Albtraum Atombombe

70 Jahre und kein Ende?

Atompilz

Wissen | Leschs Kosmos - Albtraum Atombombe

Harald Lesch zeigt, wie die Menschheit schon mehrere Male haarscharf an einer Atombombenkatastrophe vorbeigeschrammt ist. Ist die Gefahr gebannt?

Datum:
Sendungsinformationen:
Im TV: ZDFinfo, 11.02.2016, 22:55 - 23:25
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Vor 70 Jahren veränderte der Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki die Welt. Die Gefahr eines Atomkriegs ist trotz zahlreicher Bemühungen und Abkommen bis heute nicht ganz überwunden.Wie sehr bedroht die schrecklichste aller Massenvernichtungswaffen noch immer die Welt? Und welches Risiko geht von etwa 50 verlorenen Nuklearsprengsätzen heute noch aus?

Der Feuerball einer Atombombe ist heißer als die Oberfläche der Sonne, über zehn Millionen Grad Celsius. Die Druckwelle erreicht eine Geschwindigkeit von 1.000 Stundenkilometern. Radioaktive Strahlung wird freigesetzt. Harald Lesch zeigt, wie die Menschheit schon mehrmals nur haarscharf an einer Katastrophe durch Atombomben vorbeigeschrammt ist, und beleuchtet, wie präsent das Schreckgespenst der nuklearen Bedrohung noch heute ist.

Wieso Hiroshima?

Während der Zweite Weltkrieg tobt, wächst bei den Alliierten die Befürchtung, Deutschland baue an der Atombombe. Der 1933 in die USA emigrierte Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein schrieb am 2. August 1939 einen Brief am US-Präsident Roosevelt. Er warnte in seinem Schreiben eindringlich vor einer nie gekannten, ungeahnt zerstörerischen Waffe, die deutsche Wissenschaftler und Ingenieure aufgrund der gelungenen ersten Uran-Kernspaltung für Hitlers Wehrmacht entwickeln könnten. Die USA errichten daraufhin in Los Alamos, New Mexico, 1942 eine streng geheime Forschungsstadt – die Geburtsstunde des Manhattan Project. Unter der Leitung von Robert Oppenheimer entwickeln hier bis zu 100.000 Menschen Kernwaffen. Drei Jahre später ist der Prototyp fertig. Die neue Wunderwaffe wird gezündet. Sie hat die Sprengkraft von 21.000 Tonnen TNT. Der nukleare Urknall des Atomzeitalters. Nur zwei Wochen später erhält die Air Force, stationiert mitten im Pazifik auf der Insel Tinian, einen hochgeheimen Befehl der US-Regierung. Die neue Waffe soll gegen Japan eingesetzt werden. Mehrere Städte stehen zur Auswahl, auch Hiroshima. Bislang unberührt vom Kriegsgeschehen und strategisch von keinerlei Bedeutung, wähnt man sich hier in Sicherheit. Für die USA ein guter Grund für einen Überraschungsangriff mit maximaler Schockwirkung.

Bombenabwurf auf Hiroshima
"Little Boy" rast auf Hiroshima zu. Eine Katastrophe für die Menschen.

Auf Tinian laufen die Vorbereitungen: Aus einem geheimen Bunker wird „Little Boy“ herausausgerollt. Die teuerste Bombe aller Zeiten: umgerechnet zwei Milliarden Euro, viereinhalb Tonnen schwer, befüllt mit einem Höllencocktail aus Uran. Immer noch ist offen, welche Stadt es treffen wird. Den Ausschlag gibt das Wetter. Als der Bomber startet, sind drei Wetterflugzeuge bereits in der Luft. Mit 45 Minuten Vorsprung sollen sie die Wetterbedingungen erkunden. Es bleiben sechs Flugstunden bis Japan. Die letzte noch offene Frage: Wo beginnt der Tag in Japan mit klarem Himmel? Die Wetterflugzeuge melden: beste Bedingungen über dem Primärziel. Die Nachricht eilt in alle Kommandozentralen, bis zum Pentagon. Die Bombe wird abgeworfen – auf Hiroshima. Nach dem Ausklinken bleiben noch 43 Sekunden. Es wird keinen Krater geben. Die Ballistiker haben berechnet, dass „Little Boy“ die größte Zerstörung bewirkt, wenn sie in 500 Metern Höhe explodiert. An diesem Tag wird die Welt eine andere. Aus US-militärischer Sicht mag die Bombe ein „Erfolg“ gewesen sein, da sie half, den Weltkrieg zu beenden. In jeder anderen Hinsicht war und ist ihr Abwurf eine verachtenswerte Katastrophe, die neue Maßstäbe für die Abgründe menschlichen Handelns setzte.

Atomic Hollywood

Die Forschungen an der Atombombe gingen auch nach Hiroshima gnadenlos weiter. Die Wissenschaftler wollten die Explosion in allen Einzelheiten dokumentieren, um die Bombe weiter optimieren und perfektionieren zu können. Doch wie erforscht man ein Phänomen, das jedes Messinstrument sofort verdampfen und jeden Beobachter erblinden lässt? Die Forscher schufen sich dafür ein Freilandlabor für Experimente im Megamaßstab: das Bikini-Atoll. Für die erste Testreihe, „Operation Crossroads“, werden 700 Kameras und die Hälfte des Weltvorrats an Film in den Südpazifik zum Bikini-Atoll geflogen. Allein in den ersten vier Sekunden der Explosion sollen sechs Stunden Film gedreht werden. Die Kernexplosion selbst bleibt noch unsichtbar für die Kameras. Aber diese zeichnen so viele unbekannte Phänomene auf, dass man eine Konferenz einberufen muss, um ihnen überhaupt erst Namen zu geben. Kurz darauf wird in Hollywood eigens für die Dokumentation der Atombombenexplosion ein hochgeheimes Filmstudio gegründet, das „Lookout Mountain Laboratory“. 250 Techniker und Filmemacher entwickeln hier wegweisende Technologien. Die Kameras sollen offenbaren, wie genau die Explosion sich auf verschiedene Strukturen auswirkt, militärische oder zivile.

Kameramann in Schutzkleidung
Aufzeichnungen der Explosionen sollen die Bomben perfektionieren.

Speziell gepanzerte, fernausgelöste Kameras machen es möglich, den atomaren Feuersturm und die Druckwelle gefahrlos aus unmittelbarer Nähe zu dokumentieren. Die Filme zeigen die gewaltige Energie der Bombe. Und genau diese Energie, die bei der Kernreaktion als Wärme und Licht frei wird, gilt es aufzuzeichnen. Die Herausforderung, diese enormen Helligkeitsunterschiede korrekt abzubilden und die Filme robust gegen Strahlung zu machen, sollte die Fotografie revolutionieren. Ein neuartiger Film wird erfunden, strahlenresistent und mit drei Schichten, die unterschiedliche Lichtstärken absorbieren. Erstmalig kann so der Feuerball in allen Einzelheiten sichtbar gemacht werden. Doch von den Filmern werden auch noch detailliertere Bilder erwartet. Die Struktur des Feuerballs im Augenblick der Explosion verrät ihren „Erfolg“. Um diese ersten Millisekunden sichtbar zu machen, wird die erste Ultra-Highspeed-Kamera der Welt entwickelt: die Rapatronic. Die Aufnahmen dieser Kamera zeigen die Kernexplosion, wie sie noch nie zuvor zu sehen war. Mithilfe solcher Studien kann die Bombe weiter optimiert werden. 1953 wird die „Atomic Annie“ getestet – die erste Atombombe, die klein genug ist, per Kanone verschossen zu werden. Mit nur 364 Kilo ein handliches Geschoss, verglichen mit der Hiroshima-Bombe „Little Boy“ – und das bei gleicher Sprengkraft.

Der Schulterschluss zwischen Filmtechnikern und Waffenexperten brachte beides entscheidend voran: die Traumfabrik Hollywood und die Albtraumfabrik der Bombenschmieden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet