Klüger durch Hirndoping

Das "Wundermittel" Ritalin

In einer Gesellschaft, die so sehr auf Leistung getrimmt ist wie die unsere, kommen alle an ihre Grenzen, auch und gerade Kinder und Jugendliche. Überforderung wird zum Normalfall. Da liegt es nahe, im Tablettenschränkchen etwas zu suchen, was den Kleinen ohne großen Aufwand auf die Sprünge helfen könnte.

Verschiedenen bunte Pillen
Verschiedenen bunte Pillen Quelle: dapd

Es ist ein Menschheitstraum: eine Pille einwerfen und mühelos zum Überflieger werden. In dem amerikanischen Triller "Ohne Limit" geht es genau um so ein Wundermittel, das schlau und erfolgreich macht. Doch diese Vision scheint schon Realität zu werden. Am deutlichsten zeigt sich der Trend in den USA: An manchen Elite-Universitäten schlucken hier schon bis zu 25 Prozent der Studenten Psychopharmaka, um ihren Geist zu Höchstleitungen zu pushen.

Soldaten auf Speed

Die Wissenschaft kennt schon lange Mittel, um das Gehirn nach Bedarf zu tunen. Im Zweiten Weltkrieg werden psychoaktive Substanzen erstmals in großem Stil eingesetzt. Um an der Front durchzuhalten, greift man zu Aufputschmitteln und Kokain. Die Wehrmacht gibt 29 Millionen des Amphetamins "Pervitin" aus, um die Soldaten kampfbereit und risikofreudig zu machen. Das Programm wurde eingestellt, aber erst in den 1970er Jahren vernichtete die Bundeswehr die Restbestände des Aufputschmittels.

Bis heute ist "Truppen-Doping" gängige Praxis im Militär vieler Länder. Soldaten der US Army bekommen das Amphetamin Dexedrine, kurz "Go-Pills", das bei Zivilisten auch bekannt ist als die Partydroge "Speed". Offiziell vermeidet man das Thema, doch 2003 kommt es im Afghanistankrieg zu einem fatalen Zwischenfall. Amerikanische Kampfpiloten bombardieren alliierte Truppen - versehentlich. Vier Kanadier sterben im "friendly fire". Die Piloten werden freigesprochen: Sie standen unter Einfluss von Amphetaminen, die von Vorgesetzten routinemäßig verordnet wurden. Dennoch gilt der Einsatz von Psycho-Drogen im Krieg vielen als legitim.

Ein synaptisches Feuerwerk

Doch die Pillen erobern ein neues Schlachtfeld. Amphetaminähnliche Medikamente kommen als "Neuro-Enhancer" den Ehrgeizigen und Überforderten in unserer Leistungsgesellschaft zu Hilfe. Viele sehen nichts Verwerfliches daran, ihr Gehirn pharmakologisch anzukurbeln. Kürzlich riefen Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature" dazu auf, leistungssteigernde Substanzen zu legalisieren. Denn noch ist ihre Beschaffung illegal, wenn sie nicht ärztlich verordnet werden.

Eins der meistbenutzen Präparate wird unter dem Namen Ritalin verkauft. Der Absatz ist seit 1990 weltweit um 700 Prozent gestiegen. Ursprünglich für Kranke entwickelt, wird es von Gesunden als Hirndopingmittel missbraucht. Seine Wirkung ähnelt der von Kokain und wirkt an den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen. Botenstoffe sorgen dort für die Weiterleitung der Informationen. Ritalin blockiert den Rücktransport dieser Stoffe in die Zellen. So entsteht ein Überschuss an Botenstoffen, und die Reizweiterleitung wird intensiviert. Das synaptische Feuerwerk versetzt den Körper in Alarmbereitschaft.

Hirn-Kick für Kids

Dabei ist Ritalin eigentlich ein Arzneimittel für Kinder, die unter einer Stoffwechselstörung leiden. Das Medikament ermöglicht ihnen, ruhig und konzentriert bei der Sache zu bleiben. Längst hat die zweckentfremdete Einnahme als Neuro-Enhancer seinen Einsatz als Medikament für Kinder überflügelt. Noch gibt es kaum gesicherte Fakten über die Wirkung dieser Wirkstoffe bei Gesunden. Forscher fanden heraus, dass die Versuchspersonen konzentrierter und weniger müde waren. Sie schätzen die Effekte aber als marginal ein - ähnlich wie nach dem Genuss von Kaffee.

Doch eines steht fest: Neuro-Enhancer machen niemanden intelligenter. Sie sind sogar eher hinderlich für Kreativität und Spontaneität. Es wird also keinen Boom an selbst gemachten Genies geben, höchstens eine Generation "fokussierter Buchhalter", die arbeiten bis zum Burn-out. Und wie bei allen Medikamenten muss mit Nebenwirkungen gerechnet werden. Bei Patienten mögen sie vertretbar sein - für völlig gesunde Menschen auf der Suche nach dem Hirn-Kick sind sie inakzeptabel. Und wer nur noch mit Doping funktioniert, endet oft in der Sackgasse, der Abhängigkeit.

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