Schattenseiten der Mobilität

Folgen der Bioinvasion

Internationale Häfen gelten als "Hot Spots" für Bioinvasionen. Etwa 40.000 Frachtschiffe fahren um die Welt. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Verschleppung von Arten. Blinde Passagiere heften sich an die Schiffe, reisen im Transportgut oder Ballastwasser mit. Finden die Fremdlinge gute Lebensbedingungen in ihrer neuen Heimat, kann das verheerende Folgen haben.

Containerhafen
Containerhafen Quelle: Getty

Meist fehlen die natürlichen Feinde der ungebetenen Gäste. Manche von ihnen breiten sich explosionsartig aus, verdrängen heimische Arten, bedrohen den Lebensraum des Menschen und werden zur unkontrollierbaren Plage. In den USA beispielsweise kämpft man gegen Armeen von Supertermiten. Die hungrigen Insekten zerstören langsam aber sicher die Altstadt von New Orleans und fressen sich weiter durch das ganze Land.

Feldzug der Supertermiten

Über eine Milliarde Dollar investieren die USA jährlich, um diese Eindringlinge zu bekämpfen. Eine einzige Kolonie der gierigen Insekten kann in drei Tagen über ein Kilo Holz verschlingen und ein komplettes Haus binnen weniger Monate in Trümmer legen. Termiten gab es hier schon immer, doch die altbekannten scheinen harmlos, gemessen an dem Zerstörungspotenzial der neuen "Supertermiten".

Sie gelangten als Schiffspassagiere nach Amerika. Die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Asien heimkehrenden Soldaten brachten sie unversehens mit: verborgen in hölzernen Transportkisten. Seitdem sind die Termiten auf einem Erfolgszug quer durch die USA. Eine einzige Kolonie kann viele Millionen Tiere umfassen, zehnmal so viele wie Kolonien heimischer Termitenarten. Inzwischen haben die Insekten schon in elf Bundesstaaten Fuß gefasst, und ihr Vormarsch ist nicht zu stoppen.

Ungebetene Gäste

Containerschiff auf dem Meer.
Containerschiff Quelle: ZDF


Die steigende Mobilität hat die Ausbreitung von Arten rasend beschleunigt. Tausende von Frachtschiffen transportieren ungebetene Gäste. Und die stecken nicht nur im Transportgut, sondern vor allem in den Bäuchen der Schiffe selbst: Tonnenweise nehmen Schiffe Ballastwasser an Bord, um auch ohne Fracht auf hoher See stabil zu bleiben. Darin enthalten sind Keime, Plankton und Meerestiere, bis zu 100 Millionen pro Schiff. Wird der Tank geleert, gelangen die Fremdlinge in neues Gebiet.

Andere Meeresbewohner reisen außen an den Schiffen mit und legen so Strecken zurück, die die Natur für sie nie vorgesehen hat. Weltweit kommt es alle neun Wochen zu einer Invasion durch Mitreisende in Schiffstanks. Die Neuankömmlinge sind eine Gefahr für heimische Arten. Im schlimmsten Fall, wie bei der neuseeländischen Turmschnecke, wird eine artenreiche Gemeinschaft völlig verdrängt. Die traurige Folge: Der Meeresboden wird überwuchert von einer Monokultur aus Eindringlingen.

Die Qual mit der Qualle

Fischer nimmt Nomadenqualle aus dem Netz.
fischer mit Qualle Text 4 Quelle: ZDF


Der Schauplatz der größten Invasion unserer Zeit befindet sich im Mittelmeer. Hier hat sich einer der unangenehmsten mediterranen Neuzugänge etabliert: die Nomadenqualle. Schwärme von über 100 Kilometern Länge treiben vor den Küsten, bewehrt mit Tentakeln voller Nesselgift. Inzwischen ist die Qualle in der Türkei und in Griechenland angekommen. Zum einen bedroht die Qualle die Existenz der Fischer, denn immer öfter füllen diese Glibbermonster die Netze und lassen kaum noch Platz für den üblichen Fang. Zum anderen muss auch der Tourismus empfindliche Einbußen hinnehmen, denn an den Urlaubsstränden muss immer öfter Quallenalarm ausgerufen werden.

Die Nomadenqualle wurde nicht per Schiff transportiert, sie kam aus eigener Kraft. Dennoch gehört sie nicht hierher. Ihre Heimat ist das Rote Meer. Viele Arten eroberten das Mittelmeer auf demselben Weg: durch den Suezkanal. Seit seiner Erbauung 1869 dient er nicht nur als Korridor für den Schiffsverkehr, sondern auch für die spektakulärste Einwanderungswelle von Tierarten auf unserem Planeten. Über 300 Arten haben diesen Weg bisher genommen, und ständig kommen neue nach.

Wiedergeburt des Mittelmeers

Manche der Einwanderer sind nur sporadisch hier, wie der Schwarzspitzen-Riffhai, doch viele haben sich dauerhaft im Mittelmeer angesiedelt. Tropische Flötenfische vermehren sich erfolgreich, und giftige Kugelfische besiedeln jetzt die mediterranen Küstengewässer. Rätselhaft ist, wieso viele der exotischen Einwanderer im Mittelmeer erfolgreicher sind als die heimischen Arten. Noch rätselhafter, warum keine einzige Art bisher den umgekehrten Weg geschafft hat. Die Suche nach einer Erklärung führt zurück in die Vergangenheit.

Das Mittelmeer ging aus dem Urozean Tethys hervor, der eine Verbindung zum Indopazifik hatte. Viele Jahrmillionen lang waren alle Bewohner des Mittelmeers indopazifischer Herkunft. Später verlor das Mittelmeer diese Verbindung, und während der Eiszeiten trocknete es vollständig aus. Übrig blieben nur lebensfeindliche Salzwüsten, alle Arten starben aus. Die Wiedergeburt des Mittelmeers geschah von Westen her: Vor circa fünf Millionen Jahren bahnte sich der Atlantik seinen Weg durch die Straße von Gibraltar in das Wüstenbecken und brachte neues Leben.

Karte vom Mittelmeer nach der Eiszeit und währenddessen.
Montage Mittelmeer Quelle: ZDF

Suezkanal, die Bioschleuse

Schiff auf Suezkanal.
Schiff auf Suezkanal Quelle: ZDF


Alle heutigen Mittelmeerarten stammen also aus dem Atlantik. Sie sind angepaßt an kälteres und salzarmes Wasser. Das an Zustrom arme Mittelmeer wurde aber über die Jahrmillionen immer wärmer und salzhaltiger. Viele der ursprünglich atlantischen Arten leben daher jetzt im Mittelmeer an ihrer Toleranzgrenze. Aufgrund dieser Besonderheiten ist das Leben im Mittelmeer anfällig für tropische Invasionen. Unabsichtlich hat der Mensch mit dem Suezkanal die alte Verbindung zum Indopazifik wiederhergestellt. Und die Natur nutzte die Chance.

Besonders das warme und salzreiche östliche Mittelmeer ist für die Exoten ein fast idealer Lebensraum. Rotmeer-Shrimps vermehren sich hier so erfolgreich, dass sie inzwischen 80 Prozent der Garnelenfischerei ausmachen. Die weniger robusten Mittelmeershrimps sind dagegen fast verschwunden. Die Massenwanderung hält an und wird sogar durch die mit der Klimaerwärmung steigenden Temperaturen noch beschleunigt. Inzwischen kommt etwa jeden Monat eine neue Art durch den Suezkanal an. Das Mittelmeer wird immer tropischer.

Weiter mit: Lässt sich die Natur steuern?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet