Konfrontation mit dem Fremden

Steckt die Ablehnung des Anderen in unseren Genen?

Wissen | Leschs Kosmos - Konfrontation mit dem Fremden

Woher stammt unsere Skepsis gegenüber Fremden? Warum grenzen wir andere aus? Und was ist eigentlich „fremd“? Harald Lesch bringt Licht ins Dunkel.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.05.2017, 23:00
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Das Fremde fordert uns heraus. Wir tendieren dazu, das eigene Territorium zu verteidigen und Eindringlinge auszugrenzen. Menschliche Natur oder kulturelle Prägung? Welche Rolle spielen die Vorurteile? Welche Kriterien lassen den einen dazu gehören, den anderen nicht? Harald Lesch enthüllt, was die Wissenschaft über unsere Haltung gegenüber dem Fremden herausgefunden hat.

Gruppen bilden, den Zusammenhalt unter den eigenen Leuten fördern und andere ausgrenzen – schon Kinder neigen zu diesem Verhalten. Was davon steckt in unseren Genen? Evolutionsbiologen glauben, dass eine skeptische Haltung gegenüber Fremden einst einen Überlebensvorteil darstellte. In prähistorischer Zeit lebten unsere Vorfahren in Afrika und gingen in kleinen Gruppen auf die Jagd. Die Kooperation erhöhte die Chancen, erfolgreich Beute zu machen. Die Jäger teilten ihre Beute mit den anderen Mitgliedern der Gruppe, die unterdessen Früchte und Wurzeln sammelten. Durch die Zusammenarbeit stiegen die Überlebenschancen aller.

Gruppenbildung und Manipulation

Bayern-Fans mit Vereinsfahnen im Fußballstadion
Identifikation mit Gleichgesinnten macht stark – nicht nur beim Fußball.

Mit der Entwicklung des Ackerbaus wurde Kooperation innerhalb der eigenen Gruppe noch wichtiger, denn die Arbeitsteilung schritt fort, und einander zu helfen war von Vorteil. Schließlich war man nun auf unterschiedlichste Gegenleistungen angewiesen. Mit fremden Clans stand man dagegen meist in Konkurrenz, insbesondere wenn Nahrung knapp war. Wer Fremde als potenziell gefährlich ansah, hatte bessere Chancen zu überleben als derjenige, der das Risiko unterschätzte – auch wenn es sich dabei um ein Fehlurteil handeln mochte. Immer noch tragen Menschen das Bedürfnis in sich, zu Gruppen zu gehören, doch es geht dabei längst nicht mehr ums Überleben, sondern um soziale Akzeptanz. In einer Gruppe anerkannt zu werden, steigert das Selbstwertgefühl. Seinen eigenen Kreis findet man sympathisch und ordnet ihm positive Eigenschaften zu. Die Identifikation mit den Gleichgesinnten macht stark.

Der Konkurrenz dagegen werden eher negative Attribute zugeschrieben – Vorurteile, mit denen automatisch jedes Mitglied der anderen Gruppe charakterisiert wird. Die Entscheidung darüber, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht, fällt blitzschnell. Um die Fülle an Sinneseindrücken verarbeiten zu können, die in jeder Sekunde auf uns einströmen, kategorisiert das Gehirn die Informationen – auch die Signale, die von Menschen ausgehen. Vorurteile ermöglichen dabei rasche Einschätzungen. Schon wenige Attribute genügen, um eine passende Kategorie zu finden. Solche „Denkschubladen“ sind durch Erfahrungen und Lernen entstanden. Grundsätzlich helfen sie uns dabei, unser Leben zu meistern. Problematisch ist es aber, wenn Kategorien dauerhaft mit negativen Vorurteilen verbunden werden, weil diese automatisch auf jeden übertragen werden, der in dieseGruppe eingeordnet wird. Beispielsweise könnte die Berichterstattung über islamistische Terroranschläge in den vergangenen Jahren dazu geführt haben, dass es bei manchen Menschen eine Kategorie „Muslime“ gibt, die mit den negativen Vorurteilen „fundamentalistisch“ und „radikal“ verknüpft worden ist. Doch auch hier gilt: Vorurteile sind gelernt beziehungsweise antrainiert – und lassen sich wieder abbauen.

Zu 99,9 Prozent gleich

Auswanderer aus Afrika auf Felsbrücke (Spielszene
Nur eine kleine Gruppe der Auswanderer aus Afrika hat es geschafft. Quelle: BBC

Wir Menschen sind uns ähnlicher, als man vermuten würde: Über alle Kontinente hinweg ist das menschliche Erbgut zu 99,9 Prozent identisch. Wie wenig unterschiedliches Aussehen mit tatsächlichen genetischen Unterschieden zu tun hat, zeigt ein Blick auf unsere tierische Verwandtschaft, die Schimpansen. Obwohl sich diese untereinander, zum Beispiel in der Haar- und Augenfarbe, viel stärker ähneln als Menschen, sind die Unterschiede im Erbgut von Tier zu Tier viel größer. Schimpansen weisen im Vergleich zum Menschen mehr als doppelt so viele Varianten im Genom auf. Der Grund dafür: Schimpansen leben seit rund einer Million Jahre auf der Erde. In ihrer langen Geschichte waren sie nie vom Aussterben bedroht und konnten eine große genetische Vielfalt entwickeln. Biologen differenzieren aufgrund der Unterschiede sogar vier verschiedene Unterarten.

Der Homo sapiens dagegen bevölkert die Erde erst seit rund 200.000 Jahren. Und das ist keine lückenlose Erfolgsgeschichte: Nur mit großer Not haben unsere Vorfahren überlebt. Schon in Afrika starben viele Menschen aufgrund von Klimaveränderungen, und diejenigen, die sich aufmachten, andere Regionen zu erobern, begaben sich in Lebensgefahr. In der Menschheitsgeschichte zeigt sich das sogenannte Flaschenhals-Phänomen: Nur eine kleine Gruppe der Auswanderer aus Afrika konnte überleben. So hat sich die genetische Vielfalt des Homo sapiens stark reduziert. Alle heute lebenden Menschen stammen von nur wenigen Vorfahren ab.

Gene lügen nicht

Porträt eines asiatischen Mädchens
So unterschiedlich sie aussehen: Genetisch sind alle Menschen fast gleich.

Um die Verwandtschaftsverhältnisse genauer zu studieren, haben Forscher weltweit Speichelproben gesammelt. Bei der Genomanalyse ist das Y-Chromosom besonders aufschlussreich, das nur Männer besitzen. Dieses Chromosom wird also direkt vom Vater auf den Sohn übertragen. Entsteht dort eine Mutation, wird diese an alle folgenden Generationen weitergegeben. Forscher können so anhand der Abfolge der Mutationen einen Stammbaum erstellen. Die unglaubliche Erkenntnis: Alle Männer weltweit lassen sich heute auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückführen: den so genannten Adam des Y-Chromosoms. Er war Afrikaner und zu seiner Zeit weder der erste noch der einzige Mann auf Erden – aber der einzige, dessen Nachfahren durch Zufall bis heute überlebt und die ganze Welt erobert haben.

Alle Männer, die einst aus Afrika auswanderten, haben die gleiche Mutation auf dem Y-Chromosom. Mit der Zeit traten weitere Mutationen auf, die sich bis heute in den Y-Chromosomen finden. Daher lässt sich die zeitliche Abfolge der Wanderwege und Kreuzungen, an denen einzelne Gruppen andere Wege einschlugen, rekonstruieren. Der gemeinsame Ursprung aller Menschen erklärt, wieso sich unser Erbgut  zu 99,9 Prozent gleicht. Von den restlichen 0,1 Prozent macht wiederum nur ein Bruchteil den Unterschied bei optischen Merkmalen aus. Daher ist es unsinnig, optische Merkmale zu benutzen, um Menschen zu klassifizieren. Über alle Grenzen hinweg verbindet uns viel mehr, als uns trennt. Auch die unterschiedliche Farbe unserer Haut ist nichts weiter als eine kleine evolutionäre Anpassung der Natur an die unterschiedliche Intensität der Sonnenstrahlung.

Fortschritt durch Fremde

Die Kultivierung von Getreide  und die Nutztierhaltung wurden im Fruchtbaren Halbmond erstmals praktiziert.
Ackerbau und Viehzucht - beides wurde einst in Vorderasien erfunden.

Unsere Gene erzählen davon, dass wir schon immer Ein- und Auswanderer waren. Und gerade diese Wanderungen, die Vorstöße von Fremden in neue Lebensräume, waren in der Geschichte immer wieder für Fortschritt, Innovationen und gesellschaftlichen Wandel verantwortlich. Ein klassisches Beispiel: Unser Weizen und die Vorfahren einiger unserer Nutztiere haben ihren Ursprung im so genannten Fruchtbaren Halbmond, der sich in einem Bogen vom Persischen Golf im Süden des heutigen Irak bis nach Israel und Jordanien erstreckt. Anders als heute war die Gegend einst üppig grün. Erbgutanalysen belegen, dass der Ur-Weizen von dort stammt: Aus wilden Gräsern wählten die Menschen solche mit den größten Körnern aus und säten diese aus. Hier zähmten Menschen auch erstmals wilde Tiere und machten sie zu Nutztieren: Schweine, Ziegen, Schafe und Rinder wurden domestiziert. Auf diese Weise waren die Menschen nicht mehr aufs Jagen angewiesen. Das Säen und Ernten brachte sie dazu, sich niederzulassen.

Im Fruchtbaren Halbmond nahm einer der grundlegendsten Umbrüche der Menschheitsgeschichte seinen Anfang: Jäger und Sammler wurden zu Ackerbauern und Viehzüchtern. Die Landwirtschaft sicherte die Ernährung vieler Menschen, die Siedlungen florierten, und der Austausch untereinander befeuerte Handwerkstechniken. Doch vor etwa 8200 Jahren wurde das Klima in der Region trockener. Völkerwanderungen setzten ein. Die Klimaflüchtlinge zogen Richtung Europa – und trafen dort auf Jäger- und Sammlerkulturen, die sie mit der Zeit grundlegend veränderten. Beinahe gleichzeitig traten die landwirtschaftlichen Techniken in unterschiedlichen Regionen in Mitteleuropa au. So verhalfen die Einwanderer den „alten“ Europäern dank mitgebrachter Nutztiere und Getreidesorten zu Kultur und Wohlstand.

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