentrieren sich im Norden und Süden sowie entlang der Flusstäler von Rhein, Main, Donau, Weser, Elbe und Oder. Es sind die Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit, die in Nord- und Süddeutschland die Ressourcen der modernen Bauindustrie bilden. Allein im Alpenvorland lagern Vorräte von mehr als 100 Milliarden Tonnen, schätzen Wissenschaftler. Das könnte den Bedarf von über 1.000 Jahren decken. Allerdings liegen zwei Drittel der Vorkommen unter Städten, Straßen und Kulturflächen. Sie sind für die Bauindustrie unerreichbar. Dennoch wird in Deutschland der Bausand nicht so schnell ausgehen. Flüsse liefern den Rohstoff stetig nach.

Der Gesteinsschutt, der durch Verwitterung in den Bergen anfällt, wird über Flüsse abtransportiert und verteilt. Die Kräfte des Wassers reißen im oberen steilen Flussbereich alles mit sich.

Karte mit Sandvokommen in Deutschland
Die Sandvorkommen in Deutschland

Wenn die Fließgeschwindigkeit allmählich geringer wird, lagern sich gröbere Gesteine ab. Feine Sandkörner werden bis an die Küsten transportiert. Hier bildet der Sand die Grundlage für einen einmaligen Lebensraum – das Wattenmeer. Doch das Verlangen nach dem sandigen Schatz macht auch vor Schutzzonen keinen Halt: Angesichts der zunehmend konfliktreichen Quellen an Land weicht man heute auf die offene See aus. Der Abbau an der Nordsee deckt bereits 15 Prozent des bundesdeutschen Bedarfs, Tendenz steigend. Es sind Eingriffe in ein einmaliges Ökosystem mit unabsehbaren Folgen.

Sylt kämpft ums Überleben

Noch scheint auf Sylt alles in bester Ordnung: Strand, Wellen, Sand, Dünen – alles, was den Urlaub auf der Insel so erholsam macht. Doch auch hier sind die Strände bedroht. Seit mehr als 50 Jahren betreibt man aktiv Küstenschutz. Tetrapoden, vierfüßige, sechs Tonnen schwere Betonblöcke, sollen den Strand vor der starken Brandung schützen. Dennoch geht weiter Sand verloren. Unermüdlich setzt man deshalb auch schweres Gerät ein, um den Strand zu schützen: eine Sisyphusarbeit.

Jedes Jahr wieder finden diese Sandaufspülungen statt. In einer Entfernung von etwa acht Kilometern kreuzen dafür spezielle Baggerschiffe vor der Westküste Sylts. Sie saugen den Sand aus etwa 15 Metern Tiefe nach oben. In Küstennähe nimmt das Schiff das schwimmende Ende der seit Jahren fest installierten Spülleitung auf und pumpt den Sand an den Strand. Das Prozedere wird sechsmal am Tag über sechs Monate durchgeführt.

Satellitenaufnahme von Sylt
Die Markierung zeigt den Landschwund an der Südspitze von Sylt.

Der neu aufgespülte Sand unterscheidet sich hier nicht von dem „ursprünglichen“. Aber es ist nur ein künstlich aufrechterhaltener Kreislauf. Der Strand bekommt ein „Lifting“, ohne das die Insel tatsächlich bald verschwinden würde. Der effektivste Küstenschutz seit über 40 Jahren. Trotz allen Bemühungen wird Sylt kleiner. Die Südspitze ist in den letzten 60 Jahren erheblich geschrumpft. Obwohl auch hier Küstenschutzmaßnahmen getroffen worden sind, ging durch Sturmfluten massiv Land verloren. Das Meer holt sich unaufhörlich Sand von den Stränden und über Strömungen gelangt er an andere Stellen in der Nordsee. Sandbänke entstehen. Oder sogar neue Inseln, auf denen sich im Laufe der Zeit erste Dünen bilden und Pflanzen ansiedeln. Sylt wird – allen Anstrengungen zum Trotz – irgendwann untergehen. Aber dann gibt es vielleicht schon die neue Insel Sylt 2.0.

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