Rekordjagd

Siegt der Mensch oder das Material?

Wissen | Leschs Kosmos - Rekordjagd

Spitzensportler treten gegen Legenden der Vergangenheit an. Wer siegt, wenn beide über dasselbe Material verfügen? Der Sportler oder die Technik?

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.07.2017, 22:45
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Spitzensportler wollen nicht einfach nur gewinnen, sie wollen Geschichte schreiben, wollen Weltrekorde aufstellen. Doch lässt sich der menschliche Körper durch Training immer noch weiter optimieren, oder sorgt nur die innovative Materialentwicklung für neue Rekordleistungen? Die Olympischen Spiele werden wieder neue Weltrekorde hervorbringen. Doch wem gebührt der Ruhm: den Athleten – oder der Technik?

Eine Vielzahl an Wissenschaftlern ist beteiligt, wenn es darum geht, noch einen Zentimeter herauszuholen oder eine Hundertstelsekunde schneller am Ziel zu sein. Harald Lesch verfolgt den Wettstreit von Topathleten, die sich einer besonderen Herausforderung stellen: Spitzensportler treten gegen Legenden der Vergangenheit an. Wer siegt, wenn beide über dasselbe Material verfügen? Vier Topathleten wagen den Wettstreit und treten gegen Legenden der Vergangenheit an.

Sarah Hammer gegen Beryl Burton

Die Amerikanerin Sarah Hammer ist achtfache Weltmeisterin im Bahnradfahren und will 2016 Olympiagold. Sarah hält den aktuellen Weltrekord über 3.000 Meter Einerverfolgung auf der Bahn. Im fiktiven Wettkampf tritt Sarah gegen die frühere Weltrekordlerin Beryl Burton an. In den 1960er-Jahren hielt Beryl den Weltrekord über 3.000 Meter mit 4:16,6 Minuten. Die Radrennbahn hat sich in den letzten 50 Jahren kaum geändert. Die Räder schon. Ein Mechaniker baut für Sarah ein Bahnrad mit Stahlrahmen aus den 1960er-Jahren nach. Der Stahlrahmen beginnt bei größeren Geschwindigkeiten zu vibrieren, sodass ein Teil der Energie verloren geht. Sarahs modernes Rad hat einen Rahmen aus Carbon, bei dem die Kraft der Athleten ohne große Verluste direkt auf die Bahn übertragen wird. Der Carbonrahmen lässt sich außerdem optimal auf die Bedürfnisse des Sportlers anpassen. Eine tropfenförmige Silhouette leitet den Luftstrom sanft um den Rahmen herum, der Luftwiderstand wird minimiert. Der historische Rahmen aus runden Stahlrohren bietet eine weitaus größere Angriffsfläche. Ähnlich bei den Felgen: Ein modernes Scheibenrad lässt den Luftstrom ohne Verwirbelung passieren. Historische Räder haben Speichen mit deutlich mehr Luftwiderstand. Und auch der Lenker des modernen Rades sorgt für eine optimale aerodynamische Haltung.
Sarah Hammers Training ist ganz auf den Sprint spezialisiert. Dabei folgt sie wissenschaftlich ausgeklügelten Trainingsplänen zum gezielten Aufbau ihrer Sprintermuskulatur. Für den Vergleich mit Beryl Burton wird sie auf ihr Hightechrad verzichten. Das Experiment folgt klassischen Bahnradregeln. Auf den jeweils entgegengesetzten Seiten des Velodroms liegen die zwei Startlinien. Auf der einen Seite startet Sarah Hammer, auf der anderen Seite Beryl Burtons Avatar. Im Vergleich zum historischen Weltrekord ist Sarahs Bestzeit um 20 Prozent schneller. Der Avatar von Beryl Burton simuliert den Ablauf des Rennens aus den 1960er-Jahren. In Runde eins hat Beryl einen deutlichen Vorsprung. Bis zur Ziellinie wird sie eine konstante Geschwindigkeit beibehalten. Ohne Konkurrenz, die einen Sportler zum Letzten antreibt, und mit dem ungewohnten schweren Bahnrad ist Sarah mit 4:12 Minuten dennoch die überlegene Sprinterin. Im Vergleich zur Allrounderin Beryl Burton  ist sie ein hochspezialisierter Vollprofi. Perfekt trainiert, ausschließlich für den Sprint auf der Bahn.

Paul Biedermann gegen Mark Spitz

Paul Biedermann und Avatar beim Start
Kann Paul Biedermann ohne seine Hightech-Ausrüstung gewinnen?

Die Spezialdisziplin des vierfachen Weltmeisters Paul Biedermann sind die 200 Meter Freistil. 2009 gewann er bei der Schwimm-WM in Rom nicht nur Gold, sondern stellte mit 1:42:00 einen Weltrekord auf, mit seinem Ganzkörper-X-Glide Anzug. Nun stellt er sich dem sportlichen Vergleich mit der Schwimmlegende Mark Spitz. Mark Spitz stellte 1972 bei den Olympischen Spielen in München über 200 Meter Freistil den Weltrekord mit 1:52,78 ein und gewann in sieben Disziplinen die Goldmedaille, ohne Brille und Hightech.
Für eine Gegenüberstellung der beiden Schwimmstars werden die historischen Bedingungen hergestellt: Paul Biedermann verzichtet auf einen Ganzköperanzug und steigt in ein Wettkampfbecken der alten Bauart. Moderne Pools haben einen Überlauf, der die Energie der Wellen abfließen lässt. In einem historischen Pool reflektieren die Seitenwände die Wellen des Schwimmers. Es kommt zu Verwirbelungen im Becken, minimalen Störungen für die Schwimmer, die jedoch entscheidend sein können. Für den fiktiven Wettkampf schwimmt der Mark-Spitz-Avatar so, dass er die Wenden zur gleichen Zeit erreicht wie der echte Mark Spitz bei seinem Weltrekord. Wie wirken sich andere Bedingungen und anderes Material beim direkten Vergleich aus? Am Ende ist Biedermann – zwar nur einen Wimpernschlag – aber langsamer als Mark Spitz. Es zeigt, welche große Rolle der Einsatz von modernen Materialien im Schwimmsport spielt. Aber es zeigt auch, welch Ausnahmesportler Mark Spitz, nicht nur damals, sondern auch noch heutzutage noch ist.

Christina Obergföll gegen Fatima Whitebread

Christina Obergföll: Auswertung der Wurfweite
Christina Obergföll erzielt eine historische Rekordweite.

Auch die deutsche Top-Speerwerferin Christina Obergföll stellt sich einem direkten Vergleich mit einer Ikone der Sportgeschichte. Obergföll erzielte 2007 eine persönliche Bestleistung mit 70,2 Metern. Die Deutsche ist Weltmeisterin, hat eine olympische Silber-und eine Bronzemedaille und hofft nun bei den olympischen Spielen 2016 auf Gold. Doch beim Speerwerfen sind die aktuellsten Würfe nicht die weitesten. Der Grund dafür: Nachdem der Ostdeutsche Uwe Hohn 1984 über 104 Meter weit wirft und der Speer im Stadion gefährlich nahe an den Läufern und dem Publikum landet, wird das Design der Speere verändert. Material und Gewicht bleiben gleich, aber der Schwerpunkt der Speere wird weiter nach vorne verlagert. Dadurch neigt sich die Spitze früher nach unten und der Speer segelt nicht mehr so weit. Seit 1986 gilt dies für die Männer, der Frauenspeer wird 1999 verändert. Seither sind die alten Rekorde, Weiten über 100 Meter bei den Männern und an die 80 Meter bei den Frauen, fast uneinholbar. So auch der Rekord der britischen Speerwerferin Fatima Whitebread. Mit dem alten Speer erzielt sie 1986 eine Rekordweite von 77,44 Meter. Hätte Christina Obergföll auch eine Chance eine ähnliche Weite mit einem historischen Gerät zu erzielen, also ohne Regeländerung?
Ohne Wettkampfsituation soll zumindest ein Testtraining zeigen, ob heutige Topathletinnen, wie Christina Obergföll an die historischen Rekorde herankommen könnten. Ihre Würfe erfolgen mit neuem und danach mit altem Speer. Und tatsächlich: Der alte Speer fliegt ganze 8,6 Prozent weiter. Verglichen mit ihrer  persönliche Bestweite von 70,2 Meter wäre der alte Speer 8,6 Prozent weiter geflogen: auf berechnete 76,24, also in Regionen von historischen Rekordweiten. Im Speerwerfen ist es durch die Schwerpunktverlagerung zwar schwierig bis unmöglich, die historischen Rekorde zu bezwingen. Doch das Messen mit den Besten der Welt hat an Spannung für die Sportler und Zuschauer nichts von seiner Faszination verloren.

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