Leichen sagen aus

Wie Tote ihre Mörder verraten

Der erste belegte Fall, in dem Insekten den entscheidenden Hinweis zur Aufklärung eines Mordfalls lieferten, stammt bereits aus dem 13. Jahrhundert in China. Inzwischen sind die Insekten unentbehrliche Ermittlungsgehilfen. Und selbst wenn der ganze Körper bereits völlig verwest ist, liefern Knochen oder Zähne immer noch erstaunliche Hinweise für die Aufklärung von Gewaltverbrechen.

Schmeißfliegen sind die ersten am Tatort. Ihre Larven zersetzen den Körper in kurzer Zeit. Sie entwickeln und verpuppen sich nach einem exakten Muster und Zeitplan. Finden Ermittler ein bestimmtes Larvenstadium auf einer Leiche, können sie auf den Todeszeitpunkt schließen, in manchen Fällen sogar auf eine Stunde genau.

Verwesen im Dienste der Wissenschaft


Das Verfahren wird ständig weiterentwickelt. In einem Waldstück der örtlichen Universität Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee verwesen menschliche Leichen, und zwar im Dienste der Wissenschaft. Zu Lebzeiten haben die Menschen ihren Körper den Forschern vermacht, damit diese den Verwesungsprozess beobachten und studieren können.

Die Leichen werden unter genau festgelegten Bedingungen abgelegt, in allen Phasen der Zersetzung werden Temperatur, Feuchtigkeit, Insektentypen und deren Entwicklungsstadien dokumentiert. Die Forscher gewinnen so Referenzdaten, mit deren Hilfe selbst lange nach einer Straftat die Leiche den Mörder noch verraten kann.

Unbestechliche Zeugen

Im Juli 1997 wurde bei einem Feldweg nahe Braunschweig eine Frauenleiche gefunden. Im Verdacht der Ermittler stand der Ehemann, der die Tat jedoch glaubhaft bestritt. Herkömmliche Beweise fehlten. Drei Maden wurden schließlich zu Kronzeugen. Sie verrieten den genauen Todeszeitpunkt. Ausgerechnet für den ermittelten Zeitraum hatte der Verdächtige kein Alibi.

Und es gab noch einen unbestechlichen Zeugen: Die Ermittler fanden im Profil der Gummistiefel des Verdächtigen eine seltene Unterart der schwarzen Holzameise. Insektenforscher stellten fest, dass die Ameise in den Stiefeln vom Tatort stammt. Die Tiere waren zuhauf auf der Leiche zu finden. Und in der gesamten Region gibt es kein weiteres Vorkommen. Diese Beweise überführten den Ehemann.

Haare, Knochen und Zähne


Was jedoch, wenn auch die Insekten den Schauplatz schon verlassen haben, wenn ein Verbrechen womöglich Jahre zurückliegt? Selbst dann noch können Fahnder heute auf erstaunliche Hinweise stoßen. Im November 2009 finden Waldarbeiter in einem Wald nahe Böblingen bei Stuttgart das Skelett eines Mannes. Stichspuren deuten auf ein Verbrechen hin. Doch in der Region wird niemand vermisst. Auf der Suche nach Hinweisen, woher der Mann stammen könnte, liefern die Zähne, Haare und Knochen entscheidende Hinweise. Den Ermittlern gelingt es, wesentliche Teile der Biografie dieses Mannes zu rekonstruieren.

Der Tote trägt nämlich noch immer einen chemischen Abdruck in sich, der verrät, dass er seine Kindheit auf dem Balkan verbrachte. Das Erdreich des Balkans enthält Strontium. Das besondere Verhältnis zweier unterschiedlich schwerer Molekül-Varianten unterscheidet die Region von anderen. Pflanzen nehmen diese spezielle Signatur auf. Der Strontiumabdruck wandert durch die Nahrungskette und gelangt schließlich in den Körper. Dort speichern Haare, Knochen und Zähne die "Balkan-Signatur".

Geologischer Fingerabdruck

Zieht ein Mensch um, verändert sich das Muster: Die ursprüngliche Signatur wächst aus den Haaren aus und durch natürliche Umbauprozesse verschwindet sie mit der Zeit auch aus den Knochen. In den Zähnen jedoch bleibt die Spur des Balkans dauerhaft erhalten. Den Strontium-Abdruck des Balkans fanden die Ermittler in den Zähnen und im Skelett des Unbekannten. Das Muster in den Haaren offenbarte aber noch etwas: Die letzten Lebensmonate hatte der Mann in Deutschland verbracht. Allmählich entsteht vor den Augen der Ermittler ein immer klareres Bild. Und sie wissen, wo sie ihr Fahndungsnetz weiter auswerfen müssen.

Inzwischen sammeln Wissenschaftler Proben in Regionen rund um den Globus. Ihr Ziel ist es, eine lückenlose Karte der geologischen "Fingerabdrücke", ein weltweites Strontium-Lexikon für Fahnder, zu schaffen.

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