Megacitys voll im Trend

Landleben, ein Luxus der Zukunft?

1950 lebten knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, heute sind es bereits mehr als die Hälfte. Parallel zum Wachstum der Stadtbevölkerung hat sich auch die Anzahl der Millionenstädte erhöht. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es weltweit knapp 20 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern, im Jahr 2000 waren es 387!

Fußgänger in Shanghai.
Fußgänger in Shanghai. Quelle: ZDF

Auch die Zahl der sogenannten Megacitys, Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern oder einer Bevölkerungsdichte von über 2000 Menschen pro Quadratkilometer, wird sich erhöhen. 1950 entsprachen nur New York und Tokio dieser Definition, heute sind es bereits 23.

Lagos im 21. Jahrhundert

Lagos
Lagos Text 6 Quelle: ZDF


Weltweit entstehen immer mehr dieser Riesenstädte, und in ihren Schatten die Slums. Ein Beispiel dafür ist Lagos, mit 15 Millionen Einwohnern die größte Stadt Nigerias. Anfang des 20. Jahrhunderts lag die Einwohnerzahl der heutigen Megacity noch bei gut 70.000 Menschen. Das extrem schnelle Wachstum verlief weitgehend unkontrolliert. Stadtplaner und Politiker hatten kaum Einfluss. Die Folge ist eine Überforderung der Infrastruktur. Ein Grund dafür, dass etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung in Slums lebt. Für die Bewohner bedeutet das: kein Trinkwasser, kein Strom und ein Leben im Müll.

Müll in den Slums von Lagos.
Müll Lagos Text 6 Quelle: ZDF

Die Sterberate in Lagos ist hoch, aber immer noch dreimal niedriger als die Geburtenrate. 140 Millionen Einwohner hat Nigeria, Afrikas bevölkerungsreichstes Land, und alle zieht es nach Lagos. 6.000 Menschen drängen jeden Tag in die wichtigste Industrie- und Handelsstadt Nigerias, mit der Hoffnung auf Arbeit. Lagos hat Afrikas höchste Kriminalitätsrate. Es ist die dreckigste, gefährlichste und die am stärksten wachsende Stadt der Welt.

Stadtleben als Chance

Seit dem Jahr 2008 leben erstmals weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land, und täglich wächst ihre Zahl um 1,3 Millionen. Liegt darin eine Gefahr oder doch eher eine Chance, wie Stadtplaner und Soziologen behaupten? Sie begreifen Megacitys wie Mumbai, das frühere Bombay, trotz ihrer Slums als positive Zukunftsoption: Kreative, industrielle und intelligente Milieus liegen hier dicht neben Dienstleistungsgewerbe und Wohnbezirken. Eine enge Verflechtung von Jobangeboten und verschiedenste Arbeitsmöglichkeiten böten Aussichten auf nahezu Vollbeschäftigung. Wie realistisch ist diese Utopie?

Markt in Mumbai.
Markt in Mumbai Text 6 Quelle: ZDF

In Mumbai leben heute fast 19 Millionen Menschen auf einer Fläche von 437 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Die Fläche Berlins beträgt 900 Quadratkilometer bei rund 3,5 Millionen Einwohnern. Tatsächlich leben bei einer derartigen Bevölkerungsdichte unterschiedlichste Einkommensbezieher in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander - aber unter welchen Bedingungen?

In die Enge getrieben

Auch wenn sich der Einzelne von einem Leben in der Stadt größere Chancen erhofft als auf dem Land, bleiben Slums für sich genommen unzweifelhaft die Hölle. Im Elendsviertel Dharavi in Mumbai leben mehr als eine Million Menschen, die meisten von ihnen unterhalb der Armutsgrenze von zwei Dollar am Tag. Aber das ist immer noch mehr, als sie von einer Existenz mit ein bisschen Grundbesitz oder Vieh auf dem Land zu erwarten hätten, und daraus erklärt sich die Attraktivität der Stadt für die ländliche Bevölkerung.

Oft kommen zuerst die Männer, und sobald sie Arbeit gefunden haben, folgen die Familien. In der Nähe des Hafens liegen die Hütten derer, die schon eine erste Arbeit gefunden haben. Die Bevölkerungsdichte dieses Stadtteils beträgt 400.000 Einwohner pro Quadratkilometer und ist damit die höchste der Welt - das über Hundertfache der Dichte in deutschen Städten.

Positive Vision

Doch die Zukunftsprognosen für die aus Slums gewachsenen Megacitys sind gar nicht so schlecht: Die Arbeitsstellen der Slumbewohner liegen in Fußnähe, was für deren ökologische Effizienz sprechen wird. Die Arbeitssituation wird von Fast-Vollbeschäftigung gekennzeichnet sein: Statt Automatisierung durch Maschinen wird Manpower als natürliche und ebenso flexible wie schier unerschöpfliche Ressource eingesetzt. Flexibilität statt eingefahrener Wege wird das Alltagsleben der neuen Megacitys prägen.

Die Stadt reagiert schnell auf Veränderungen und schafft immer wieder neue Arbeit und Verdienstmöglichkeiten aus sich selbst. Ein Beispiel sind die "Dabbawalas", die Essensboten von Mumbai. Sie bilden ein simples, dabei logistisch hoch entwickeltes Transportsystem, durch das Frauen ihren berufstätigen Männern das Mittagessen an den Arbeitsplatz zustellen können. Diese Dienstleistung gibt es bis jetzt nur in Mumbai und verzeichnet jährliche Wachstumsraten von fünf bis zehn Prozent. Jeden Tag holen die 4.500 Dabbawalas 175.000 Mittagessen ab, um es Managern wie Arbeitern zu bringen und ihnen damit Zeit und Geld zu sparen.

Vorteile der urbanen Zentren

Der entscheidende Vorteil von Megacitys gegenüber dem Land, ist aber die dort gewährleistete medizinische Grundversorgung der Bevölkerung. Ein erster wichtiger Effekt dieser Versorgung stellt sich schon jetzt ein: Die Geburten gehen in Städten und in ihren Slums stärker zurück als auf dem Land. Die Frauen erfahren hier mehr Aufklärung und erhalten einen leichteren Zugang zu Verhütungsmitteln. Ursprünglich war dieser Einfluss nur in Industrieländern aufgefallen, inzwischen ist er auch in den Entwicklungsländern spürbar.

Megacitys bergen den Schlüssel zur Entschärfung der Bevölkerungsbombe in sich. Sie dienen dem Einzelnen als Ort des sozialen Aufstiegs, sie bieten bessere Ausbildungschancen und eine größere kulturelle Vielfalt. Und sie sind für über neun Milliarden Menschen vielleicht die einzige Möglichkeit für eine in Zukunft noch lebenswerte Welt.

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