Sekundenrausch an den Börsen

Von Brieftauben zum Rechenzentrum

Auf den Finanzmärkten ist Schnelligkeit wichtiger denn je. Es gilt: Wer zuerst über brandheiße Informationen aus der Wirtschaftswelt verfügt, kann sein Wissen zu Geld machen. Ohne die Hilfe von Maschinen ist dieser Wettlauf heute nicht mehr zu gewinnen. Millisekunden entscheiden über das Wohl und Wehe der Anleger.

Rechenzentrum
Riesige Rechenzentren fungieren als "Gehirn" der Börsen.

Viele überlassen deshalb den Handel gleich ganz den Computern. Programme analysieren die Entwicklungen der Vergangenheit und übertragen sie auf aktuelle Ereignisse. Dann handeln die Maschinen blitzschnell. Sie kaufen und verkaufen Positionen in wenigen Millisekunden. Selbst die Länge der Leitungen spielt dabei eine Rolle: Händler installieren ihre Rechner so nah wie möglich an den Rechenzentren der Börsen, um die entscheidende Millisekunde schneller zu sein.

Lohnende Investitionen

Im internationalen Handel sind Interkontinentalverbindungen wichtig. Mit Glasfaserkabeln, die tief im Meer verlegt werden, lassen sich Informationen mit Lichtgeschwindigkeit transportieren. Das neueste Projekt, eine Verbindung zwischen New York und London, wird rund 300 Millionen Dollar kosten und den Übertragungsweg um 500 Kilometer verkürzen.

Graphik: Weltkugel mit Verbindung New York - London
300 Millionen Dollar für sechs Sekunden - dennoch ein lohnendes Geschäft.

Zum ersten Mal wird ein Kabel dann der kürzestmöglichen Verbindung zwischen den beiden Finanzmetropolen folgen. Ein Zeitgewinn von sechs Millisekunden ist der lohnende Erfolg. Die großen Hedgefonds versprechen sich davon einen jährlichen Profit von 100 Millionen Dollar - pro Millisekunde.

Zeit ist Geld


Die extreme Beschleunigung der Wirtschaft nahm ihren Anfang vor über 200 Jahren. Die industrielle Revolution veränderte unsere Gesellschaft von Grund auf. Die ersten Opfer waren die Weber: Die Webstühle waren nicht länger nur Werkzeuge in den Händen der Weber, sondern übernahmen den kompletten Produktionsprozess. Ein Arbeiter konnte nun bis zu zehn Maschinen gleichzeitig bedienen und so 50 Mal so viel Stoff produzieren wie ein gewöhnlicher Handweber.

Zeit ist Geld. Dieser Ausspruch von Benjamin Franklin ist mittlerweile 300 Jahre alt. Doch bis heute bestimmt er das Wirtschaftsgeschehen. Waren es früher Tage oder Stunden, die man einsparen konnte, sind es heute Millisekunden, die über Erfolg oder Nichterfolg eines Handels entscheiden. Eine Zeiteinheit, die für uns gar nicht wahrnehmbar ist. Maschinen sind viel schneller, als es der Mensch sein kann. Für viele ist es daher auch nur eine Frage der Zeit, wann wir die Kontrolle über die künstlichen Helfer verlieren werden.

Wenn Computer eigenmächtig handeln

Am 6. Mai 2010 war so ein Moment: Ohne erkennbaren Grund stürzte der Dow Jones plötzlich dramatisch ab. In nur 20 Minuten verlor er fast 1000 Punkte. Erst Monate später veröffentlichte die US-Börsenaufsicht, wie es zu dem sogenannten Flash Crash kommen konnte.

Börsenmakler vor Screens
Fast schon ein Trugbild - die meisten Transaktionen erledigen Computer.

Ursache war der Verkauf eines ungewöhnlich großen Aktienpakets. Dieser Verkauf brachte die Programme an ihre Grenzen. Die Computer stellten ihre Aktivitäten ein. Die menschlichen Börsenhändler hatten in der Kürze der Zeit keine Chance, zu reagieren. Sie konnten nicht wissen, dass der Absturz keine realen Vorgänge in der Wirtschaftswelt widerspiegelte, sondern nur dem eigenständigen Ausstieg der Computer aus dem Handel geschuldet war.

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