Was ist dran an den Steinzeitklischees?

Das Rollenspiel unserer Vorfahren

Der Alltag in der Steinzeit war scheinbar klar geregelt: Die Männer durchstreiften auf der Suche nach Beute tagelang die Wälder. Mit dem wertvollen Fleisch, das sie heranschafften, waren sie die Haupternährer ihrer Sippe. Die Frauen kümmerten sich im Schutz der Höhle vor allem um den Nachwuchs. Auf den ersten Blick ein einleuchtendes Bild. Doch wie genau widerspiegelt dieses Bild die Wirklichkeit?

Hinweise auf die Art der Arbeitsteilung in der Steinzeit fanden Archäologen erstmals in Grabstätten aus der Jüngeren Steinzeit. Die unterschiedlichen Grabbeigaben von Männern und Frauen schienen das angenommene Rollenschema zu bestätigen: In Gräbern von Männern entdeckten die Forscher Waffen für die Jagd und bei Frauen Töpfe für die Vorratshaltung und zum Kochen. Aber beweisen diese Funde tatsächlich das Modell von Hausfrau und Familienernährer?

Die wahren Ernährer

Werkzeuge aus der Steinzeit
Steinkeile dienten den Menschen als Werkzeuge.

Das Problem dabei ist nicht nur, dass sich Grabbeigaben nur sehr selten finden, sondern dass der Totenkult überhaupt erst vor 25.000 Jahren beginnt. Für die übrigen 2,4 Millionen Jahre der Steinzeit geben die wenigen Funde damit keinen Aufschluss. Aus diesem langen Zeitraum sind nur Skelette, Speisereste und Steinwerkzeuge erhalten, die viel Spielraum für Interpretationen lassen. Um sich dennoch ein genaues Bild zu machen, greifen Archäologen auf Forschungsergebnisse aus anderen Disziplinen zurück.

Von Ethnologen erhoffen sie sich dabei Einsichten in die Verhaltensweisen unserer Vorfahren. Seit Jahrzehnten studieren Feldforscher Naturvölker, die noch ursprünglich leben. Bei fast allen stoßen sie auf eine klare Arbeitsteilung: Die Männer gehen in kleinen Gruppen auf die Jagd - scheinbar eine Bestätigung der "klassischen" Rollenverteilung. Die Beobachtung der Frauen aber überrascht die Forscher: Denn anders als erwartet sind es hauptsächlich die Frauen, die ihre Familien ernähren. Die Früchte, Nüsse und Wurzeln, die sie sammeln, machen rund 80 Prozent der Nahrung für den gesamten Stamm aus.

Naturvölker als des Rätsels Lösung

Ausgrabungen: Steinzeit
Ausgrabungen lassen die Forscher neue Schlüsse ziehen.

Was verrät das Verhalten der Naturvölker nun aber über die Rollenverteilung in der Steinzeit? Gibt es Parallelen zu unseren Vorfahren? Archäologische Funde zeigen: Vor etwa 50.000 Jahren fangen Menschen an, sich auch von Pflanzen zu ernähren - wie die heutigen Naturvölker. In der Zeit davor, so verraten Speisereste, ist das Ernährungsspektrum der Menschen ziemlich eintönig. Vor allem Fleisch steht auf dem Speiseplan. Fleisch von mächtigen Mammuts und anderem Großwild, das zu dieser Zeit auf allen Erdteilen verbreitet ist. Stimmt also wenigstens in jener Epoche das Bild vom Mann als mutigem Jäger und Familienernährer?

Überraschende Funde führen Forscher auf eine neue Spur: Auf einem spanischen Hochplateau befand sich bis vor 250.000 Jahren ein weitläufiger See. Hier entdecken Forscher einfache Faustkeile und Knochen von Großwild. Die Lage der Knochen macht sie neugierig: Besonders in den sumpfigen Uferregionen des einstigen Sees häufen sich die Überreste der Tiere. Die Erklärung der Forscher: Der Ufersumpf diente als natürliche Falle. Die Menschen müssen Tiere von der Herde separiert und in einer Kesseljagd vor sich her getrieben haben. Das konnte nur gelingen, wenn möglichst viele Menschen daran beteiligt waren. Dass die Treibjagd auf große Herdentiere auch die Mitarbeit der Frauen erforderte, daran haben Forscher heute keine Zweifel.

Das neue Bild der Frau

Doch woher stammt dann das hartnäckig verbreitete Bild vom Steinzeitjäger und seinem Höhlenheimchen? Dieses Klischee haben wir Archäologen aus dem 19. Jahrhundert zu verdanken, die als Erste die Steinzeit erforschten. Die Geburtsstunde des Busens In ihren spärlichen Funden sahen sie die Vorstellung von den Geschlechterrollen ihrer eigenen Zeit "von Natur aus" bestätigt: Männer waren demnach für die Ernährerrolle und das öffentliche Leben gemacht, während die Frauen ihren Wirkungskreis aufs traute Heim beschränkten. Bis heute hält sich der hartnäckige Mythos vom "Steinzeiterbe", um das Rollenverständnis der Geschlechter zu beschreiben.

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