Schwindeln ist menschlich

Warum wir so oft lügen und was uns entlarvt

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht? Kann sein. Und dennoch: Würde man die Lüge abschaffen, wäre das wohl das Ende aller Beziehungen, beruflich wie privat. Nichts als die Wahrheit zu sagen, immer und unter allen Umständen - damit wäre der Alltag nur schwer zu bewältigen, glauben Wissenschaftler.

Zwei Männer im Gespräch
Zwei Männer im Gespräch Quelle: Caligari Films

Ob man sich nun für seine Verspätung mit einer Ausrede entschuldigt, die den anderen nicht verärgert, oder seine Meinung zurückhält, um niemanden zu verstimmen oder zu verletzen: Täglich lügen wir bis zu 200 Mal - nach Schätzungen von Forschern. Wir spielen etwas herunter, übertreiben ein bisschen, beschönigen ein klein wenig oder erfinden komplette Geschichten. Dabei schwindeln wir nicht nur die anderen an, sondern auch uns selbst.

Wie Kinder lügen lernen

Mädchen mit Lutscher Quelle: Caligari Films


Die Fähigkeit zu lügen, ist uns nicht in die Wiege gelegt, wir müssen sie erlernen. Babys erfahren im ersten Lebensjahr, dass es ein Ich und ein Du gibt. Sie entwickeln ein Selbst-Bewusstsein: die Voraussetzung dafür, später einmal lügen zu können. Erst mit vier Jahren sind Kinder fähig zur Empathie, sie lernen, sich in jemand anderen hineinzudenken. Ein Beispiel: Ein zweieinhalbjähriges Mädchen weiß genau, dass es einen Lutscher nicht nehmen darf. Aber es möchte ihn unbedingt und versucht deshalb, ihn zu verstecken. Sobald die Kleine jedoch von ihrer Mutter gefragt wird, ob sie den Lutscher genommen habe, ist sie ehrlich. Sie kann noch nicht lügen.

Ein anderes Experiment zeigt den Entwicklungsfortschritt: Ein vierjähriges Mädchen darf sich einen von drei Stickern aussuchen. Zunächst soll es aber einer Handpuppe, einem Hund, ihren Lieblingssticker zeigen, auf dem ein Papagei abgebildet ist. Dann darf sich zuerst der Hund einen der Sticker nehmen. Das Mädchen ist ehrlich, weil es weiß, dass der Hund nett ist und sich den anderen Sticker nehmen wird. Anders ist das bei der zweiten Handpuppe, dem Krokodil. Es ist böse, das hat die Versuchsleiterin dem Mädchen erzählt. Es wird sich den Sticker nehmen, den das Mädchen selber will. Kann es seinen Lieblingssticker vor dem Krokodil retten? Das Mädchen denkt nach und trifft eine Entscheidung: Es lügt das Krokodil an und zeigt ihm den Sticker, den es selbst nicht will. Der Trick funktioniert - der Lüge sei Dank.

Verräterische Mimik

Können wir jemandem sprichwörtlich an der Nasenspitze ablesen, ob er lügt? Schließlich stehen uns Gefühle ins Gesicht geschrieben. Und die damit verbundenen Signale sind in allen Kulturen gleich. Wissenschaftler untersuchen deshalb, wie man in den Zeichen der Mimik lesen kann. Mehr als 10.000 Mikroausdrücke, extrem schnelle und flüchtige Gesichtsbewegungen, haben Forscher katalogisiert. Sie sollen zeigen, ob ein Mensch lügt oder nicht. Denn Mimik ist unwillkürlich und damit verräterisch ehrlich.

Ein Beispielfall: Bill Clinton und eine der prominentesten Lügen der Zeitgeschichte. Der frühere US-Präsident behauptete 1998 in einer Fernseherklärung, zu Monica Lewinsky, der Praktikantin des Weißen Hauses, keine sexuelle Beziehung gehabt zu haben. Hätte er anhand seiner Mimik überführt werden können? Wissenschaftler studierten die Szene Bild für Bild. Als sie die mimischen Signale bestimmten Emotionen zuordneten, fiel ihnen ein Stirnrunzeln auf, das, gesteuert von 26 Muskeln, nur Bruchteile von Sekunden dauerte. Allgemein bedeutet es Überraschung oder Furcht. Die Furcht, entlarvt zu werden?

Lügen als sozialer Kitt?

Wir leben in einer Gesellschaft von Lügnern und Betrügern. Doch anders könnten wir unser komplexes Beziehungsgeflecht kaum aufrechterhalten. Ein Lügenforscher formuliert es drastisch. Wer immer die Wahrheit sagt, erlebt seinen dreißigsten Geburtstag nicht, so seine These. Die Lüge ist das Salz des Lebens. Eine Prise macht das Leben angenehmer, zu viel aber ungenießbar.

Wird die Lüge genutzt, um anderen Schaden zuzufügen oder um kriminelle Handlungen zu verschleiern, gilt es, den Lügner zu entlarven und bestrafen. Wie aber kann man die Wahrheit herausfinden, wenn der Lügner überzeugend auftritt und die Indizien nicht eindeutig gegen ihn sprechen? Schon Anfang des 20. Jahrhunderts träumten Wissenschaftler davon, ein Gerät zu bauen, mit dem man Lügner entlarven könne.

Die Wahrheit über Lügendetektoren

Lügendetektor - junge Frau mit Elektroden Quelle: BR


Der erste Lügendetektor wurde 1913 an der Universität Graz gebaut. Die modernste Variante wird derzeit an der Universiät Regensburg getestet. Das Prinzip: Wer lügt, müsste zumindest ein bisschen nervös sein. Und diese Nervosität hinterlässt Spuren im vegetativen Nervensystem, das wir nicht willentlich beeinflussen können. Deshalb werden Pulsschlag, Atmung, Muskelanspannung und Hautleitfähigkeit überwacht. Und es zeigen sich tatsächlich Veränderungen: Der Puls wird schneller, die Atmung flacher. Weil die Versuchsperson lügt? Nein, sagen die Forscher, die Ausschläge zeigen nur, dass die gestellten Fragen Aufregung auslösen - mehr tragen sie zur Wahrheitsfindung nicht bei. In Deutschland ist der Lügendetektor als Beweismittel vor Gericht nicht zugelassen. Denn wer häufig lügt, ist routiniert. Ein solches Gerät könnte nichts Auffälliges messen.

Forscher wollen der Lüge deshalb schon dort auf die Spur kommen, wo sie entsteht: im Gehirn. Im Computertomografen lügen die Probanden, bis sich die sprichwörtlichen Balken biegen. Das ist eine intellektuelle Leistung. Schließlich muss der Lügner wissen, welche Informationen sein Gegenüber hat. Und seine erfundenen Geschichten müssen plausibel sein - bis ins Detail. Die Scanbilder im Experiment zeigen: Beim Lügen rumort es gewaltig im Gehirn. Bestimmte Areale sind stark aktiviert. Sagen wir die Wahrheit, ist dort deutlich weniger los. Noch gibt es aber keine Möglichkeit, eine Lüge zweifelsfrei aufzudecken. Und je intelligenter und abgebrühter ein Lügner, desto schwerer ist er zu überführen.

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