Vorstoß zu den letzten Reserven

Das Ende des Öl-Zeitalters?

Wissen | Leschs Kosmos - Vorstoß zu den letzten Reserven

Harald Lesch mit einem ausführlichen Kommentar zum Thema der Sendung "Vorstoß zu den letzten Reserven: Das Ende des Ölzeitalters?".

Beitragslänge:
9 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 17.10.2018, 00:00

Seit über 20 Jahren wird gebetsmühlenhaft vor einer Katastrophe gewarnt: dass uns in absehbarer Zeit das Öl endgültig ausgehen wird. Sieht die Zukunft wirklich so düster aus, wie Skeptiker sie malen, oder ist es gar nicht so schlecht um die Ölreserven bestellt? Obwohl der Verbrauch weltweit stetig zunimmt und weiter zunehmen wird, scheint es, als ob sich immer wieder in buchstäblich letzter Minute neue Ölvorkommen erschließen lassen. Die tatsächliche Entwicklung hat Pessimisten immer wieder die Argumente genommen. Was ist also dran am drohenden Ende des Ölzeitalters?

Das schwarze Gold zählt seit seiner Entdeckung und dem unvergleichlichen Boom, den seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten auslösten, zu den begehrtesten Rohstoffen. Was ist uns auch in Zukunft das Ölzeitalter wert? Und: Wie lange wird es noch so weitergehen? Harald Lesch geht auf die Suche nach den letzten Ölreserven.

Geht uns bald das Öl aus?

Zeichnung Peak Oil
Als Peak Oil wird der Zeitpunkt des globalen Ölfördermaximums bezeichnet.

Was ist dran am drohenden Ende des Ölzeitalters? Sieht die Zukunft wirklich so düster aus, oder ist es gar nicht so schlecht um die Ölreserven bestellt und alles ist nur Miesmacherei? Niemand weiß genau, wie hoch die weltweiten Reserven tatsächlich sind, die im Boden schlummern und noch darauf warten, gefördert zu werden. Sicher ist nur, dass die großen ergiebigen Ölfelder alle schon im letzten Jahrhundert entdeckt und erschlossen wurden.

Der amerikanische Geophysiker Marion K. Hubbert prognostizierte bereits im Jahr 1956, dass das Fördermaximum der USA, der Peak Oil, 1972 erreicht sein werde. Doch seine Prognose wird von der Technik überrollt. Dass sich unser Tank wieder füllt, liegt an neuen technischen Möglichkeiten wie  dem „Fracking“ und an der Erschließung kleinerer und „unkonventioneller“ Ölquellen. Was das konventionelle Öl an Land betrifft, war das Fördermaximum 2006 erreicht. Hubbert hat zwar nicht den Zeitpunkt, aber die Entwicklung richtig vorhergesehen. Anders als zu Hubberts Zeiten nehmen wir heute auch das schwierig zu fördernde Öl mit in die Berechnung auf. Mit dem Irrsinn der totalen Ausbeutung verschieben wir so den Peak Oil nach hinten.

Das Öl vor dem Erdöl

Blauwal vor Frachter
Für die Ölproduktion wurden Blauwale fast ausgerottet.

Lange vor dem schwarzen Gold waren wir schon einmal abhängig von Öl: von Walöl. Es wird gewonnen aus dem Tran des Wals. Seit dem Mittelalter jagen wir Wale. Ihr Tran erhellte unsere Häuser, und Tranfunzeln waren billiger als Talglampen oder Kerzen. So entstand schnell eine regelrechte Ölindustrie. Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Fanggebiete vor den Küsten leer. Die Walfänger mussten nach neuen Vorkommen Ausschau halten und ins Packeis ausweichen. Die Amerikaner drangen sogar bis in die Südsee vor, und später erreichten sie auf  jahrelangen Fahrten die Antarktis: Blauwale und vor allem Pottwale im Visier. Pottwale liefern nämlich nicht nur Tran, sondern auch Ambra für die Parfümherstellung und Walrat, ein halbflüssiges Wachs im Kopf des Wals, für Kerzen und Salben.

Als Petroleum entdeckt wird, scheint die große Zeit des Walfangs vorbei. Doch einmal als Rohstoff entdeckt, finden Unternehmer bald neue Verwendungszwecke für Walöl. Es wird zur unentbehrlichen Grundlage für die Herstellung von Margarine, Seife, Farben und von Nitroglycerin. Bis in die 1950er-Jahre fließt Tran in die Produktion von Waschmitteln, Kosmetika und Speisefetten. In nur einem Jahr werden dafür rund 30.000 Blauwale getötet – mehr als heute noch in den Weltmeeren leben. Bis heute haben sich die Walbestände von diesem Massenschlachten nicht erholt. Mit der Gier nach Tran haben wir bereits eine Ölquelle fast zum Versiegen gebracht.

Nutzen-Risiko-Bilanz unseres Erdölhungers

Brennende Deepwater Horizon
Löscharbeiten auf der Deep Water Horizon. Quelle: dpa

Lange war es nicht notwendig, in die Entwicklung neuer Techniken zu investieren. Erst die sinkenden Fördermengen zwangen die Ölmultis, sich an die Tiefsee heranzuwagen. Es rentierte sich, Techniken für die Offshore-Bohrung zu entwickeln. In der Tiefsee hatte man riesige Ölfelder ausgemacht, beispielsweise vor der Golfküste Mexikos. Die Bohrinsel Deepwater Horizon ist eine technische Meisterleistung. Im April 2010 allerdings geschah das Unglück: Eine Explosion auf der Ölplattform riss drei Lecks in 1500 Metern Tiefe. Die größte bisherige Ölpest war die Folge. Doch den tatsächlichen Preis für die Förderung zahlen nicht die Konzerne.


Generell gilt: Je weniger Öl noch in einer Lagerstätte vorhanden ist, desto aufwendiger und riskanter für die Umwelt wird die Förderung. Eine neue riskante Methode, um an Öl zu kommen, ist Fracking: die Jagd nach Öl, das in Spalten des extrem dichten Schiefergesteins sitzt – etwa in 3000 Metern Tiefe. Dafür wird der Bohrer durch Grundwasserschichten getrieben und im Schiefer horizontal weitergeführt. Dann wird „gefrackt“: Unter hohem Druck presst man eine Mischung aus Sand, Wasser und Chemikalien ins Gestein Das darin gebundene Öl und Gas wird so herausgelöst. Mit dem Öl dringt Flüssigabfall nach oben. Giftiger Müll, der abtransportiert und später zur Entsorgung in den Boden gepresst wird. Die Gefahr der Trinkwasserverschmutzung ist hier nicht unerheblich.

Eine hoffnungsvolle Alternative

Petrischalen mit CO2 Kulturen
Gentechnisch veränderte Bakterien sollen Erdölersatz produzieren.

Angesichts des knapper werdenden Rohöls nehmen Forscher und Chemiekonzerne CO2 als neue Kohlenstoffquelle ins Visier. Ein faszinierender Gedanke: Man nutzt einen Stoff, von dem es zu viel gibt und den man sowieso gern als Klimagas loswerden würde. Technisch ist es bereits möglich, CO2 als neuen Rohstoff für die chemische Industrie zu nutzen.

Es gibt erste Erfolge: Man hat einen Schaumstoff gewonnen, aus dem einmal Turnschuhe, Matratzen, Leichtbauteile oder Dämmmaterialien produziert werden könnten, die heute noch auf Erdölbasis entstehen. Allerdings noch nicht im industriellen Maßstab. Noch steckt die Wissenschaft in den Kinderschuhen, die Verfahren sind noch nicht ausgereift. Doch es sind entscheidende Schritte auf dem Weg zum Ende des Ölzeitalters.

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