Mikroskopisch kleine Terroristen

Wie Parasiten ihre Wirte manipulieren

Wir Menschen sind in der Regel überzeugt davon, dass wir Herr unserer Sinne sind. Aber stimmt das wirklich? Es gibt Parasiten, die ihre Wirtstiere in willenlose Marionetten verwandeln. Die Einzeller nisten sich in bestimmten Gehirnregionen ein und treiben die infizierten Tiere in den Selbstmord. Und sie machen selbst vor dem Menschen nicht Halt. Verändert der als harmlos geltende Parasit Toxoplasma das Wesen seiner menschlichen Wirte?

Grafische Darstellung: Leberegel-Larven im Gehirn von Ameise
Grafische Darstellung: Leberegel-Larven im Gehirn von Ameise Quelle: ,NHNZ

Die Vorstellung, dass mikroskopisch kleine Lebewesen unser Verhalten steuern können, birgt Sprengkraft. Sie könnte das Bild des Menschen auf den Kopf stellen. Forscher haben sich deshalb bei seltsam verhaltensgestörten Nagetieren und Insekten auf Spurensuche begeben.

Parasiten als blinde Passagiere

Inzwischen gibt es zahlreiche Studien, die sich mit dem rätselhaften Freitod von Tieren beschäftigen. Und in einigen Fällen haben die Forscher auch eine Erklärung gefunden: wie beispielsweise bei den Ameisen. Wie ferngesteuert kriechen sie nachts aus ihren Nestern. Sie klettern auf Grashalme, verbeißen sich an deren Enden und verharren dort in einer unnatürlichen Starre.

Ameisen auf Grashalm
Ameisen auf Grashalm Text 2 Quelle: ,BBC

Kommt am nächsten morgen der Hase zum Frühstück auf die Wiese, bedeutet das den sicheren Tod für die Ameisen. Forscher fanden heraus, dass der Hase zusammen mit der Ameise ungewollt auch einen Parasiten verspeist: den Kleinen Leberegel. Als blinder Passagier passiert dieser den Verdauungstrakt des Hasen und dringt in die Gallengänge des neuen Wirts ein. Hier produziert der Saugwurm Eier, die der Hase ausscheidet.

Ein ausgeklügelter Zyklus

Weinbergschnecke
Die Schneckenfrau Quelle: ZDF


Doch die Reise des Parasiten ist damit noch nicht zu Ende, denn für sein Überleben und seine Fortpflanzung ist er auf mindestens zwei weitere Organismen angewiesen. Als Nächstes nehmen Schnecken die Eier mit der Nahrung auf. In der Schnecke entwickeln sich die ungebetenen Gäste weiter zu Larven. In Form von Schleimballen sondert auch dieser Zwischenwirt die Larven wieder ab.

Eine Ameise, die ein solches Schleimbällchen frisst, wird zum neuen Opfer des Parasiten. Einige der Leberegel-Larven wandern in das Gehirn des Wirts und nisten sich dort ein. Was nun genau geschieht, ist Forschern noch ein Rätsel. Doch die Folgen sind bekannt: Die Ameise wird zum Selbstmörder und der Leberegel gelangt wieder in ein grasfressendes Säugetier. Nur hier kann er sich vermehren. Ein ausgeklügelter Zyklus, der allein dem Parasiten dient.

Manipulation des Nervensystems

Forscher haben noch weitere Kamikaze-Kandidaten im Tierreich ausgemacht: Ratten und Mäuse. Könnte ein ähnliches Prinzip auch die Nager in die Fänge ihrer Feinde treiben? Wenn Ratten und Mäuse Katzenurin riechen, gehen sie normalerweise in Abwehrstellung. Beobachtungen zeigen jedoch: Sind sie mit dem Parasiten Toxoplasmose infiziert, zieht sie Katzengeruch magisch an. Ihr Fluchtinstinkt versagt.

Katze spielt mit einer Maus
Katz und Maus Text 2 Quelle: ap

Denn auch dieser Parasit manipuliert das Nervensystem der Wirte zu seinen Gunsten. Hat er sich erst ins Gehirn des Opfers eingeschlichen, bildet er Zysten aus, die die Nervenzellen auf rätselhafte Weise beeinflussen. Die Tiere verlieren ihre natürliche Angst vor Katzen und der Parasit braucht nur noch auf die Erbeutung seines Zwischenwirts zu warten. So gelangt er ans Ziel - in den Organismus der Katze.

Ansteckungsgefahr für den Menschen

Tückisch ist, dass Toxoplasmose auch Nutztiere und Menschen befallen kann, die in engem Kontakt mit Katzen leben. Menschen können sich auch über unzureichend gegartes Fleisch anstecken - ohne die Infektion je zu bemerken. Studien mit über 10.000 Teilnehmern legen nahe, dass mit Toxoplasmose infizierte Menschen im Durchschnitt risikobereiter und häufiger an Verkehrsunfällen beteiligt sind. Und in Tests zeigen sie ein langsameres Reaktionsvermögen. Ob der Erreger aber tatsächlich als Ursache infrage kommt, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Doch schon jetzt haben Forscher Indizien dafür, weshalb der Parasit für Nager gefährlicher ist als für uns Menschen. Ihr Immunsystem kann den Erreger deutlich schlechter im Zaum halten als unseres. Allein Schwangere müssen sich vorsehen: Ungeborene ohne ausreichende Abwehrkräfte können bei einer Neuinfektion der Mutter Schaden nehmen. Rohes Fleisch ist in der Schwangerschaft daher Tabu.

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