Supermacht Wetter

Wie Hochs und Tiefs unser Leben bestimmen

Wissen | Leschs Kosmos - Supermacht Wetter

Wie Hochs und Tiefs unser Leben bestimmen: Harald Lesch zeigt, welchen Einfluss das Wetter auf uns hat und wie wir - oft ungewollt - das Wetter manipulieren.

Beitragslänge:
27 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 09.05.2017, 18:50
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Der Einfluss des Wetters ist in jedem Augenblick spürbar – überall auf der Welt. Manche Menschen glauben, wetterfühlig zu sein, und viele Tiere sind in der Lage, Wetterveränderungen zu erspüren, lange bevor Meteorologen sie feststellen können. Das Wetter erscheint wie eine unbezwingbare Macht: Es lässt Pflanzen gedeihen oder macht Ernten zunichte. Unwetter und Stürme verursachen Überflutungen und richten immer wieder große Schäden an. Sind wir dem ausgeliefert? Oder gibt es Wege, die Naturgewalten in die Schranken zu weisen?

Im Oktober 2012 gehen in New York abrupt die Lichter aus: Blackout. Der Hurrikan Sandy fällt über die Stadt her mit einer Wucht, auf die keiner gefasst war. Statt Kontrolle herrscht Verwüstung. Am Ende wird es 200 Tote geben und ein Schaden von über 40 Milliarden US-Dollar wird entstanden sein. Straßen und U-Bahn-Schächte werden geflutet. Eine Weltstadt des Geldes ist ohnmächtig. Und für die Bewohner zerschlägt sich die Illusion von Geborgenheit in der City.

Kann man Hurrikans ausbremsen?

Hurrikan, aus dem Weltraum gesehen
Gefräßige Energiemaschinen: Hurrikans

Jedes Jahr steuern Hurrikans an die Ostküste der USA. Sie entstehen, wenn die Wassertemperatur des Ozeans über 26 Grad erreicht. Dann steigt viel Wasserdampf auf, verwirbelt um ein großes Tief, kühlt ab, kondensiert zum Teil und setzt dabei weitere Energie frei. Im Auge des Sturms ist es still, aber rundum rast eine gefräßige Energiemaschine. Hurrikans bilden sich über dem Meer. Aber ihr Ursprung liegt Tausende Kilometer entfernt, in der nordafrikanischen Sahara. Der Wind trägt Sand aus der Wüste über den Atlantik nach Westen. Gelangen die Sandkörnchen in feuchte Luft, bieten sie Kondensationskeime, an denen sich Tropfen bilden können. So entstehen Wolken. Werden diese mit heißem Dampf gefüttert, entwickeln sich riesige Stürme. Die darin gestaute Hitze verwandelt sich beim Anlanden in mörderische mechanische Energie.

Lässt sich so ein Wirbelsturm eigentlich bremsen? Über technische Lösungsansätze wurde bereits nachgedacht. Man könnte zum Beispiel biologisch abbaubares Öl großflächig auf dem Ozean ausbringen oder, wie in einem von Bill Gates geförderten Projekt vorgesehen, aus großen Turbinen Aerosole zerstäuben und mit künstlichen weißen Wolken die Erwärmung des Meeres verhindern. Letztendlich sind das alles Zukunftsvisionen. Um etwas gegen einen drohenden Wirbelsturm ausrichten zu können, bräuchte man Tausende solcher Schiffe zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wirkliche Erfahrungen hat man bisher nur mit einer alten Methode gesammelt: dem Wolkenimpfen. Seit den 1960er-Jahren haben die Amerikaner unter dem Namen „Storm Fury“ versucht, Hurrikans abzuschwächen, indem sie Silberjodid versprühten. Die Salzpartikel bieten unterkühlten Wassertropfen eine Struktur, an der sich Eiskristalle bilden, was die Dynamik in den Wolken verändert. Allerdings ist bisher kein einziger Hurrikan davon zuverlässig schwach geworden.

Ist das Wetter schuld an körperlichen Beschwerden?

Wer das Wetter mit seinen Eigenheiten früher spürt als andere, hat einen Vorteil. Viele Tiere haben uns da einiges voraus. Sie verfügen über sensorische Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, die Entwicklung des Wetters vorauszuahnen und unmittelbar darauf zu reagieren. Auch einige Menschen glauben Wetterveränderungen körperlich spüren zu können. Deutschlandweit geben laut einer Umfrage über 50 Prozent der Teilnehmer an, wetterfühlig zu sein. Aber die Wissenschaftler sind sich uneinig, ob der Einfluss der Atmosphäre auf den Körper tatsächlich so groß ist.

Frau hat Kopfschmerzen
Aufgewacht mit fürchterlichen Kopfschmerzen - kann das am Wetter liegen?

Im Süden Deutschlands etwa wird der Föhn verantwortlich gemacht für diverse körperliche Beschwerden, vor allem Kopfschmerzen. Die Ursache könnte nach Meinung einiger Experten durch eine höhere Konzentration positiver Ionen bedingt sein, die die Produktion von Serotonin, eines Hormons, im Körper ansteigen lassen. Der erhöhte Hormonspiegel sei die Ursache für Migräne, Schwindel und Müdigkeit. Auch feine Luftdruckschwankungen, oft Vorboten einer Wetterveränderung, sollen Wetterfühlige beeinträchtigen. Druckrezeptoren an der Halsschlagader registrieren diese und bewirken eine Änderung des Blutdrucks und der Herzfrequenz. Das leichte, bisweilen sogar schmerzhafte Ziehen an Narben, das manche bei einem Wetterwechsel empfinden, lässt sich ebenfalls erklären: Nachwachsendes Bindegewebe könnte sich je nach Wetterlage ausdehnen, Spannungen verursachen und auf Nerven drücken. Letztlich ist das Wetter jedoch nur ein Teileinfluss, andere Faktoren wie Stress, Stoffwechsel oder Hormonspiegel spielen für das individuelle Empfinden eine mindestens ebenso große Rolle.

Menschgemachtes Klima in den Städten

Besser erforscht und gewichtiger ist der Einfluss, den wir auf das Wettergeschehen ausüben. In Megacitys wie Tokio schafft sich der Mensch – wenn auch unbeabsichtigt – sein Wetter selbst. Die Städte heizen sich im Sommer extrem auf, denn ein Großteil ihrer Oberfläche ist versiegelt, Beton und Asphalt dominieren. Der dunkle Untergrund absorbiert die Strahlung der Sonne besonders gut. Gleichzeitig erwärmt er wie eine Heizplatte stetig die Luft. Weil die bebauten Flächen und Fassaden die tagsüber aufgenommene Wärme speichern und sie nachts allmählich wieder abgeben, bleibt die ersehnte Abkühlung häufig auch in der Nacht aus. Die Temperaturunterschiede zwischen Stadt und Land können dann über zehn Grad betragen, da das Umland dank seiner Grünflächen nachts abkühlt.

Tokio als Hitzeinsel (Grafik)
Im Vergleich zum Umland wird Tokio zur Wärmeinsel.

In Tokio strömt bei speziellen Wetterlagen besonders feuchte Luft vom Ozean in Richtung Stadt. Die erwärmten Luftmassen steigen nach oben, und direkt über der Metropole bilden sich Regenwolken. Doch auch der Regen verschafft der aufgeheizten Stadt nur kurzzeitig Abkühlung. Die versiegelten Oberflächen lassen die Wassermassen schnell ablaufen und reißende Ströme entstehen. Die bedrohlichen Fluten bändigt man in Tokio auf spezielle Weise: 50 Meter unter der Stadt wird das Wasser in gigantische Betonhallen geleitet und dort gesammelt. Das weltgrößte Entwässerungssystem entzieht dem natürlichen Kreislauf viel Wasser. An der Oberfläche kann dadurch weniger Wasser verdunsten und es wird weniger Kühlung erzeugt. Die Hitzespirale gewinnt so an Fahrt. Weltweit schreitet die Verstädterung unaufhaltsam voran: Mehr als die Hälfte der Menschen wohnen bereits in Städten und schaffen sich mit ihren Bauten unbeabsichtigt ihr eigenes Klima.

Die Lösung ist grün

"Supertrees" in den Gardens by the Bay, Singapur
Singapur: Futuristische "Supertrees" erhellen dank Solarzellen die Nacht.

In einigen Megastädten ist der Leidensdruck inzwischen so hoch, dass man über Lösungen nachgedacht hat, die die ungewollte Erwärmung mildern sollen. In Singapur, dem südostasiatischen Stadtstaat mit über 5,5 Millionen Einwohnern, holen weitreichende Begrünungsmaßnahmen den Dschungel in die Stadt zurück: Auf Kokosmatten wachsen Hunderte verschiedene Pflanzenarten zu vertikalen Gärten. Begrünte Fassaden und Dächer wirken wie natürliche Klimaanlagen, indem sie Verdunstungskälte erzeugen und sich kaum aufheizen. Gleichzeitig sorgen sie auch für mehr Sauerstoff. Auf den Dächern entstehen außerdem Gärten, in denen Obst, Gemüse und Getreide angebaut werden. In den Visionen der Stadtplaner ist das erst der Anfang: Über kurz oder lang soll die Landwirtschaft im großen Stil mitten in der Stadt Einzug halten. Ein Zeichen für den ökologischen Wandel, der sich in Singapur vollziehen soll, findet sich jetzt schon in den Gardens by the Bay, einem neu geschaffenen Parkgelände: die futuristisch anmutenden Supertrees – bis zu 50 Meter hohe, von Pflanzen bewachsene Stahlgerüste. Sie verbessern nicht nur die Luft, sondern erhellen dank Strom aus Photovoltaik auch die Nacht.

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