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Die Gendermedizin

Nachholbedarf im medizinischen Bereich

Lange wurde ignoriert, welch großen Einfluss das Geschlecht auf die Gesundheit hat. Erst vor wenigen Jahren etablierte sich die Disziplin der Gendermedizin.

Bis vor Kurzem wurden klinische Studien überwiegend mit jungen, männlichen Probanden durchgeführt, Frauen in der Folge wie kleinere, leichtere Männer behandelt. Dabei weiß man, dass Männer und Frauen bei einigen Krankheiten andere Symptome zeigen und aufgrund der unterschiedlichen Physiologie Medikamente sogar anders wirken können. Tatsächlich leiden an manchen Krankheiten in erster Linie Frauen, andere treffen hauptsächlich Männer. Aber woran liegt das?

Herzinfarkt – was ist bei Frauen anders?

Rettungsdienst mit Patientin
Bis weibliche Infarktopfer behandelt werden, vergehen oft wertvolle Stunden.

Für Frauen und Männer existieren unterschiedliche Symptome bei einem Herzinfarkt. Während bei Männern die klassischen Erkennungszeichen wie etwa Schmerzen im Brustraum und den Armen auftreten, machen sich Herzinfarkte bei Frauen häufiger mit unspezifischen Symptomen, wie Beschwerden im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen, bemerkbar. Also Anzeichen, die keinen Herzinfarkt vermuten lassen. Und Hilfe kommt deshalb in diesem Fall für Frauen oft zu spät. Die Symptome von Männern setzen den Standard. Auch, weil sie früher und häufiger Herzinfarkte bekommen.
Untersuchungen zeigen, dass das Blut der Frauen im Schnitt weniger schädliches Cholesterin enthält, das Herzkrankheiten begünstigt. Und auch ihre Blutgefäße unterscheiden sich von denen der Männer. Sie bleiben geschmeidiger und elastischer. Forscher vermuten, dass die weiblichen Hormone, die Östrogene, dafür verantwortlich sein könnten. Der weibliche Körper produziert viel mehr Östrogene als der männliche. Daten legen nahe, dass diese weiblichen Hormone vor Infarkten schützen: Nach den Wechseljahren, wenn Frauen weniger Östrogene produzieren, erhöht sich entsprechend auch ihr Infarktrisiko. Es bleibt aber weiterhin niedriger als bei Männern.

Forschungen – Trendwende in Sicht

Die Forscher Bergström, Samuelsson und Vane erhalten 1982 den Medizinnobelpreis für die Entdeckung der Leukotriene – das sind körpereigene Stoffe, die Entzündungen verstärken. Die Fachwelt rechnet mit neuen Therapien gegen Krankheiten wie Arthritis und Asthma. Auf der Grundlage der Entdeckung werden neue Medikamente entwickelt und in klinischen Studien getestet. In den 1980er- und 90er-Jahren meist an jungen Männern. Doch die Erwartungen werden enttäuscht. Neue Präparate, die Leukotriene ausbremsen sollen, scheinen immer wieder zu versagen.
An Entzündungskrankheiten wie Asthma und Arthritis leiden in erster Linie Frauen. Doch Männer sind praktischer für die Forschung. Denn im Verlauf des weiblichen Monatszyklus können sich die Ergebnisse von Medikamententests durch hormonelle Schwankungen auch verändern. Ausschlaggebend für die Bevorzugung von Männern bei klinischen Tests war der Contergan-Skandal. In der Folge wurden Frauen in Medikamentenstudien vorsorglich kaum mehr berücksichtigt. Selbst in Tierversuchen hat man lange überwiegend auf junge männliche Tiere gesetzt, um Ergebnisse leichter vergleichbar zu halten.

Vergleich Leukotrine Mann und Frau
Der Unterschied zwischen den Blut-Zellen von Mann und Frau ist deutlich zu erkennen: Blut-Zellen einer Frau (links) - Rot zeigt, wo sich Leukotriene bilden. Dagenen sind sie in männlichen Blut-Zellen (rechts) kaum zu finden.


Doch jetzt zeichnet sich eine Trendwende ab. Die Arthritis-Studie des Uniklinikums Jena ist hier Vorreiter. Die Forscher arbeiten auch mit Weibchen und älteren Mäusen, die an Arthritis leiden, um die Krankheit besser zu verstehen. Regelmäßig kontrollieren sie die geschwollenen Pfoten der Mäuse. Und immer wieder zeigt sich: Arthritis ist bei den Weibchen ausgeprägter und heilt viel schlechter. Der Chemiker Oliver Werz arbeitet mit dem Universitätsklinikum zusammen. Schon früh hat er den Verdacht, dass Hormone Entzündungsreaktionen und auch die Leukotrienbildung beeinflussen. Gezielt untersucht er, wie sich Leukotriene im Blut von Männern und Frauen bilden. Bei Arthritis schütten die weißen Blutkörperchen im erkrankten Gelenk Leukotriene aus. Diese entstehen, wenn sich in der Kernmembran des Blutkörperchens eine Säure, ein Protein und ein Enzym verbinden. In männlichen Zellen jedoch kommen sie nicht zusammen – das Testosteron blockiert die Bindung. Die Vermutung: Die bislang getesteten Medikamente wirken bei Männern nur nicht, weil das Testosteron bereits die Leukotrienbildung blockiert. Neue Studien mit Frauen sind erforderlich. Vielleicht werden die Hoffnungen von 1982 doch noch erfüllt.

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